© Fotos by Monika Jäggi, OnlineReports.ch
"Unbeabsichtigt und spontan": Basler Quartier-Oase Tankstellen-Shop

Ein Tankstellen-Shop sorgt beispielhaft für Quartier-Aufwertung

Weshalb das Avia-Bistro am Basler Kannenfeldplatz der beklemmenden Stille nach Ladenschluss entgegenwirkt


Von Monika Jäggi


Es ist ein schräger Ort in Basel – belebt von Schachspielern, Expats und Familien aus dem Quartier. Ausgerechnet der Avia-Bistro-Shop, wo immer etwas los ist, trägt zur speziellen Atmosphäre am Kannenfeldplatz bei. An diesem Platz stimmt städtebaulich vieles – und dies ungeplant. Mehr noch: Er könnte beispielhaft sein für die Stadtentwicklung.


Neonlicht, Kunstlederbank, Plastikblumen, nüchterne Einrichtung. Der Avia Bistro-Shop, der früher einen Laden für Tauchsport beherbergte, ist keine Wohlfühl-Oase. Der Geruch, die Beleuchtung, die Theke – man wähnt sich beim Eintritt in eine Autobahn-Raststätte und nicht am Kannenfeldplatz im oberen St. Johann-Quartier.

Zwei Pflanzenkübel stehen vor dem Eingang, dahinter leicht verstellt mit Kühltruhe, Regalen und vollbehangenen Krimskrams-Ständern der Laden mit den üblichen Alltagsprodukten. Auf der anderen Seite im Bistro fallen die lange rote Sitzbank aus Kunstleder mit ihren Hochsitzen und die Schachspieler auf, die, an den Tischen sitzend, konzentriert auf ihre Bretter starren.

Schach anstatt WLAN

Die Spieler treffen am frühen Nachmittag ein. Später werden sie fast das ganze Bistro besetzen. Jeden Tag wird hier intensiv Schach gespielt. "Manchmal müssen wir sie rauswerfen, weil sie so vertieft sind in ihr Spiel. Manchmal gehen auch die Emotionen hoch und wir müssen beruhigen", erklärt der langjährige Mitarbeiter Kay Lohann. Er hat auch schon beobachtet, dass sich Shop-Besucher interessiert dazusetzen und zu passionierten Schachspielern werden.

Auffallend beim Betreten des Bistro-Shops ist die Ruhe – keine Musikberieselung, die nervt. Auch der grosse TV-Bildschirm ist dunkel. "Wir haben ihn kürzlich ausgeschaltet. Niemand hat ihn bis jetzt vermisst", sagt Lohann. Auch Laptops auf den Tischen sind selten. "Wir haben hier kein WLAN." Dies sei ein Vorteil: "Die Leute reden miteinander – oder spielen."

Eine bunte Mischung

Während des Besuchs von OnlineReports nehmen am Nebentisch zwei junge englischsprechende Männer Platz, bestellen Kaffee und Kuchen – und diskutieren. Beide arbeiten am nahe gelegenen Biozentrum. Sie kämen öfters hierher, erklären die Forscher auf Nachfrage. Lohann kennt viele Gesichter und Geschichten, denn oft auch reicht es zu einem kurzen Schwatz.

"Bei uns schaut der Pathologe vom Spital vorbei, aber auch der Vater mit dem Kinderwagen auf dem Weg zum Spielplatz im Kannenfeldpark." Es sind vor allem die kleinen Begegnungen, die mich beeindrucken", sagt er. Auch viele Expats kauften am Wochenende oder am Abend bei ihm ein. "Die Kundschaft ist sehr international – das macht es interessant."

Sicherheitsgefühl - auch nachts

In den grossflächigen Fensterscheiben des Shops spiegeln sich die Platanen vom Kannenfeldplatz, die Jogger und Fussgänger – aber auch Lastwagen und Busse, Velos und Autos, die um den Platz kurven. Oft ist der Verkehr laut. Trotzdem sind die Holztische auf dem breiten Trottoir vor dem Lokal fast immer besetzt, Leute gehen ein und aus.

Auch nachts ist immer etwas los – der Laden ist bis um 22 Uhr geöffnet, sieben Tage die Woche. Die Schaufenster sind hell erleuchtet – man sieht rein und auch raus. Beruhigend für Leute, die in der Dunkelheit aus den Bussen und Trams steigend, den Platz überqueren müssen.

Keine spektakuläre Baukunst

Die Häuserzeile zwischen Entenweidstrasse und Mülhauserstrasse, an deren nordöstlicher Ecke der Treffpunkt liegt, besticht nicht durch spektakuläre Baukunst – im Gegenteil. Auch präsentiert sich die Häuserzeile keineswegs als Juwel der Stadtgestaltung. Die Nutzungen könnten gegensätzlicher nicht sein, ebenso die jeweiligen Kunden.

Neben dem langgezogenen Bistro-Shop mit Flachdach – eine Öffnung in der Blockrandbebauung – findet sich in einer ehemaligen Autowerkstatt die Galerie von Bartha. Auch dieser Raum liegt hinter einer Glasfront. Davor verstellen die zwei Säulen der Avia-Tankstelle den Eingang zum Schauraum: Kunstbegeisterte und Tankende, Champagnerduft und Benzingestank vermengen sich so während einer Vernissage vor der Galerie.

Den Abschluss der seltsamen Häuserzeile bildet ein mehrstöckiges älteres Wohnhaus. Das Restaurant im Erdgeschoss fällt auf durch seine wechselnde Besetzung: Lange eine Quartierbeiz, bis vor kurzem ein chinesisches Restaurant, heute wieder eine Wirtschaft. Von dort schweift der Blick nach Westen über die Bahngeleise Richtung Frankreich.

Eine authentischer Ort

Während sich tagsüber in der Innenstadt die Baustellen in leeren Schaufenstern spiegeln, senkt sich über sie nach Ladenschluss und am Wochenende eine beschauliche Tristesse. Nicht so am Kannenfeldplatz. Dort findet das Quartierleben statt. Man flaniert über und um den Platz.

Hier wird ein Ort zum Ort. Unbeabsichtigt und spontan stimmt an dieser kuriosen Ecke und damit auch auf dem Kannenfeldplatz vieles, das Stadtplaner anderswo im Zuge einer Stadt- und Quartierentwicklung zu versuchen vorzugeben: Eine besondere Ansammlung von Charakteren und Qualitäten – Kunst, Essen, sozialer Treffpunkt wie der Bistro-Shop – sowie ein Mix von historischen und modernen Gebäuden, viel Grün, Licht und Sonne und dem Kannenfeldplatz mit seinem denkmalgeschützen Tramhaltestelle und seiner spürbaren Vergangenheit.

Dazu kommt, dass die verschiedenen Nutzungen von der Strasse aus direkt zugänglich sind. Breite Trottoirs, lange Öffnungszeiten, kurze Wege aus dem Quartier und ein Platz, der gut erschlossen ist durch den öffentlichen Verkehr machen das Durchflanieren und Verweilen  angenehm. Ein Ort wird zum Ort, wenn er sich von anderen unterscheidet und so identitätsstiftend wird. Aufatmen – Durchatmen. Auch das ist möglich an diesem Platz, den man gern bekommt.


Dieser Beitrag war dank des OnlineReports-Recherchierfonds möglich.

3. Dezember 2015


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"Wohlwollende, vorurteilslose Offenheit"

"Ein Ort wird zum Ort", kommentiert Monika Jäggi den Impuls, der vom Tankstellen-Shop am Kannenfeldplatz ausgeht. Ich bin die letzten Jahre achtlos am Kannenfeldplatz vorbeigefahren, den ich in meiner Kindheit als besonderen Platz sehr schätzte: Das erfrischende Eis am Kiosk, die herrliche Weite des Platzes, gepflegte Bäume und Bepflanzungen, saubere Bänke, die Offenheit unterwegs zur Antoniuskirche und der nahe Zugang zum Park, wo wir oft spielten. Der Platz hat über die Jahrzehnte, wie viele andere Plätze in Basel auch, durch Nachlässigkeit in der Pflege und Einfallslosigkeit in der Nutzung gelitten – und ich wünsche mir nicht eine banale Eventbespielung mit Bratwurst und Jazz.

Wenn trotz allem an vergessenenen Orten neues Leben entsteht, so ist dies merkwürdig. Monika Jäggi schaut hin mit wohlwollender, vorurteilsloser Offenheit. Die Plätze Basels verdienen solche einfühlsame Aufmerksamkeit.


Konstantin Bachmann, Basel



"Aufschlussreiche, lebendige Reportage"

Vielen Dank für diese aufschlussreiche, lebendige Reportage! Es ist wichtig, dass die Medien sich damit beschäftigen, was unser Gemeinwesen ausmacht, im Guten wie im Schlechten – auch und vermehrt abseits der politischen Institutionen. Freut mich, dass der Recherchierfonds hier investiert.


Heinz Weber, Basel



"Das Zauberwort"

Liebe Stadtplanerinnen und Planer: "Entschtoh-loh" ist das Zauberwort (Lucius Burckhardt).


Beatrice Alder, Basel


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"Die Sozialhilfe hatte bereits Anfang Dezember die Wärmetube aufgefordert, weniger Gutscheine an ausserkantonale und ausländische Wanderarbeiter zu vergeben, ..."

Schweiz am Sonntag
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vom 31. Dezember 2016
über die Wärmestube
"Soup&Chill"
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Wenn eine sterbende Zeitung noch kurz auf die Tube drückt.

RückSpiegel


Die Basellandschaftliche Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht über den erneuten Parteiwechsel von Grossrat Michel Rusterholtz auf.

Die Basellandschaftliche Zeitung griff die OnlineReports-News über den Sammelerfolg des Referendums gegen Alkohol in Jugendzentren auf.

Die OnlineReports-Story über Andrea Strahm und die Präsidiums-Suche der Basler CVP nahmen das SRF-Regionaljournal, die TagesWoche, die Basler Zeitung und die BZ Basel auf.

Das SRF-Regionaljournal, die Basler Zeitung und die BZ online nahmen die OnlineReports-News über den Austritt Daniel Goepferts aus dem Basler Grossen Rat auf.

In ihrem Kommentar über "Die Arroganz der Basler Regierung" (Schlagzeile) nahm die Basler Zeitung Bezug auf eine Schilderung in OnlineReports.

SRF online bezog sich in ihrem Bericht über den ASE-Prozess auf OnlineReports.

Für ihre Sendungen "10vor10" und "Schweiz aktuell" holte das Schweizer Fernsehen Statements bei OnlineReports ein.

Die BZ Basel und 20 Minuten online bezogen sich in ihren Artikel über die Basler CVP-Präsidentin Adrea Strahm auf ihre Kolumnen in OnlineReports.

Die Basellandschaftliche Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht über Platzprobleme des neuen BVB-"Flexity"-Trams am Basler Aeschenplatz auf.

In seinem Bericht über den Anlage-Skandal der ASE Investment ging die Sendung "10vor10" des Schweizer Fernsehens auf die Rolle von OnlineReports bei der Enthüllung des Schwndels ein.

In seinem Bericht über das von Handwerker-Autos besetzte Trottoir in der Basler Centralbahnstrasse nahm das SRF-Regionaljournal auf einen früheren OnlineReports-Artikel Bezug.

Die Basler Zeitung, die BZ Basel, das SRF-Regionaljournal, 20 Minuten online und die SDA nahmen den OnlineReports-Bericht über die Verurteilung des Rappers Ensy auf.

Die Volksstimme beschrieb, wie Peter Knechtli vor 30 Jahren die Brand-Katastrophe von Schweizerhalle erlebte.

Die NZZ zitierte aus dem OnlineReports-Kommentar zu den Basler Regierungsrats-Wahlen.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Der Basler "Mittelstand" hat seit Anfang dieses Jahres mit Remo Ley, der Paul Rüst ablöst, einen neuen Präsidenten.

• Mit 7,3 Millionen Passagieren verzeichnete der EuroAirport im Jahr 2016 mit einer Zunahme von knapp vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr einen neuen Rekord.

• Nach dem Rücktritt von Elisabeth Ackermann als Co-Präsidentin der Basler Grünen als Folge ihrer Wahl in die Kantonsregierung führen interimistisch Harald Friedl und Barbara Wegmann die Partei.

Tobias Brenk ist als Nachfolger der abtretenden "Kaserne"-Chefin Carena Schlewitt neuer künstlerischer Leiter des Theaterfestival Basel.

Gerhard Schafroth, Gründungsmitglied und Gründungspräsident der Baselbieter Grünliberalen, tritt nach fast zehn Jahren aus dem Parteivorstand zurück und überlässt seinen Posten dem 26-jährigen Frenkendörfer Wirtschaftsstudenten Patrick Wolfgang.

• Die Augenkliniken des Kantonsspitals Baselland und des Universitätsspitals Basel arbeiten künftig so eng zusammen, dass sie ihre Angebote miteinander abstimmen und medizinisches Personal austauschen.

• In Liestal werden die Gasstrasse (Abschnitt Rheinstrasse bis Weierweg), der Weierweg und die Rosenstrasse vom Gemeinde- ins Kantonsstrassennetz integriert und umgebaut werden.

Beat Lüthy (54), dreifacher Vater aus Sissach, wird neuer Leiter des Baselbieter Amts für Volksschulen.

• Der ACS beider Basel will gegen die Einführung von "Tempo 30" auf Basler Hauptverkehrsachsen weiter zu kämpfen und den Fall am Beispiel der Sevogelstrasse vor Bundesgericht bringen.

• Mit dem Ziel, dass Basler Jugendzentren alkoholfrei bleiben, hat ein Komitee aus gesundheits- und jugendschutzorientierten Kreisen das Referendum gegen das revidierte Gastgewerbegesetz ergriffen.

• Im Rahmen ihrer Aktion "Noël" hat die Basler Kantonspolizei 36 Langfinger verhaftet.

• Zur Unternehmenssteuer-Reform III haben die Basler SP-Delegierten mit 84 zu 47 Stimmen bei 3 Enthaltungen die Nein-Parole beschlossen.

• In zwei von 27 Enkelbetrugs-Fällen konnten Gangster im Baselbiet gesamthaft 16'000 Franken ergaunern.

• Entgegen der ursprünglichen Absicht bleibt der Polizeiposten Waldenburg aus "regionalpolitischen Gründen" bis auf Weiteres bestehen, wie die Baselbieter Regierung schreibt.

• Die beiden Basler Parteien CVP und EVP führen ihre seit vier Jahren bestehende Fraktionsgemeinschaft im Grossen Rat weiter.

Leila Straumann, die Leiterin der baselstädtischen Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern, übernimmt ab 1. Dezember 2017 das Präsidium der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG).

• Die Stimmberechtigten von Sissach haben sich mit 1‘583 Ja- gegen 985 Nein-Stimmen für den Ausbau der Kunsteisbahn zur geschlossenen Eishalle ausgesprochen.

• Grossrätin Beatrice Isler übernimmt den Vorsitz der CVP-Frauen Basel-Stadt als Nachfolgerin der langjährigen Präsidentin Jenny Ch. Wüst.

• Das Budget 2017 von Riehen lässt bei Ausgaben von 112 Millionen Franken einen Überschuss von rund 0,7 Millionen Franken erwarten.

• Weiterhin gleich bleibende Konditionen für Baselbieter Steuerzahlende: Der Vergütungszins für das Jahr 2017 bleibt bei 0,2 Prozent, der Verzugszins bei 6 Prozent.

• Das aus Vertretern von BDP, FDP, LDP und SVP bestehende überparteiliche Komitee "Nein zum überteuerten Kasernen-Umbau" hat mit knapp 2'900 Unterschriften das Referendum gegen das vom Grossen Rat beschlossene Projekt eingereicht.

Markus Balmer wird neues Mitglied der IWB-Geschäftsleitung und neuer Leiter des Geschäftsbereichs Vertrieb als Nachfolger des kürzlich verstorbenen Patrick Schünemann.

• Die Reinacher Gemeinderätin Bianca Maag-Streit wird ab 1. Januar 2017 Präsidentin des Verbandes Basellandschaftlicher Gemeinden (VBLG) und damit Nachfolgerin von Peter Vogt, Gemeindepräsident von Muttenz.