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Der Mehrheits-Herrschaft abgeneigt: "Lederstrumpf"-Autor James Fenimore Cooper

Auf den Spuren von "Lederstrumpf"-Autor James Cooper

Ein neues Buch über den "Lederstrumpf"-Autor, seine Schweiz-Erlebnisse, seine Vorstellungen von Demokratie und Amerika


Von Aurel Schmidt


Red. In zahlreichen Schweizer Buchgestellen dürfte ein dicker Wälzer noch immer seinen Stammplatz haben: Der Indianer-Schmöker "Lederstrumpf". Sein Verfasser ist der Amerikaner James Fenimore Cooper, der, was viele nicht wissen, zweimal auch die Schweiz bereist und hier bewegende Naturerlebnisse erfahren hatte. OnlineReports-Autor Aurel Schmidt hat nach Coopers Spuren geforscht und legt nun ein über 300-seitiges Cooper-Buch vor.


Der "Lederstrumpf" ist ein bekanntes Buch, das bei vielen Menschen, die es in ihrer Jugend gelesen haben, einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Geht man aber der Sache etwas nach, wird man bald feststellen, dass es sich dabei meistens um eine verstümmelte Version handelt. James Fenimore Cooper (1789-1851), der Verfasser der fünf Romane, die unter dem Titel "Der Lederstrumpf" erschienen sind, hat darin ein Kapitel der amerikanischen Pioniergeschichte festgehalten. In der weitherum verbreiteten Kinderbuchfassung ist davon freilich nicht viel übrig geblieben.

1828 und 1832 in der Schweiz

Amerika bildete Coopers lebenslanges Thema als Schriftsteller. Aber der Blick, den der Autor auf das Land geworfen hat, war geprägt von dessen siebenjährigem Aufenthalt in Europa zwischen 1826 und 1833. Zweimal, in den Jahren 1828 und 1832, hat Cooper auch die Schweiz bereist.

Von Bern aus, wo er 1828 für drei Monate ein Haus gemietet hatte, unternahm er verschiedene ausgedehnte Reisen. Während des zweiten Aufenthalts 1832 verbrachte er einen Monat in Vevey und schrieb an einem Roman, der den Titel "Der Scharfrichter von Bern oder Das Winzerfest" trägt und Genf, den Genfersee und den Grand Saint-Bernard während eines Schneesturms zum Schauplatz hat. Der Roman ist eines von 35 Büchern , die Cooper geschrieben hat, und genau so unbekannt wie dessen zwei Druckwerke über die Schweiz, in denen er seine Reiseeindrücke und politischen und gesellschaftlichen Beobachtungen zusammenfasste.

Der Vevey-Roman mit seiner an den Haaren herbei gezogenen Handlung ist weniger von Interesse als die zwei anderen Werke. Während des ersten Aufenthalts in der Schweiz war Cooper sehr empfänglich für die landschaftlichen Schönheiten. Die Schweiz war zu jener Zeit immer noch ein bevorzugtes Reiseland, aber Cooper empfand auch eine durch das viele "Aussichten-Sehen" verursachte physische Ermüdung.

1832, bei seinem zweiten Schweizer Besuch, standen andere Fragen im Vordergrund, vor allem politische, was sich aus der Tatsache erklären lässt, dass Cooper 1830 in Paris die Revolution mit verfolgt hatte und sich nun mehr für Fragen der staatlichen und politischen Organisation interessierte. Immerhin dauerte es nur noch 18 Jahre bis zur Gründung des Bundesstaates, und das Rumoren, das dem Neuanfang in der Schweiz voraus ging, ist nur wie ein fernes Echo in Coopers Erinnerungen zu hören. Kurz gesagt: Für die demokratischen Bestrebungen brachte er kein grosses Verständnis auf.

Erfolgreich, aber auch umstritten

Cooper war ein erfolgreicher, aber auch umstrittener Schriftsteller, besass Land, war also ein wohlhabender Landlord, und betrachtete die politische Entwicklung in Europa wie den Vereinigten Staaten unter dem radikal-demokratischen Präsident Andrew Jackson mit äusserst gemischten Gefühlen.

Als er nach Europa mit seinen feudalen und restaurativen Verhältnissen kam, konnte er gar nicht genug die amerikanische Demokratie preisen. In der demokratischen Staatsform sah er den Schlüssel für den Aufstieg und Erfolg der noch jungen Vereinigten Staaten, von denen er überzeugt war, dass sie einmal eine welthistorische Rolle spielen würden. Er verstieg sich sogar zur Bemerkung, dass die Feinde Amerikas auch die Feinde der Freiheit seien - eine Aussage, die man erst kürzlich erneut in den Vereinigten Staaten gehört hat.

Aber dann begann er seine Meinung zu ändern. So kategorisch, wie er Aristokratie und Feudalismus ablehnte, so sehr distanzierte er sich im Lauf der Zeit auch von der Demokratie. Seine zunächst skeptische Einstellung nahm immer reaktionärere Züge an, auch wenn er die sich abzeichnende Geldwirtschaft vehement kritisierte. Es sieht aus, als sei er, der im Geist der Gründerzeit mit ihren vorindustriellen Idealen aufgewachsen war, von der Entwicklung überrollt worden. In der "Littlepage"-Trilogie liest man wie vor den Kopf gestossen Sätze wie zum Beispiel: "Das Cardinal-Übel in unserem Land besteht in der Herrschaft der 'Mehrheit'."

Er meinte auch, dass "die Abstufungen an Wohlhabenheit eine unvermeidliche Consequenz der Civilisation" sei. Zivilisation ist also eine Gesellschaftsform, in der die einen alles besitzen und Politik die Vertretung ihrer Interessen bedeutet. Es ist nicht ganz abwegig zu sagen, dass Cooper auf seine Weise die amerikanische Interpretation von Demokratie vorweg genommen hat. Demokratie ist mit anderen Worten das, was gut für Amerika ist, nicht mehr und nicht weniger.

Keine Spur von Gewaltentrennung

In "Die Ansiedler", dem vierten Roman aus der "Lederstrumpf"-Folge, vertritt Natty Bumppo das Naturrecht. Längst aber hat sich das Gesetzesrecht (beziehungsweise in Amerika das Richterrecht) ausgebreitet, das im Roman von Richter Marmaduke Temple vertreten wird, der Landbesitzer ist, auf der Seite der Gesetzgeber steht und ausserdem auch noch das Richteramt versieht. Marmaduke Temple vereinigt also sämtliche politischen und sozialen Gewalten in seiner Person. Von Gewaltentrennung keine Spur.

Für Cooper war das kein Hindernis, was um so weniger erstaunlich ist, als er für die Figur des Richters Temple seinen Vater zum Vorbild genommen hatte. William Cooper war ein geschäftstüchtiger Landprospektor, aber auch ein Landspekulant, der die Siedlung Cooperstown am Otsego-See im heutigen amerikanischen Bundesstaat New York gegründet hatte, wo James Fenimore Cooper aufwuchs und nach Rückkehr aus Europa den grössten Teil seines Lebens verbrachte.

Seine Romane betrachtete Cooper gewissermassen als Mittel, um sowohl seine Überzeugungen wie seine Interessen zu verbreiten. Seine enorme schriftstellerische Produktivität ist das eine, seine einseitigen politischen Überzeugungen sind das andere. Er war eine zwiespältige Erscheinung, aber gerade darum ist es auch möglich, in seiner Person, seinen Ideen und seinem Werk so viele aufschlussreiche Seiten zu entdecken: über die Schweiz, Amerika, die Demokratie, die Literatur.



Aurel Schmidt: "Lederstrumpf in der Schweiz. James Fenimore Cooper und die Idee der Demokratie in Europa und Amerika", Huber, 304 Seiten, 48 Franken.

16. Dezember 2002


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