© Foto by Gedenkstätte Museum Auschwitz, MPG-Archiv
"Aktive Rolle der Wissenschafter": Forschungspolitiker Herbert Backe

Nazis: Pflanzenzüchtung für den End-Sieg

Deutsche Agrarwissenschafter liessen selbst Auschwitz-Häftlinge für sich arbeiten


Deutsche Agrarforscher kooperierten vor und während dem Zweiten Weltkrieg eng mit den nationalsozialistischen Machthabern - bis hin zur Zusammenarbeit mit dem Konzentrationslager Auschwitz. Dies zeigt eine neue Studie im Auftrag der deutschen Max-Planck-Gesellschaft.


Von LUKAS STRAUMANN*

Sie folgten der deutschen Wehrmacht auf ihren Feldzügen, plünderten Forschungsinstitute im besetzten Osteuropa und liessen KZ-Häftlinge für sich arbeiten: Deutsche Agrarwissenschaftler verstiessen während dem Zweiten Weltkrieg gegen elementare Menschenrechte und das Völkerrecht. Zu diesem Schluss kommt die Berliner Historikerin Susanne Heim, seit kurzem Leiterin des Forschungsprogramms zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) im Dritten Reich. Mit einem Team von professionellen Historikern erforschte sie die brisante Geschichte der wichtigsten wissenschaftlichen Gesellschaft Deutschlands, aus der 1948 die Max-Planck-Gesellschaft hervorging. Im Zentrum einer neuen Studie von Heim steht die Pflanzenzüchtung.

Forschung für die „Nahrungsfreiheit“

Schon bald nach der nationalsozialistischen Machtergreifung von 1933 begannen die deutschen Agrarforscher, ihre Arbeit auf einen möglichen Krieg auszurichten. Ziel war die „Nahrungsfreiheit“ - gemeint war eine autarke Versorgung Deutschlands mit pflanzlichen und tierischen Rohstoffen. Die Wissenschaftler hatten aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs gelernt: Bei einem neuerlichen europäischen Waffengang sollte eine Versorgungskrise wie im Hungerwinter 1917/18 unter allen Umständen vermieden werden.

Ein wichtiger Protagonist der deutschen Ernährungsplanung war Herbert Backe, Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und hochrangiger SS-Offizier. Er war seit 1941 Vizepräsident der KWG und hatte massgeblichen Einfluss darauf, dass sein Ministerium zu einem der wichtigsten Geldgeber der Gesellschaft wurde.

Besonders wichtig für die deutsche Autarkieplanung war das östlich von Berlin gelegene Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Züchtungsforschung in Müncheberg, eines von zahlreichen Forschungsinstituten der KWG. Hier wurde an der Verbesserung eiweiss- und ölhaltiger Pflanzen wie Soja, Sonnenblumen und Raps sowie an Futterpflanzen geforscht: Neu gezüchtete Sorten sollten insbesondere die „Fett- und Eiweiss-Lücke“ in der Versorgung Deutschlands decken. Darüber hinaus sollte die Entwicklung neuer Nutzpflanzen mithelfen, den von Hitler für Deutschland beanspruchten europäischen Osten zu kolonisieren.

Zugriff auf sowjetische Forschungsinstitute

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs und besonders mit dem anfänglich erfolgreichen Russlandfeldzug seit Sommer 1941 eröffneten sich den deutschen Agrarwissenschaftlern neue Perspektiven und Karrierechancen. Der Zugriff auf die sowjetischen Forschungsinstitute - unter ihnen dasjenige des berühmten Pflanzengenetikers Nikolai Ivanovič Vavilov bei Leningrad - bescherte den Deutschen neues genetisches Material für die Pflanzenzüchtung. Das wissenschaftliche Personal wurde deutscher Kontrolle unterstellt, die vorhandenen Sammlungen und Forschungsmaterialien in vielen Fällen beschlagnahmt und ins Reich überführt.

Kautschuk aus Löwenzahn

Ein besonders düsteres Kapitel ist die Zusammenarbeit des KWI für Züchtungsforschung mit dem Konzentrationslager Auschwitz. Hintergrund war der ehrgeizige Versuch, für die während des Krieges blockierten Kautschuk-Importe aus den Tropen einen Ersatz zu finden. Dazu schien die osteuropäische Löwenzahn-Art Kog Saghys (Taraxacum Kok Saghys) geeignet, deren Wurzeln einen kautschukhaltigen Milchsaft enthalten.

Bereits im Frühjahr 1938 begann der Botaniker Richard Böhme am KWI für Züchtungsforschung mit der Erforschung von Kautschukpflanzen. Den entscheidenden Impuls für den Anbau von Kok Saghys gab jedoch der Russlandfeldzug, in dessen Verlauf den deutschen Besatzern umfangreiche Forschungsmaterialien, Saatgut und eine auf die Verarbeitung der Kautschukpflanzen spezialisierte Fabrik in der Ukraine in die Hände fielen. Die kriegsstrategische Nutzung des Löwenzahns war keine deutsche Idee: Sowjetische Experten hatten bereits seit Anfang der 1930er Jahre an der Gewinnung von Pflanzenkautschuk aus Kok Saghys gearbeitet.

Angesichts des akuten Gummimangels der Wehrmacht für die Reifen ihrer Fahrzeuge rückte die „Kautschuk-Frage“ im Frühjahr 1941 in Deutschland ganz oben auf die politische Agenda. Zwar hatte der Chemiekonzern IG Farben einen synthetischen Kautschuk („Buna“) entwickelt, der im Reich hergestellt werden konnte. Doch reichte die Buna-Produktion weder quantitativ noch qualitativ aus, um den Naturkautschuk zu ersetzen.

Auschwitz-Häftlinge im "Pflanzenzuchtkommando"

Besonders die SS witterte die Chance, sich wissenschaftlich zu profilieren. Sie beauftragte 1942 den SS-Offizier und Agronomen Joachim Caesar mit dem Aufbau einer landwirtschaftlichen Versuchsstation in Rajsko bei Auschwitz, wo der Kok Saghys-Anbau studiert werden sollte. Als Arbeitskräfte für die Anzucht der Pflanzen wurden wissenschaftlich qualifizierte Häftlinge aus dem Konzentrationslager Auschwitz eingesetzt, dem die Station angegliedert war. Für die Angehörigen des sogenannten „Pflanzenzuchtkommandos“ waren die Überlebenschancen zwar wesentlich besser als in andern Teilen des Lagers, doch bei den geringsten Vergehen oder im Krankheitsfall drohten eine Rückkehr ins Stammlager oder sogar die Gaskammer.

Im Juli 1943 übernahm Reichsführer SS Heinrich Himmler als Sonderbeauftragter für Pflanzenkautschuk die Federführung der deutschen Kok Saghys-Forschung. Weiterhin eine führende Rolle spielte auch das KWI für Züchtungsforschung unter der Leitung von Direktor Wilhelm Rudorf: Im Februar 1944 verlegte das Institut seine Kautschuk-Forschungsabteilung nach Auschwitz und legte sie mit derjenigen der SS zusammen. KWI-Abteilungsleiter Richard Böhme siedelte nach Auschwitz über, wo er die Häftlingsarbeit im Pflanzenzuchtkommando überwachte.

Der Kok-Saghys-Anbau in den besetzten Ostgebieten erreichte vorübergehend ein beachtliches Ausmass – für 1944 war ein Anbau auf 120'000 Hektaren geplant. Der wegen des hohen Arbeitsaufwandes unbeliebte Anbau der Pflanze wurde den Bauern von der Besatzungsmacht aufgezwungen. Das Kautschuk-Projekt scheiterte aber bald wegen des Vormarsches der Roten Armee und dem deutschen Rückzug aus den wichtigsten Anbaugebieten. Nach Kriegsende wurde die Kok-Saghys-Forschung eingestellt: Mit dem wieder verfügbaren tropischen Kautschuk konnte die Löwenzahn-Verarbeitung nicht konkurrenzieren. Anbau und Verarbeitung der Pflanze waren nur unter den Bedingungen des Krieges und der Zwangsarbeit rentabel.

Aktive Rolle der Wissenschaftler

Mit den Agrarwissenschaften rückt Susanne Heims Studie ein wichtiges, in seiner historischen Bedeutung oft unterschätztes Forschungsgebiet ins Bewusstsein. Das Buch besticht durch seine nüchtern vorgetragene, differenziert abwägende Beurteilung des Verhaltens der einzelnen Wissenschaftler und Institutionen. Abschliessend spricht sich die Autorin gegen nach wie vor verbreitete apologetische Erklärungen aus - wie derjenigen der vermeintlichen Wissenschaftsfeindlichkeit der Nationalsozialisten oder eines angeblichen "Missbrauchs" der Naturwissenschaften durch das NS-Regime. Vielmehr betont Heim die aktive Rolle der Wissenschaftler, die ihre Qualifikation in den Dienst des NS-Systems stellten, "sei es aus politischer Überzeugung, aus Karriereinteresse oder aus Hingabe an die Wissenschaft".



Susanne Heim: Kalorien, Kautschuk, Karrieren. Pflanzenzüchtung und landwirtschaftliche Forschung in Kaiser-Wilhelm-Instituten 1933-1945, Göttingen (Wallstein) 2003

* OnlineReports-Autor Lukas Straumann ist promovierter Historiker. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bergier-Kommission und ist Ko-Autor der Studie "Schweizer Chemieunternehmen im Dritten Reich".

31. März 2004


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"Die einseitige Basler Verkehrspolitik nimmt weiter zu"

CVP Basel-Stadt
Titel einer Medienmitteilung
vom 9. Februar 2020
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