© Foto OnlineReports, weitere Veröffentlichung verboten
"Ich habe nichts gemacht": Verurteilter Politiker Samuel Wehrli

Samuel Wehrli wegen sexuellen Übergriffen auf seine Tochter verurteilt

Baselbieter Kantonsgericht wandelt Freispruch in bedingte Gefängnisstrafe von 18 Monaten um


Von Peter Knechtli


Das Baselbieter Kantonsgericht hat am Dienstagnachmittag den CVP-Politiker Samuel Wehrli (41) wegen mehrfacher sexueller Handlungen und sexueller Nötigung gegenüber seiner Tochter zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 18 Monaten verurteilt. Den Vorwurf der versuchten Vergewaltigung und des Inzests dagegen liess das Gericht fallen. Wehrli spricht von einem Fehlurteil und will den Fall vor Bundesgericht bringen.


Gegen den Freispruch vor Strafgericht im Mai letzten Jahres hatten sowohl die Opferanwältin und die Mutter des behaupteten Opfers als auch Staatsanwalt Boris Sokoloff appelliert. Der staatliche Ankläger hatte eine Zuchthausstrafe von dreieinhalb Jahren gefordert. Wesentliche neue Fakten kamen bei der Befragung am Montagmorgen gegenüber der dreitägigen Verhandlung vor erster Instanz nicht zutage.

"Kein Sex, kein Nackt-Tanz, keine Porno-Bilder"

Samuel Wehrli, weiterhin Einwohnerrat in Pratteln, Mitglied der kantonalen CVP-Parteileitung und derzeit Landratskandidat, bekräftigte zu Prozessbeginn: "Ich habe meiner Tochter überhaupt nichts gemacht. Ich habe meine Tochter nicht vergewaltigt und sie auch nicht mit Alkohol gefügig gemacht." Es sei vorgekommen, dass sich Melissa bei der Ausübung des Besuchsrechts morgens jeweils im Bett an ihn "anekuschelet" habe. Dabei sei es aber nie zu Übergriffen gekommen. Alle entsprechenden Detailfragen von Gerichtspräsidentin Christine Baltzer beantwortete Wehrli mit einem bestimmten, fast trotzigen "Nein". Nach dem Freispruch vor Strafgericht habe er sich gefreut, seine Tochter Melissa (Name geändert) wieder zu treffen, um mit ihr eine neue Beziehung aufzubauen. Doch das erste physische Treffen im Juli letzten Jahres sei für ihn "zutiefst enttäuschend" verlaufen.

Wehrli wiederholte die Behauptung, Melissa sei von ihrer Mutter - von der er seit mehreren Jahren geschieden ist - gegen ihn aufgehetzt worden. Das habe er erstmals 1998 gemerkt, als Melissa ihn in einem Anruf auf den Telefonbeantworter als "Schwein" bezeichnet habe. Auch weitere Indizien sprächen für diese Annahme. Deshalb habe er Melissa auch einmal einen eingeschriebenen Brief geschickt und Telefongespräche auf Tonband aufgenommen.

Melissa nennt ihren Vater "Bio"

Wehrlis ehemalige Frau schilderte mit bewegter Stimme, wie sich Melissa gefreut habe, zum Schulpsychologen gehen zu dürfen, um über die Vorkommnisse mit ihrem Vater zu reden. Das Kind sei laut Auffassung mehrerer Fachleute "massiv sexuell missbraucht" worden. Sie allein habe indes entschieden, ihren Ex-Mann bei der Polizei anzuzeigen. Sie widersprach, das Kind gegen den Angeklagten aufgehetzt zu haben. Das heute 14-jährige Mädchen sei aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse in einer Mischung von Wut, Hass und Trauer häufig starken Stimmungsschankungen ausgesetzt, die es in einer Reittherapie abzubauen versuche. Es nenne Wehrli nicht mehr ihren Vater, sondern "Bio" oder "Sämi". Die sexuelle Aufklärung ihrer Tochter sei im üblichen Rahmen erfolgt. Spezielle sexuelle Praktiken seien dabei nicht erörtert worden. Dagegen habe sie als Krankenschwester offen über die Gefahren und Ansteckungsmöglichkeiten von Aids diskutiert.

Staatsanwalt bleibt bei 3,5 Jahren Zuchthaus

In seinem Plädoyer zeigte sich Staatsanwalt Sokoloff "von der Schuld des Angeklagten überzeugt". Der Freispruch in erster Instanz halte "einer Überprüfung in keiner Weise stand". Das Strafgericht habe "keine gesamtheitliche Würdigung der Indizien vorgenommen, sondern sie stets isoliert betrachtet". Das Gericht habe ein Obergutachten der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Poliklinik Bern, das bei der Befragung Melissas suggestive Methoden ortete und als ungeeignet für die Wahrheitsfindung bezeichnet, in den Mittelpunkt seiner Beurteilung gestellt. Dabei sei diese Expertise "nur einer von vielen Aspekten". Sokoloff: "Das Obergutachten ist nur Hilfsmittel zur Urteilsfindung."

Der Staatsanwalt nannte Melissas Gemütsschwankungen als "typisch für das Opfer". Es sei aber weder leicht zu beeinflussen noch manipulierbar. Die Komplott-Theorie sei "in keiner Weise belegbar". Vielmehr seien Melissas Aussagen über sexuelle Handlungen ihres Vaters vor dem Schulpsychologen glaubwürdig: "Es ist schlicht nicht vorstellbar, dass ein 10-jähriges Mädchen eine so erstaunliche Aussage ohne eigene Erfahrung machen kann." Dem Angeklagten attestierte Sokoloff eine "narzisstisch stark überhöhte Ich-Bezogenheit". Falls es in der Voruntersuchung zu Fehlern gekommen sei, dürften diese nicht dem Opfer angelastet werden. Der Strafantrag bleibt unverändert bei dreieinhalb Jahren Zuchthaus.

In eine ähnliche Kerbe hauten Opfer-Anwältin Esther Wyss ("Melissa hat ihre Arbeit gemacht") und Martin Pestalozzi, der Anwalt von Melissas Mutter. Pestalozzi warf Wehrli vor, einen "Rachefeldzug gegen seine Ex-Frau" zu führen. Eine gewisse Suggestion in der Befragung bezeichnete er als üblich: "Eine polizeiliche Befragung muss zielgerichtet sein und darf nicht eine Therapiestunde sein."

"Sprache kann verräterisch sein"

Diesen Darstellungen widersprach Wehrlis Verteidiger Nicolas Roulet entschieden. Es reiche nicht aus, den Darstellungen Melissas bloss zu glauben. Die Vorwürfe hätten in keinem Fall belegt werden können. "Verräterisch" sei die Sprache, wenn ausgeführt werde, Melissa habe ihre "Arbeit gemacht". Ebenso wenig dürfe die suggestive Befragung Melissas als Instrument zur Wahrheitsfindung herangezogen werden. Zudem gebe es kein typisches Verhalten eines Kindes, das auf einen Missbrauch schliessen lasse. Roulet beantragte Ablehnung der Appellation und Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils.

Gericht: "Wir glauben der Tochter mehr als dem Vater"

Das Gericht glaubte nach Aussagen der Präsidentin Melissa mehr als dem Angeklagten und verurteilte ihn wegen mehrfacher sexueller Handlungen und mehrfacher sexueller Nötigung zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 18 Monaten. Zudem muss er der Tochter eine Genugtuung von 15'000 Franken und seiner Ex-Frau 5'000 Franken zahlen. Dazu kommen zusätzlich Anwaltkosten, Parteientschädigungen und Gebühren in noch höherem Umfang.

"Ich habe nichts gemacht!", rief Wehrli nach Verkündung des Urteils in den Gerichtssaal. Die fünf Richtenden dagegen hielten die Aussagen der zu jenem Zeitpunkt gut zehnjährigen Tochter vor dem Schulpsychologen und der Kantonspolizei Zürich für insgesamt glaubwürdig. Dies, auch wenn die polizeiliche Befragung keine Glaubwürdigkeitsprüfung zulasse. "Die Spontanaussagen des als frühreif und altklug geschilderten Kindes sind authentisch", befand das Gericht, es gebe "keine Anhaltspunkte für ein Komplott oder einen Suggestions-Versuch". Ebenso sei auch "kein Motiv für eine Falschbeschuldigung des Vaters durch das Kind ersichtlich". Die Drohungen des Vaters, die Mutter komme ins Gefängnis oder es gebe einen Weltuntergang, wenn sie gegenüber Dritten von den Übergriffen erzähle, seien glaubwürdig. Ebenso habe das Gericht mangels eindeutiger Beweise versucht, die vorhandenen Indizien gesamtheitlich zu würdigen.

"Sind wir hier in einem Rechtsstaat?", empörte sich der soeben verurteilte Samuel Wehrli beim Verlassen des Gerichtssaales. Unter Tränen beteuerte er vor dem Gerichtsgebäude nochmals: "Ich habe nichts gemacht." Wehrli hält das Urteil für "schlicht nicht nachvollziehbar" und will den Fall ans Bundesgericht weiterziehen.

25. März 2003

Weiterführende Links:


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)

www.onlinereports.ch - Das unabhängige News-Portal der Nordwestschweiz

© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigene Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

Auf dieser Website gibt es Links zu Websites Dritter. Sobald Sie diese anklicken, verlassen Sie unseren Einflussbereich. Für fremde Websites, zu welchen von dieser Website aus ein Link besteht, übernimmt OnlineReports keine inhaltliche oder rechtliche Verantwortung. Dasselbe gilt für Websites Dritter, die auf OnlineReports verlinken.

fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"Zeichen deuten auf grosse Kualition"

BZ Basel online
Titel vom
25. November 2017
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Kühe aller Fraktionen vereinigt euch!

"Und übrigens ..."

Weihnachts-Geschichte aus Israel
RückSpiegel


In seinem Bericht über die Gefährlichkeit des Basler Centralbahnplatzes geht Barfi auf einen OnlineReports-Bericht aus dem Jahr 2001 ein, der damals schon die Probleme thematisierte.

Blick, Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, BZ Basel, 20 Minuten und Barfi bezogen sich in ihren Artikeln über die Schüsse einen Mann in der Basler Innenstadt auf einen News-Promeur von OnlineReports.

Der Tages-Anzeiger und 20 Minuten nahmen in ihren Berichten über den gefährlichen Zwischenfall mit einem Intercity-Zuges der SBB in Stein-Säckingen auf OnlineReports Bezug.

In ihrem Interview mit der neuen BVB-Präsidentin Yvonne Hunkeler nahm die Basler Zeitung auf OnlineReports Bezug.

Die Basler Zeitung nahm den OnlineReports-Feature über den Einbruch im Restaurant "Dalbestübli" auf.

Die Volksstimme zitierte in ihrer Presseschau über die Säuli-Metzgete in Sissach aus der OnlineReports-Reportage.

Im Bericht über Rechtsprobleme des Bordells an der Basler Amerbachstrasse zitiert Barfi aus OnlineReports.

Ausführlich geht die Basler Zeitung auf einen kritischen OnlineReports-Gastkommentar über den Eigenmietwert-Steuerfall um Rösly M. ein.

In seinem Beitrag über "Die Basler Sinnkrise" zitiert der Tages-Anzeiger aus dem OnlineReports-Leitartikel "Willkommen im Baselbiet: Nichts geht mehr", in dem es um einen "Kanton in der Sinn-Krise" geht.

barfi, die BZ Basel, die Tageswoche, die Badische Zeitung und das Baublatt haben die OnlineReports-Story über den Abbruch des "Rostbalkens" und die geplanten Hochhäuser beim Basler Bahnhof SBB aufgenommen.
 
Infosperber.ch geht in einem Kommentar über das "Dauer-Bashing" der Behörden durch die Medien auf die Konter-Position von OnlineReports ein.

Die Basler Zeitung nahm in ihrer Berichterstattung über den "Fall Wessels" auf einen OnlineReports-Kommentar Bezug.

Die Basler Zeitung, die BZ Basel, die SDA und die Badische Zeitung gingen auf den OnlineReports-Primeur über die Berufung des türkischen Basler Polizei-Assistenten gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft ein.

20 Minuten online nahm die OnlineReports-News über die Basler verkehrs-Betriebe (BVB) an der Grenze ihrer Belastung auf.

Die BZ Basel und das Regionaljournal gingen aktuell auf die OnlineReports-Recherche über einen Manipulations-Versuch der BVB-Direktion im Vorfeld der Wahlen in die Personalkommission ein.

Barfi zog die OnlineReports-Story über die umstrittene Umnutzung des "FKK-Clubs" in ein Bordell an der Amerbachstrasse in Basel nach.

Der Landbote nahm die OnlineReports-Story über den Stromeinkauf der Gemeinde Muttenz beim Stadtwerk Winterthur auf.

Die OnlineReports-News über den Personalabbau auf der Basler Hauptpost wurde durch Telebasel aufgenommen.

Telebasel online ging in seinem Bericht über die SP-Prämieninitiative auf einen Kommentar von OnlineReports ein. 

Die Weltwoche zitierte in ihrem Bericht über den Basler Scharia-Befürworter Aziz Osmanoglu aus einem Gerichts-Bericht von OnlineReports.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


Elisabeth Pestalozzi, seit August 2016 stellvertretende Chefredaktorin von Radio SRF, wird im zweiten Quartal 2018 neue Kommunikationsleiterin der Christoph Merian Stiftung.

• Über tausend Personen verlangen in einer Petition der SP Gelterkinden die Einführung von Tempo 30.

• Im zweiten Wahlgang der Liestaler Stadtrats-Ersatzwahl vom 14. Januar 2018 treten Marie-Theres Beeler (geboren 1959, Grüne) und Karin Jeitziner (geboren 1961, FDP) an.

Marco Greiner, Regierungssprecher und Vizestaatsschreiber von Basel-Stadt, ist neuer Präsident der Schweizerischen Informations-Konferenz öffentlicher Verwaltungen.

• Die Basler CVP hat ihre mit 3'910 Unterschriften versehene Krankenkassen-Initiative eingereicht, die verlangt, dass selbstbezahlte Prämien für die obligatorische Krankenpflege-Versicherung vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden können

• Mit der Jus-Studentin Laetitia Block als Nachfolgerin von Pascal Messerli steht erstmals eine Frau an der Spitze der Jungen SVP Basel-Stadt.

• Das Basler Ristorante Cibo Mediterraneo ist der künftige Betreiber der neuen Buvette am St. Alban-Rheinweg.

Reto Meyer, Inhaber und Geschäftsführer der WS Kommunikation in Basel, kauft per Jahreswechsel sämliche Anteile der BSSM Werbeagentur von Urs Schneider und Hannes Müller.

Jana Wachtl (38) wird als Nachfolgerin von Sabine Kubli auf Jahresbeginn neue Leiterin der Baselbieter Fachstelle "Gleichstellung für Frauen und Männer".

• Das Basler Energieunternehmen IWB plant, im Februar 2018 elf neue Ladesäulen für Elektrofahrzeuge in Quartierstrassen auf Allmend zu installieren.

• Entgegen der Parole der kantonalen CVP sagte der CVP-Wahlreis Liestal Nein zum "8. Generellen Leistungsauftrag für den öffentlichen Verkehr" und damit Ja zum "Läufelfingerli".

Raymond Cron wird als Nachfolger von Andreas Büttiker ab 1. Januar 2018 neues Verwaltungsratsmitglied des EuroAirport Basel-Mulhouse-Freiburg.

• Der Basler Grosse Rat hat die Standesinitiative der SP gegen der Schliessung von Quartier-Poststellen überwiesen.

• Die bürgerlichen Jungparteien von Basel-Stadt ziehen ihre Zweirad-Initiative zurück, da sie mit dem vom Grossen Rat beschlossenen Gegenvorschlag ihre Hauptforderungen als erfüllt betrachten.

• Die Baselbieter Wahlen des Landrats und des Regierungsrats für die Amtsperiode vom 1. Juli 2019 bis 30. Juni 2023 finden am 31. März 2019 statt.

• Weil mit dem als Gegenvorschlag verabschiedeten neuen Bürgerrechtsgesetz und den Anpassungen auf Bundesebene die Anliegen der Initianten erfüllt sind, zieht die SVP Basel-Stadt ihre Volksinitiative "Keine Einbürgerung von Kriminellen und Sozialhilfeempfängern" zurück.

• Mit der Gründung der Sektion Waldenburg wollen die Grünen Baselland im Wahlkreis Waldenburg den verlorenen Landratssitz zurück erobern.