© Foto by Driss Manchoube
"Angst und Schrecken": Szene aus Mülhauser Unruhe-Quartier Bourtzwiller

Aufruhr in den Banlieues von Mulhouse: Stimmenfutter für Jean-Marie Le Pen

ine Reportage aus Bourtzwiller, dem schwierigsten Quartier von Mulhouse, das Ultrarechten scharenweise Wähler in die Arme treibt


Von Beat Stauffer


Der französische Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen hat in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen ein sensationelles Ergebnis erzielt und Sozialist Lionel Jospin zum Polit-Rentner gemacht. Fast 24 Prozent Stimmenanteil holte sich der 73-jährige Kopf des Front National im Oberelsass. Auch dort profilierte er sich als angeblicher Garant der inneren Sicherheit, dem Wahlkampfthema Nummer Eins. Die oberelsässische Metropole Mulhouse war für Le Pens einfache Rezepte besonders empfänglich: Ihre Vorstadtquartiere sind immer wieder Schauplatz heftiger Gewaltausbrüche. Beat Stauffer hat sich vor den Wahlen dort umgesehen.


"Hier in Bourtzwiller kann es jederzeit losgehen. Ein Funke genügt, und das Quartier explodiert." Das sagte mir Jean-Claude Fournier vor beinahe zehn Jahren, als wir uns zum ersten Mal zu einem Gespräch trafen.

Heute, im Frühjahr 2002, herrscht in Mulhouse grosse Aufregung. Banden von Jugendlichen aus den Quartieren Bourtzwiller und Coteaux sind am 11. Januar ins belebte Stadtzentrum, in die Rue du Sauvage, vorgedrungen und haben sich eine Massenschlägerei geliefert. Als die Polizei erscheint, vergessen die beiden Banden ihren Zwist und machen gemeinsam Front gegen die verhassten "flics". Es folgen wüste Szenen mitten in der Flanier- und Einkaufsmeile der Mülhauser Altstadt. Zwar gibt es keine Verletzten, und bloss eine einzige Fensterscheibe geht in Brüche. Doch die Empörung in Mulhouse ist gross. Jetzt kommen diese "sauvageons" - Originalton des Präsidentschaftskandidaten Jean-Pierre Chevènement - , diese Halbstarken aus den tristen Vorstadtquartieren in die Innenstadt und bauen hier Scheiss. Terrorisieren Konsumenten, Passanten und brave Bürger, säen Angst und Schrecken.

Am Montag darauf gibt Bürgermeister Jean-Marie Bockel eine Pressekonferenz, an der er sich bestürzt über diese Schlägereien äussert. Am vergangenen Samstag sei eine Schwelle überschritten worden; die Politik der Stadt in Sachen Prävention sei offensichtlich gescheitert. "Un échec", sagt der Maire, und das Wort geht ihm als Linken wohl nicht ganz einfach über die Lippen. Gegenüber den jugendlichen Gewalttätern müsse die ganze Härte des Gesetzes zur Anwendung kommen. Bockel stellt gar in Aussicht, die Eltern, die ihre Erziehungspflichten nicht wahrnähmen, mit Entzug von städtischen Fürsorgeleistungen zu bestrafen.

***



Was ist los in Mulhouse? Haben die jahrelangen Bemühungen in den schwierigen Quartieren tatsächlich nichts gebracht?

Jean-Claude Fournier zögert. Ja, wissen Sie... es gibt Tage, da fühlt man sich schon schlecht. In einem gewissen Sinn ist die Prävention vielleicht tatsächlich gescheitert. Wenn ich aber an die Menschen denke, die ich in den letzten zwölf Jahren betreut habe, kann ich unmöglich von einem Scheitern sprechen!
- "Erklären Sie ..."
- "Schauen sie, ich habe mit unzähligen jungen Menschen zu tun gehabt. Vielen von ihnen ging es schlecht, als ich sie kennen lernte. Heute haben die meisten von ihnen eine Stelle und sind in der Gesellschaft integriert. Ist das etwa kein Erfolg?"

Jean-Claude Fournier, der für alle von der Stadt Mulhouse unterstützten Projekte im Quartier Bourtzwiller zuständig ist, führt aus, wie der "Espace Développement", das lokale Arbeitsvermittlungszentrum, Hunderten von jungen Menschen helfen konnte, ihren beruflichen Weg zu finden. Und auch andere Projekte im Quartier hätten weitergeführt. Doch vor Rückschlägen sei man in dieser Arbeit nicht gefeit, sagt Fournier. Die Aufgabe sei riesig, die Mittel eher bescheiden.

"Nein, wir sind nicht gescheitert", sagt Fournier nun fast trotzig. "Wenn ich das glauben würde, könnte ich in die Ardèche gehen und Ziegen hüten. Nein. Auch wenn der Bürgermeister das gesagt hat: Ich glaube weiter an den Sinn dieser Arbeit. Was wäre denn die Alternative?"

Dennoch könne man die Massenschlägerei in der Mülhauser Innenstadt nicht einfach als Lappalie abtun, fährt Fournier fort. Ebensowenig die jüngst aufgetretenen Probleme des "Espace Développement", welche die Equipe dazu veranlasst hatten, das Zentrum aus Protest für eine Woche zu schliessen.

Im Raum neben Jean-Claude Fourniers Büro treffen sich just an diesem Nachmittag die Mitarbeiter von "Espace Développement" zu einer Krisensitzung. Wenig später werden sie Bürgermeister Bockel über die Lage in ihrem Zentrum informieren. Und einige Tage später haben sie die Bevölkerung von Bourtzwiller zu einem Informationsabend eingeladen. "Wir können so nicht mehr weiter arbeiten!", heisst es auf einem Flugblatt, das im ganzen Quartier verteilt worden ist. "Wenn euch an der Existenz unseres Zentrums etwas liegt, dann erscheint zahlreich am nächsten Mittwoch. Wir zählen auf eure Solidarität!"

***



Die Vorfälle der letzten Wochen und Monate müssten nun zum Anlass genommen werden, um die Arbeit in diesen schwierigen Quartieren kritisch zu hinterfragen, fährt Jean-Claude Fournier weiter. Einige Fehler der letzten Jahre und Jahrzehnte seien mittlerweile bekannt. Etwa in der Elternarbeit. Man habe die Eltern der Kinder im Quartier letztlich nicht recht ernst genommen - "infantilisiert" habe man sie, statt auf ihre Kompetenzen zu setzen. In den Jugendzentren habe eine wirklich professionelle Betreuung allzu oft gefehlt, und die Jugendlichen seien sich selbst überlassen gewesen. Viele Sozialarbeitende hätten auch zu wenig kritische Distanz zu den Jugendlichen gehabt. Unter dem Zeichen des Antirassismus hätten sie vieles gutgeheissen oder zumindest geduldet, doch kaum je Forderungen an die Jugendlichen gestellt. "Doch in diesem Bereich hat ein deutlich spürbarer Wandel eingesetzt", sagt Fournier. "Heute setzt man vermehrt Grenzen, nur schon um sich selber zu schützen."

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In Mulhouse gibt es mehrere Problemquartiere. Bourtzwiller gilt als eines der schwierigsten. Das am nördlichen Stadtrand gelegenene Viertel wird mehrheitlich von Menschen bewohnt, deren Wurzeln in Nordafrika liegen. Auch von seiner Lage her wirkt das Quartier wie ein unerwünschtes Anhängsel der Stadt Mulhouse; eingeklemmt zwischen einer Autobahn, einer chemischen Fabrik und dem Fluss Ill.

Bourtzwiller ist alles andere als ein Slum. Zwischen den Wohnblocks, die nicht hässlischer sind als anderswo, hat es erstaunlich grosse Grünflächen, Spielplätze und Bäume. Die Strassen sind recht gepflegt, ein neues Collège und eine kleine Moschee, die kurz vor der Fertigstellung steht, belegen, dass sich die Stadtverwaltung durchaus auch um dieses Quartier kümmert.

Erst beim genaueren Hinsehen fallen die Brandspuren an gewissen Hauswänden auf, die häufig mit Tags verschmiert sind, die rauchgeschwärzten Abfallcontainer, die eingeschlagenen Scheiben am Schulhaus, das ausgebrannte Wrack eines Autos. Auch in Bourtzwiller werden immer wieder Autos angezündet; Autos von Quartierbewohnern, die meist selber maghrebinischer Abstammung sind. Den Landesrekord bei diesen absurden Vandalenakten hält Strassburg. Je nach Zählmethode gingen dort im Jahr 2001 zwischen 900 und 1500 Autos in Flammen auf.

In Bourtzwiller stehen auch während des Tages überall Gruppen von arbeitslosen jungen Männern herum. Es ist schwierig, an sie heranzukommen. Sie wirken oft abweisend, manchmal auch feindselig. Ihre Gesichter erzählen Geschichten von Frustration, von Ausgrenzung, manchmal auch von Hass. "La Haine" hiess der Film von Matthieu Kassowitz, der 1995 in Frankreich die Kinosäle füllte. "Vous, les blancs", schleuderten ihm regelmässig junge "Beurs" entgegen, mit denen er beruflich zu tun habe, sagt Jean-Claude Fournier. Dieser Hass, diese Ablehnung mache ihm immer wieder schwer zu schaffen.

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Vieles, was unter der Oberfläche lag, mottete und gärte, scheint bei meiner Erkundung offen zu Tage zu treten. Auch im Collège von Bourtzwiller, so berichtet der Schulleiter Marc Rohmer, kämpfe man seit einigen Monaten mit grossen Schwierigkeiten. Er könne sich die Zuspitzung auch nicht genau erklären; vielleicht habe die Afghanistan-Krise das eh schon vorhandene Misstrauen zwischen "Arabern und Westlern" noch vertieft. Rohmer berichtet von häufigen Vandalenakten; kürzlich wurde gar das Auto eines Lehrers demoliert, während er unterrichtete. Solche Dinge vergifteten das Klima an der Schule, sagt Rohmer. Am schwierigsten seien aber die Beschimpfungen und Beleidigungen, die Lehrerinnen und Lehrer immer wieder einstecken müssten. Viele hielten das schlicht nicht aus und kündigten ihre Stelle.

Rohmer atmet tief durch. " Viele Schüler weigern sich konsequent, die Autorität von Erwachsenen zu anerkennen. Das macht unsere Arbeit extrem schwierig." Doch er will unter keinen Umständen Schwarz-weiss-Malerei betreiben. "Wir haben hier No-future-Jugendliche und gleichzeitig auch sehr interessierte, motivierte Schüler. Wir haben Revolte und Hoffnung gleichzeitig. Wir sind gescheitert und wir haben auch Erfolg gehabt. Es ist manchmal sehr schwierig, dies auszuhalten".

Für Rohmer steht allerdings ausser Zweifel, dass an der Schule Vandalismus, Drohungen und alle andern Formen von unzivilisierten Verhalten unter keinen Umständen geduldet werden dürfen. "Wenn solche Grenzen überschritten werden, müssen wir entschieden durchgreifen. Doch ebenso klar sollten wir alle Formen von Ungerechtigkeit und Rassismus bekämpfen. Denn viele Jugendliche lehnen gesellschaftliche Regeln ab, weil sie diese ungerecht finden und sich diskriminiert fühlen."

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Vor dem Schulhaus umringt uns eine Gruppe Jugendlicher, die selber dieses Collège besuchen. Sie sind neugierig, lachen, scherzen, haben noch offene, unverhärtete Gesichter. Für einen Moment fühle ich mich im Maghreb, in einem Maghreb mit menschlichem, warmherzigem Gesicht. Als meine Kollege Driss Manchoube die Buben fotografieren will, machen sie Faxen. Erstaunt nehmen sie zur Kenntnis, dass Driss selber aus einem arabischen Land stammt. Und dann zeigen sie uns die Videokamera, die in sicherer Höhe den Platz vor dem Collège überwacht, zeigen uns das ausgebrannte Autowrack im nahe gelegene Wäldchen. Grinsen etwas verunsichert: So ist das eben in unserem Quartier. Aber wir haben damit nichts zu tun, wir nicht. Es sind immer die gleichen!

***



Auf der Suche nach Erklärungen für die Sackgasse, in der sich viele "Beurs", die jungen Franzosen mit maghrebinischen Wurzeln, befinden, treffen wir den Anwalt Mohamed Mendi. Sein Büro befindet sich im achten Stock der Tour de l'Europe, dem markanten Hochhaus im Stadtzentrum von Mulhouse. Mendi ist algerischer Abstammung und kennt die Banlieue-Jugendlichen auch aus seiner Arbeit sehr gut.

Die Bandenkämpfe in der Innenstadt hätten auch ihn nachdenklich gestimmt, sagt Mendi, denn sie seien eindeutig ein neues Phänomen. "Für mich ist klar, dass die Jugendlichen auf diese krude Weise etwas ausdrücken wollen", erläutert Mendi. "Sie kommen ins Stadtzentrum, weil sie all denjenigen, denen es gut geht, unmissverständlich zeigen wollen, dass sie auch existieren". Viel zu lange habe man sich damit begnügt, ein paar Sozialarbeiter und Erzieher in diese Quartiere zu schicken und ein paar baufällige Wohnblocks zu renovieren. Kurz: Man habe diese sozialen Probleme schlicht ghettoisiert.

Das Ausmass dieser neuen Form von Revolte sei beunruhigend, fährt Mendi fort. Diese Jugendlichen terrorisierten die Öffentlichkeit, verbreiteten vor allem bei älteren Menschen Angst und Schrecken. Bedenklich sei, dass viele "Beurs" nicht nur den französischen Staat ablehnten, sondern letztlich vollkommen orientierungslos seien. Er begegne immer wieder einer unglaublichen "No-future"-Stimmung bei seinen Klienten, die er vor Gericht vertreten müsse.

Doch wie ist es so weit gekommen? Mohamed Mendi ist überzeugt davon, dass der Verlust der Autorität der Väter dieser Jugendlichen eine zentrale Rolle spielt. "Die jungen 'Beurs' haben ihre Väter als schwache, gedemütigte Figuren wahr genommen", sagt Mendi. Dazu komme, dass das französische Systems die traditionelle Rolle der Väter unterminiere. "Im Maghreb ist die Autorität des Vaters beinahe sakrosankt. Er hat auch ein klares Recht zu strafen. Doch in Frankreich kann ein Jugendlicher heute seinen Vater anzeigen, wenn er ihn straft. Für einen im traditionellen Denken verhafteten Vater ist es eine unglaubliche Demütigung, sich vor einem Sozialarbeiter oder gar einem Gericht rechtfertigen zu müssen." Aus diesem Grund, glaubt Mendi, verzichteten viele Väter vollkommen darauf, ihre Kinder zu erziehen. Die Folgen seien katastrophal.

Mendi sieht nur einen Ausweg aus der Krise: Die Autorität der Väter müsse wieder gestärkt werden. Und gegenüber den jungen Gesetzesbrechern müsse entschieden vorgegangen werden. Allerdings wehrt sich Mendi unmissverständlich gegen die in Mulhouse spürbare Tendenz, die Herkunft der Delinquenten aus dem Maghreb in den Vordergrund zu rücken. Das sei ein gefährlicher Diskurs, der das wahre Problem, nämlich die soziale Ausgrenzung dieser Jugendlichen, ausblende.

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Die verfahrene Situation in den Banlieues lässt sich letztlich nur verstehen, wenn man die französische Kolonialgeschichte in Nordafrika und insbesondere den Algerienkrieg mit in Betracht zieht. Immer mehr Autoren weisen auf diese Dimension des Problems. "Wir kommen in den Banlieues nicht voran", schreibt etwa Christian Delorme, "weil unsere Beziehung zu diesen Bevölkerungsgruppen immer noch kolonialer Natur ist". Aus den "indigènes" seien "immigrés" geworden; geblieben sei der minderwertige Status. Die jungen "Beurs" hätten von ihren Vätern dieses Gefühl sozialer Minderwertigkeit vermittelt bekommen. In der Folge, so schreibt Delorme, der seit über 20 Jahren in Lyons Vorstädten arbeitet, hätten diese eine eigenständige Kultur entwickelt. "Heute fühlen sich viele "Beurs" als Mitglieder einer anderen 'Nation', derjenigen der Cités." Einige, so wäre anzufügen, suchen ihr Heil auch in einem radikalen Islam.

Kein Zweifel: Immigranten aus Nordafrika waren und sind in Frankreich in mehrfacher Hinsicht Opfer von wirtschaftlicher Ausbeutung, Ausgrenzung und Rassismus. Und dennoch: es wäre zu einfach, in der Minderheit der gewalttätigen "Beurs" bloss unschuldige Opfer zu sehen. In der öffentlichen Debatte, die in Frankreich zu diesem Thema stattfindet, wird zunehmend betont, dass aus Opfern mitunter Täter werden können. Wenn irrationale Gewaltakte und dauernde Übergriffe in den Banlieues geduldet würden, schreibt der Erziehungswissenschafter Charles Hadji, öffne man damit letztlich dem Faschismus Tür und Tor.

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Gerne hätten wir Pierre Freyburger getroffen, den "Maire Adjoint" von Mulhouse für Integration und Stadtentwicklung. Doch Freyburger ist für Journalisten im Moment nicht zu sprechen. Insider glauben zu wissen, die markigen Stellungnahmen von Bürgermeister Bockel hätten zu scharfen Spannungen innerhalb der bestehenden Stadtregierung geführt. Viele Beobachter sind davon überzeugt, dass sich Bockel auf diese Weise bewusst bei der Wählerschaft auf der rechten Seite anbiedere.

Mireille Godefroy, die "Maire-Adjoint" für Sicherheitsfragen, bestreitet dies allerdings vehement. Bockel habe stets dieselbe klare Haltung vertreten, die sowohl Prävention wie auch Repression beinhalte. Dass Prävention allein nicht genüge, sei jetzt klar geworden, sagt Godefroy. Sie verweist auf die zahllosen Anstrengungen, die in Mulhouse unternommen würden, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Landesweit Schlagzeilen gemacht hat die Videoüberwachung in den Hauseingängen der riesigen Wohnblocks im Quartier Coteaux und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Seit eine Bande von Jugendlichen, die eine Schlägerei in einem Bus veranstaltet hatten, dank diesen Aufnahmen identifiziert und verhaftet werden konnten, ist die Kritik an solchen Massnahmen noch leiser geworden, als sie vorher schon war. Sogar die Grünen wollen zum jetzigen Zeitpunkt nicht gegen die Videoüberwachung opponieren.

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In Bourtzwiller leben auch Menschen, die mit den Verhältnissen kaum mehr zu Rande kommen. Zu ihnen gehören etwa die Mitglieder des Vereins "Bourtzwiller 2000". Wir treffen den Vorstand - drei ältere, rüstige Herren - im Vereinslokal unweit der Kirche St. Antoine. Ein ganzes Dossier hat Vereinspräsident Roger Camps zusammengestellt: die Skandalchronik von Bourtzwiller. Darin ist die Rede von Überfällen, Brandanschlägen, nächtlichen Autorennen und anderen Delikten. Einmal wurde gar ein Feuerwehrmann bei einem Einsatz mit einer Eisenstange angegriffen und lebensgefährlich verletzt.

Abends getraue sich kaum mehr jemand auf die Strasse, ergänzt Vizepräsident Jean-Georges Criqui, pensionierter Ingenieur mit Doktortitel. Die Lage sei katastrophal. Da alle Vorstösse bei den Behörden nichts gefruchtet hätten, habe man sich vor kurzem direkt an Staatspräsident Chirac gewandt.

Viele der älteren Quartierbewohner, auch ehemalige Sozialisten, wählten heute Jean-Marie Le Pens "Front National", weiss Jean-Claude Fournier. Diese Menschen fühlten sich vom Staat vollkommen im Stich gelassen. Statt dauernd die Rechte zu verteufeln, wäre es an der Zeit, sich den Ängsten und Sorgen dieser Quartierbewohner anzunehmen, enerviert sich Fournier. In der Tat: Die Lebensbedingungen in Bourtzwiller sind in mancher Hinsicht unerträglich geworden, und die sinnlosen Gewaltakte heizen das Klima im Quartier weiter an.

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Die Banlieues in Frankreich stellen eine Zeitbombe dar, die jederzeit explodieren kann. Bereits heute stehen ganze Quartiere in Flammen, wenn es bei Polizeieinsätzen zu Verhaftungen oder gar zum Tod junger Gewalttäter kommt. In einzelnen Banlieues in den Grossräumen von Paris und Lyon ergeben sich mitunter bürgerkriegsähnliche Zustände.

Alle Zeichen stehen somit auf Alarm. Doch weshalb ist es in Frankreich bis heute nicht gelungen, den sozialen Frieden in den schwierigen Vorstädten herzustellen? Zwei Gründe, so meinen elsässische Intellektuelle, sind daran zur Hauptsache schuld. Zum einen werde in Frankreich seit der Aera Mitterand zwar ein intensiver Diskurs über Integration geführt, doch der politische Wille zur Umsetzung sei kaum vorhanden. Vor allem aber werde die Banlieue-Problematik sowohl von Links wie von Rechts politisch instrumentalisiert; mit dem Elend in den Vorstädten lassen sich trefflich politische Süppchen kochen. Tatsächlich ist es bis heute kaum irgendwo gelungen, jenseits parteipolitischer Gräben und Schuldzuweisungen praktikable Lösungen zu erarbeiten.

***



Von den Politikern erwartet auch Jean-Claude Fournier nicht allzu viel. Doch auf der Suche nach neuen Lösungen in der verfahrenen Situation ist der engagierte Sozialarbeiter auf Charles Rojzman gestossen, einen Autodidakten mit abenteuerlichem Werdegang, der heute in Frankreich als einer der gefragtesten Experten in Sachen Banlieue gilt. Das Problem der Gewalt in den Vorstädten müsse völlig neu angegangen werden, doziert Rojzman. Der erste, wichtigste Schritt sei das Zuhören. "Sowohl die jugendlichen Gewalttäter wie auch die Rassisten haben uns etwas zu sagen", schrieb er bereits vor zehn Jahren. Die Welt bestehe nicht nur aus den Guten - den Antirassisten - und den Bösen - den Rassisten. Das war damals politisch eher unkorrekt. Heute gibt "Sozialtherapeut" Rojzman Workshops in ganz Europa und berät Stadtverwaltungen und Bürgerinitiativen.

Die Gewalt in den Vorstädten könnte gar eine Chance sein, meint Rojzman: Alle betroffenen Institutionen müssten sich in Frage stellen, und Frankreich, das an seinen Banlieues kranke, müsse neue Formen der Demokratie und Bürgerbeteiligung erfinden.

Einfach wird dies nicht sein, weder in Mulhouse noch anderswo. Sich von aggressiven Jugendlichen auch schon mal ins Gesicht spucken zu lassen, ohne die Ruhe zu verlieren, und einfach weiter arbeiten: Das ist nicht jedermanns Sache. Doch vielleicht ist Charles Rojzmans Methode tatsächlich ein Ausweg aus der Spirale der Gewalt. In Bourtzwiller und anderswo.

23. April 2002


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