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"Unterstützung der Gemeinde fehlte": Gelterkinder Hausarzt Gürtler, Praxis

Hausärzte geraten immer stärker unter Druck

Die Vertreter der medizinischen Grundversorgung schlagen weiterhin Alarm: Auch mehr Engagement der Gemeinde gefordert


Von Nathalie Zeindler


Seit Jahren kämpfen die Hausärzte für eine Besserstellung ihres Berufsstandes. Die schweizweite Hausarzt-Initiative hat die Missstände ins Blickfeld einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Inzwischen hat der Bund reagiert und einen Masterplan erarbeitet, um die Anliegen der Initiative rasch anzugehen. Doch Hausärzte in der Region sind alles andere als beruhigt.


Bereits am 1. April 2006 setzten die Hausärztinnen und Hausärzte ein erstes wichtiges Zeichen: Rund 15'000 von ihnen legten in der ganzen Schweiz ihre Arbeit nieder. 2009 protestierten sie nochmals lautstark gegen eine erneute Senkung der Labortarife, und ein Jahr später reichten sie die Initiative "Ja zur Hausarztmedizin" ein. Ein Gesetzespassus soll garantieren, dass Hausärzte in der Regel die erste Anlaufstelle für die Behandlung von Krankheiten sind.

Dramatische Zukunftsaussichten

Die geringe berufliche Anerkennung in finanzieller und sozialer Hinsicht, die hohe zeitliche Belastung und die mangelnden Aus- und Weiterbildungsangebote halten Medizinstudenten davon ab, eine Tätigkeit als Hausarzt in Erwägung zu ziehen.

Zwar haben sich sämtliche politische Gremien auf die Fahne geschrieben, dass der Allgemeinmedizin eine zentrale Rolle zukommen soll. Doch die konkrete Förderung zeigte sich bis anhin lediglich in kleineren Korrekturen.

"In wenigen Jahren wird nur noch jede vierte Hausarztpraxis besetzt sein. Wir jammern nicht darüber, nicht genug zu verdienen. Aber der Anreiz für junge Mediziner, Hausarzt zu werden, ist geringer, wenn die Spezialisten ein höheres Einkommen erzielen", beklagt Eva Kaiser, Vorstandsmitglied Hausärzte Schweiz und Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin in Binningen, und stellt fest: "Viele Hausärzte nehmen aufgrund zunehmender Überlastung keine neuen Patienten mehr auf. Insbesondere in Randregionen sieht die Lage mehr als düster aus, und auch im oberen Baselbiet spitzt sich die Situation allmählich zu."

Konkrete Massnahmen gefordert

Klar ist: Ohne politische Interventionen droht ein gravierender Hausarztmangel – insbesondere in ländlichen Gebieten. Noch ist offen, ob die eidgenössische Hausarzt-Initiative dem Volk vorgelegt wird oder ob der von Bundesrat Alain Berset erarbeitete Masterplan "Hausarztmedizin und medizinische Grundversorgung" umgesetzt werden kann. Dieser Plan beinhaltet unter anderem eine strukturelle Verankerung der Hausarztmedizin an den Universitäten, die Förderung neuer Versorgungsmodelle und eine Gesamtrevision des Tarifs für ambulante ärztliche Leistungen in der Schweiz ("Tarmed").

Doch der bundesrätliche Vorschlag steht derzeit noch auf unsicheren Beinen. Die Arbeiten am Masterplan sind weniger weit fortgeschritten als dies in Aussicht gestellt worden war. Aufgrund der fehlenden konkreten materiellen Zusagen ist dieses Projekt ins Stocken geraten. "Das Verhalten des Parlaments muss wohl so interpretiert werden, dass ein Kernstück des Masterplans letzten Endes ein leeres Verspechen bleiben wird. Die Initiative kann demnach noch nicht zurückgezogen werden", sagt Christoph Hollenstein, Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin in Laufen. Bevor die Hausärzte ihr Druckmittel aus der Hand geben, erwarten sie eine angemessene Garantie.

Eigenprojekte schwer realisierbar

Hausärzte unternehmen durchaus auch eigene Initiativen, um ihre prekäre Situation zu verbessern. Christian Gürtler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Gelterkinden, zu OnlineReports: "Vor einiger Zeit wollte ich ein Ärztehaus zur medizinischen Nachwuchsförderung bauen, doch das Projekt ist aus finanziellen Gründen gescheitert, und zudem fehlte die Unterstützung seitens der Gemeinde. Hinzu kommt, dass sich die Suche nach geeignetem Bauland als schwierig gestaltet."

Es stellt sich somit auch die Frage, ob die Gemeinden den Hausärzten nicht vermehrt unter die Arme greifen sollten. Zwar haben auch die Ärztegesellschaften den Ernst der Lage erkannt: Derzeit werden auch Modelle diskutiert, um Allgemeinpraktiker in der Anfangsphase zu unterstützen. Doch zahlreiche vermögende Firmengruppen, die Praxen aufkaufen und Ärzte anstellen, scheinen hausärztliche Eigenprojekte ein Stück weit zu blockieren.

Abgelegene Gebiete unattraktiv

Das Problem besteht heutzutage auch darin, dass sich die Grund-Identifikation mit dem Hausarztberuf stark verändert hat. Immer mehr jüngere Hausärztinnen und Hausärzte weigern sich, eine Praxis in abgelegenen Gebieten zu eröffnen. Zu gross ist der Bedarf nach familienergänzenden Betreuungsmöglichkeiten und vielseitigen Freizeitangeboten, die in ländlichen Regionen meist nicht gegeben sind.

Die Feminisierung der Hausarztmedizin bringt es ausserdem mit sich, dass insbesondere viele Ärztinnen an ihre Familien gebunden sind. Auch Eva Kaiser zieht aufgrund ihrer privaten Situation eine Herausforderung als Allgemeinpraktikerin in einer Randregion nicht in Betracht, fügt jedoch an: "Um Hausärzte in diese Gebiete zu locken, bedarf es eines höheren Einkommens. Das ist ein wesentlicher Aspekt."
Das heisst also auch: Die Grundversorger müssen auch künftig weiterhin Hand bieten, wenn es darum geht, neue Lösungsmodelle zu entwickeln.

Bevölkerung ist froh um Hausärzte

Was unternehmen die Hausärzte wiederum, damit sich Patienten auch für deren Anliegen einsetzen? "Ich muss kaum etwas tun, da ich in einer ländlichen Umgebung arbeite, wo der Hausarztmangel offensichtlich vor der Tür steht. Die Menschen sind froh, dass sie überhaupt noch auf die Hilfe eines Hausarztes zählen können", so Christoph Hollenstein. Seine Berufskollegen unterstützen diese Aussage.

Innert Rekordzeit haben die Hausärzte schliesslich die nötigen Unterschriften für die Initiative gesammelt und dabei viel Solidarität seitens der Patienten erfahren. Dieses Thema sei auch innerhalb der Praxis oft ein wichtiger Diskussionspunkt gewesen.

Immer weniger Zeit für Hausbesuche

Die Nähe zum Patienten spielt auch im Zeitalter der Hektik und des Effizienz-Anspruchs eine wichtige Rolle. "Hausbesuche gehören zu den wichtigsten und schönsten Aufgabengebieten. Diese erlauben mir, das Umfeld der Menschen besser kennenzulernen und einen Einblick in deren persönliche Situation zu erhalten", ergänzt Christian Gürtler. Je weniger Hausärzte allerdings zur Verfügung stehen, desto weniger Zeit bleibt für Hausbesuche übrig. Das könnte bedeuten, dass künftig auch Pflegefachfrauen und medizinische Praxisassistentinnen einspringen müssten, um eine Erstversorgung in den eigenen vier Wänden garantieren zu können.

Ob in zwanzig Jahren noch Hausbesuche wie heute durchgeführt werden, wagt Eva Kaiser derzeit zu bezweifeln. Zudem sieht die Hausärztin grundsätzlich nicht ein, weshalb sie und ihre Kollegen selber für die Regelung ihrer Praxisnachfolge zuständig sein sollten: "Die Gemeinden müssten diesbezüglich ihre Verantwortung in Zukunft vermehrt wahrnehmen. Im Raum Basel wurden bisher keine allzu grossen Anstrengungen unternommen. Dadurch, dass die Hausärzte derzeit noch Nachfolger herbeizaubern können, erkennen Kantone und Gemeinden das Problem nicht."

"Leider keine Nachfolge gefunden"

Als in Gelterkinden vor knapp zwei Jahren ein langjähriger Hausarzt seine Praxis aufgab, musste er seine Patienten mit dem Hinweis trösten, leider keine Nachfolge gefunden zu haben. "Leider hat sich mein designierter Nachfolger infolge Scheiterns des Ärztezentrums wieder zurückgezogen, so dass ich keine Nachfolge für meine Praxis habe. Leider haben auch weitere Bemühungen nichts erbracht ..."

Egal, welche Massnahmen zugunsten der Allgemeinmedizin auf Bundesebene künftig realisiert werden: Innovative Lösungen, neue Versorgungsmodelle und vor allem Eigeninitiative sind künftig mehr denn je gefragt.

12. Juni 2013


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