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"Wie gross ist Ihre Wohnung?": Übersetzungs-Szene, Übersetzerin Thüring-Polat (rechts)

"Doktor Bey ben maalesef almanca bilmiyorum"*

Der HEKS-Dolmetscher-Dienst unterstützt Menschen in Fachgesprächen, in denen die Alltagssprache nicht ausreicht


Von Valerie Zaslawski


Ohne gegenseitiges Verstehen stirbt die multikulturelle Gesellschaft. Im Schatten der Migrations-Debatten leistet das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS) beider Basel seit über 20 Jahren erfolgreiche Arbeit: Sein breit angelegter Dolmetscher-Dienst unterstützt Migranten im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich.


"Es gibt nichts Schlimmeres als wenn es Leuten schlecht geht und sie sich nicht richtig ausdrücken können", sagt Leyla Thüring-Polat, eine der 80 interkulturellen Übersetzenden von "Linguadukt", dem Dolmetscher-Dienst des HEKS beider Basel.

Özlem Sahin** sitzt im Wartezimmer der Praxis ihres Arztes und Invaliden-Gutachters Jürg Wassmer**. Die Invalidenversicherung hatte die Patientin aufgeboten, um die Frage einer Rente bezüglich ihrer anhaltenden Depressionen abklären zu lassen. Die 30-jährige Türkin ist seit über fünf Jahren in der Schweiz, ist integriert und spricht mässig Deutsch - zu schlecht für ärztliche Fachgespräche.

Um diese Abklärung trotz verbaler Barrieren mühelos zu ermöglichen, begleitet die 38-jährige Leyla Thüring-Polat das Gespräch. Der Doktor bittet seine Patientin mit klarer freundlicher Stimme, am grossen Glastisch in seinem Sprechzimmer Platz zu nehmen. Rechts von der Patientin - leicht im Hintergrund - solle sich die Dolmetscherin hinsetzen. Denn im Zentrum des Gesprächs steht die junge Türkin. Der Arzt stellt Özlem Sahin offene Fragen über ihren Werdegang, ihre Arbeits- und Wohnverhältnisse sowie ihre psychischen Beschwerden. Er hält dabei den Augenkontakt stets aufrecht. Nach den Fragen übersetzt die Dolmetscherin diese auf Türkisch.  

Aufnehmen "wie ein leerer Schwamm"  

"Meine Aufgabe ist es", so Thüring-Polat gegenüber OnlineReports, "wie ein Sprachrohr Inhalte exakt zu vermitteln". Die Dolmetschenden müssten die Inhalte "wie ein leerer Schwamm" aufnehmen und anschliessend sinngerecht weitergeben. Diese Arbeit benötigt ein hohes Mass an Konzentration. Der Sinn müsse vollständig transportiert werden, nichts dürfe ausgelassen, nichts hinzugefügt werden. Zudem trage die Stimme wesentlich zum Erfolg einer Übersetzung bei, da "die Stimme für die Stimmung relevant" sei: "Erst durch das richtige Einsetzen der Stimme, kann eine Aussage eins zu eins weitergegeben werden."  

Wichtig dabei sei, beide - Arzt und Patient - zu "spüren". Versteht der Patient die ärztlichen Diagnosen nicht, müssen die Dolmetschenden  reagieren und nachhaken. Es komme vor, dass es dem Patienten peinlich ist, zuzugeben, er habe etwas nicht verstanden. Thüring ist aber überzeugt: "Ich merke, ob der Patient richtig verstanden hat". Gestik sei dabei sehr wichtig, denn: "Blicke können viel sagen". Die gelernte Betriebsökonomin spricht von einer ständigen "Balance", in der sich das Gespräch befinde.

Kulturelle und menschliche Fähigkeiten

"Perfektes Deutsch", so umschreibt "Linguadukt"-Leiterin Doris Herter (45, Bild) die Ansprüche an ihre Beauftragten, "ist für die Arbeit als interkulturelle Dolmetscherin nicht zwingend nötig, es muss aber ein breiter Wortschatz vorhanden sein". Dies setze eine stetige, fachliche Weiterbildung voraus. Die Bewerbenden müssten in der Regeln ein Zertifikat der Dolmetscher-Dachorganisation "Interpret" vorweisen können. Zudem müsste die Sprachbegleitung "vertrauensvoll, offen und selbstsicher" sein.

Der Schwerpunkt liege beim "Interpret"-Zertifikat, im Unterschied zum eidgenössischen Dolmetscher-Diplom, nicht so sehr auf den sprachlichen Kenntnissen, sondern mehr auf den kulturellen und menschlichen Fähigkeiten. Bei einer interkulturellen Übersetzung werden Inhalte vermittelt, die stark mit der jeweiligen Kultur verknüpft sind. So beschreibt Thüring - halb Türkin, halb Deutsche - eine Situation, in der ein türkischer Landsmann sich bei einem Arztbesuch weigerte, der Ärztin die Hand zu geben. Hier setze der interkulturelle Aspekt der Übersetzungen an: "Der Türke kommt vom Land und ist sehr gläubig, er wollte nicht unhöflich sein". So eine Situation müsse von den Übersetzenden erkannt werden.  "Sie sollten", so Herter, "die beiden Lebenswelten auf eine Ebene bringen, sowie Verstand und Toleranz fördern".

Die Dolmetschenden des Hilfswerk haben meist selbst einen Migrations-Hintergrund, sie sind in der Schweiz aber gut integriert. Doris Herter auf die Frage von OnlineReports, ob mit diesem Dienst ein doppelter Integrationseffekt gegenüber Übersetzenden wie Klienten angestrebt werde: "Nein, nicht bewusst, aber wir tragen manchmal automatisch zu einer zusätzlichen Integration bei." Oft absolvieren ihre Angestellten im Anschluss oder parallel zur Arbeit als Dolmetschende noch eine Zusatzausbildung. So möchte beispielsweise Leyla Thüring gerne eine Weiterbildung in Richtung Psychotherapie machen.

Breite Unterstützungs-Palette

Schon heute ist Leyla Thüring-Polat schwerpunktmässig in den Bereichen Psychotherapie und IV-Gutachten tätig. Dies ist aber nur ein Teil des HEKS-Angebots: "Linguadukt" deckt praktisch das ganze Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen ab. Die Migranten werden in Fachgesprächen wie ärztlichen Untersuchungen, Krisen-Interventionen, Eltern-Abenden oder bei Besprechungen auf Sozialämtern sprachlich und kulturell unterstützt. "Jeder Bereich", so Thüring, "hat eine andere Gewichtung, eine andere Schwierigkeit und braucht unterschiedlich Konzentration".

In Fällen von Invalidität beispielsweise sei es wichtig, "Wort für Wort korrekt weiterzugeben", erzählt die erfahrene IV- Übersetzerin. Dies bestätigt Herter: Wenn den Patienten nicht die erwünschte Rente zugeschrieben werde, könne es - dies sei jedoch sehr selten - zu Beschwerden über angeblich mangelhafte Übersetzung kommen. In solchen Fällen sei der "Angriff auf die schwächste Partei" am naheliegendsten. Bis heute musste Doris Herter nur vier Beschwerden entgegennehmen, wobei derzeit ein Fall noch hängig ist. Bei einer wöchentlichen Übersetzung von ungefähr 30 Begutachtungen sei das eine verschwindend kleine Zahl.    

Interkulturelle Übersetzung und Vermittlung

Der Dienst teilt sich in zwei Sparten auf: Einerseits in die "interkulturelle Übersetzung", andererseits in die "interkulturelle Vermittlung". Ziel einer Übersetzung ist es, den Inhalt sinngemäss und exakt zu transportieren, betont die Projektleiterin: "Dabei ist es wichtig, beide Kulturen zu kennen". Bei einer interkulturellen Vermittlung hingegen erhalten die Dolmetschenden eine Vorgabe für ein Gespräch. Beispielsweise soll einer türkischen Familie beigebracht werden, dass in der Schweiz der Familie mehr Verantwortung bezüglich der Schulbildung abverlangt wird. Die Dolmetschenden sollten neben der Übersetzung auch fähig sein, "aus eigener Initiative Ideen einzubringen und Gespräche oder Projekte zu leiten".

Das HEKS arbeitet mit der Basler Integrationsstelle und der eidgenössischen Ausländer-Kommission zusammen. "Das sind unsere Geldgeber", erklärt Doris Herter. Die Mittel werden für eine bessere Zusammenarbeit und eine optimierte Organisation der verschiedenen regionalen Übersetzungs-Dienste verwendet. Der Dolmetscher-Dienst an sich sei weitgehend selbstständig: "Wir finanzieren uns selbst", so Herter weiter. Das Unternehmen ist nicht gewinnorientiert und arbeitet mit einem Jahresbudget von 846'000 Franken. Eine Übersetzungs-Stunde kostet den Auftraggeber 82.50 Franken. Mit diesem Geld werden Übersetzer, Administration, Weiterbildungen und Infrastruktur bezahlt. Die Übersetzungskraft erhält letzten Endes noch 47 Franken pro Stunde.

Dolmetscher-Dienst hat hohen Stellenwert

"Linguadukt" habe "einen hohen Stellenwert in unserer Regionalstrategie", bekräftigt Christian Plüss, Leiter der HEKS-Regionalstelle beider Basel. Es gebe den Dienst nicht nur schon seit zwanzig Jahren, auch sei der Bedarf nach dieser Dienstleistung stetig gewachsen. Mit der Sprachbegleitung solle die Integration der Migranten gefördert werden. Allerdings sei es wichtig, dass die Zuwanderer auf eigene Initiative Deutsch lernen. Plüss sieht den Prozess nicht als " ein entweder oder", sondern als ein "sowohl als auch". Es sei ein spezifisches Angebot für Situationen, in denen die deutsche Sprache nicht ausreiche.

Die Entwicklung von "Linguadukt" ist eindrücklich: Der Dienst wuchs von wenigen Übersetzungsstunden bis zu zehntausend pro Jahr, qualitativ professionalisierte er sich auch bezüglich Weiterbildung und Angebots-Ausbau. Derzeit werden 40 verschiedene Sprachen angeboten, wobei nach Türkisch die grösste Nachfrage besteht. An die hundert Institutionen zählen zum Kundenstamm.

Strikte Trennung von Beruf und Freizeit

Inzwischen ist die Konsultation vorbei. Wieder einmal spürt Leyla Thüring-Polat die Dankbarkeit einer Klientin: "Das ist das Schöne an diesem Beruf", erzählt die Ehefrau und Mutter einer gut vierjährigen Tochter. Selbst hatte sie zweimal das "Fremdsein" erlebt: Die ersten sieben Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Deutschland und zog anschliessend in die Türkei. Dort wuchs sie auf und kam vor 18 Jahren in die Schweiz, um hier ihr Gesangsdiplom zu erwerben. Die Opernsängerin weiss aus eigener Erfahrung, wie schwierig eine Integration in der Schweiz sein kann.

Trotzdem handelt die erfahrene Dolmetscherin nicht aus Mitleid: "Ich kann mich von meinen Kunden und ihren Problemen gut abgrenzen", bekräftigt Thüring-Polat. Dieser Abstand sei wichtig für eine erfolgreiche Übersetzung. Dennoch käme es vor, dass die Patienten die Freizeit gerne mit den Dolmetschenden verbringen möchten: "Nach einer längeren Begleitung denken die Klienten, wir seien jetzt Freunde", so die Sängerin weiter. Feinfühlig müsse sie ihnen dann klar machen, dass "ich keine Freundschaft aufbauen darf und auch nicht möchte". Berufliches und privates Leben müsse strikte getrennt werden.

Ist die Übersetzung vorbei, trennen sich die Wege der Beteiligten. Özlem Sahin muss ihren Alltag wieder selbst gestalten.

* Der Titel ist tükisch und heisst übersetzt: "Herr Doktor, ich kann leider nicht Deutsch"
** Namen von der Redaktion geändert

21. Februar 2008


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"Die Sprecherin der Swiss Indoors antwortete nicht auf die Anfrage dieser Zeitung."

BZ Basel
vom 27. November 2017
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"Und übrigens ..."

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