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"Schwierige Grenzziehung": Museumsleiterin Anette Gehrig, Gestalterin Trinidad Moreno

Die Verführung geht von der Andeutung aus

Cartoonmuseum Basel: "Erotik" ist das Thema einer Ausstellung, die es nicht leicht hat


Von Aurel Schmidt


Das Karikatur & Cartoon Museum in Basel heisst jetzt Cartoonmuseum, weil Cartoon ein erweiterter und passenderer Oberbegriff ist für das, was die neue Leiterin Anette Gehrig in dem Haus verwirklichen will. Alles, was über die Grenzen hinausgeht, ist gut, es erweitert den Begriff und den Horizont. Cartoon umfasst die Karikatur, die satirische Zeichnung, den Cartoon, eigentlich eine gezeichnete Geschichte mit einer Pointe. 

Die  neue Ausstellung nimmt sich das Thema Erotik vor und führt Werke von den genialen Sittenschilderungen wie William Hogarth und Thomas Rowlandson über George Grosz bis zu Künstlern von heute wie Tomi Ungerer, Manfred Deix, Erick Sokol, der für den "Playboy" zeichnet, und anderen vor. Der Ausdruck Künstler ist insofern berechtigt, als die Grenze im Bereich Erotik weder thematisch noch formal genau zu ziehen ist. Ein Künstler wie der Schweizer Andreas Gefe ist mit Arbeiten vertreten, die die alten englischen Vertreter des Genres derb und illusionslos in die Moderne übersetzen.

Während das Formale ruhig im Ungefähren belassen werden kann, ist die Grenzziehung in thematischer Hinsicht ungleich viel schwieriger. Was ist Erotik? Geld vielleicht? Ein Auto? Haut? Musik? Es kommt auf die Dosierung an, auch auf die Einstellung – vielleicht, aber das ist nur eine Ausflucht vor der begrifflichen Definition.

Erotik sei ein "inszenierter Auftritt", meint Anette Gehrig. Man könnte auch sagen, dass sie zwischen Andeutung und Verhüllung, zwischen dem Offengelassenen und dem Heimlichen oszilliert. Enthüllung ist Pornografie, also alles, was man sehen kann. Was man sich vorstellen muss, ist erotisch. Es ist real nicht greifbar und löst gerade deshalb eine Unruhe aus.

"Der Versuch, das Erotische
in Bild oder Wort zu fassen, zerstört es."




Damit ist die Grenze zwischen Erotik und Pornografie gezogen, nur nicht mit einer klaren Linie. Das geht nicht. Es muss etwas im Ungefähren und Unausgesprochenen bleiben, in einer Grauzone, wo es möglich ist, mit dem Thema zu spielen. Ja, richtig: Auch das Spielen hat eine erotische Qualität.
 
Das Problem besteht nur aber darin, dass der Versuch von bildlicher Darstellung des Erotischen – wie von erotischer Literatur – in eine Falle tritt, denn was ich sehe, ist ja bereits definiert und vor Augen gehalten. Und damit um Reiz und Überraschung gebracht.

Noch ein weiteres Problem kommt hinzu. Wir sind heute so fürchterlich modern und aufgeklärt, dass alles, was mit Sexualität zu tun hat, jeden Reiz verloren hat. Die Gesellschaftsforscher erklären uns – wenn sie recht haben –, dass das Sexuelle nichts besonders Aufregendes ist. Die sogenannten Sex- und Erotikmessen sind triste Anlässe. Die Luft ist draussen und die Sexualität längst von der Kommerzialisierung in Beschlag genommen.

Manchmal hat sie noch eine provokative Bedeutung. Die Rechtgläubigen und Rechtschaffenen empören sich, wie es sich zum guten Ton unter ihresgleichen schickt – die Glücklichen! Aber ausserhalb ihrer Kreise regt sich niemand mehr auf. Die meisten Werke im Cartoonmuseum bedürfen einer Erklärung. Eine der eigentümlichsten Feststellungen, die man machen kann, ist vielleicht der häufig vorkommende maschinelle Charakter des Sexualakts. Aber was hat das mit Erotik zu tun? Ein paar Penisse oder üppige Brüste gehören zum durchschnittlichen Bildinventar. Am besten schaut man sich die ausgestellten Werke mit einem Glas Sekt in der Hand an. Nur so hat man etwas zum Lachen.

Die von Trinidad Moreno besorgte Szenografie der Ausstellung ordnet das Thema in drei Teilen auf drei Stockwerken an: Politische Karikatur, Verhältnis von Mann und Frau, Grenze zu Pornographie und Obszönität. Fünf Frauen sind in der Männerausstellung vertreten. Das leistet dem Argument vom "männlichen Blick" natürlich Vorschub. Wo bleibt aber der weibliche Blick? Der wäre doch auch interessant.

Die Ausstellung ist bis zum 27. September geöffnet. Begleitprogramm (zum Beispiel Führungen, kulinarische Verführung, Programm am Internationalen Museumstag) unter www.cartoonmuseum.ch

27. April 2009


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