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"Zu den Leuten gehen": Sudan-Vermittler Urs Tobler

Die Baumeister des Friedens im Südsudan

Kirchliche Friedensinitiative unter Schweizer Beteiligung will das afrikanische Kriegsland versöhnen


Von Anna Wegelin


Im Sudan tobt seit Jahrzehnten der Bürgerkrieg, ein Ende ist trotz Abkommen zwischen der islamistischen Regierung im Norden und den Rebellen im christlich-animistischen Süden nicht in Sicht. Eine kirchliche Friedensinitiative unter Schweizer Beteiligung sucht nach neuen Wegen der Versöhnung im Südsudan. Mit kleinen, aber vielversprechenden Schritten zur Befriedung, wie Sudan-Experte Urs Tobler im Gespräch mit OnlineReports erklärt.


Das Treffen auf dem Bürgenstock war geschichtsträchtig: Am 19. Januar vereinbarten Vertreter der islamistischen Regierung im Norden Sudans und Delegierte der Rebellen der Volksbefreiungsbewegung "Sudan People's Liberation Movement" (SPLM) aus dem Süden einen vorerst sechsmonatigen Waffenstillstand für die umkämpften Nuba-Berge. Das im Kanton Nidwalden abgeschlossene Abkommen war unter massgeblicher Vermittlung der Schweiz unter Leitung des Sonderbotschafters für Konfliktberatung, Josef Bucher, zustande gekommen. Urs Tobler, Koordinator des "Sudan Forums Schweiz", eine von Hilfswerken gegründete Vereinigung für die politische Lobbyarbeit, begrüsst das Engagement der Schweiz. Als Programmverantwortlicher für den Südsudan bei der evangelischen "Mission 21" in Basel bezweifelt er jedoch den Willen der sudanesischen Regierung für einen gerechten Frieden ernsthaft.

Einzigartige Friedensinitiative

Urs Tobler-Staunton ist 52 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Bern. Er hat in England und den USA politische Philosophie und Soziologie studiert und 1998 am Institut für Islamwissenschaften und Christlich-Muslimische Beziehungen der University of Birmingham promoviert. 1975 ging er mit der Basler Mission (heute "Mission 21") für vier Jahre nach Kamerun. In den achtziger Jahren war er für das Internationale Rote Kreuz (IKRK) in Tschad, Uganda und Äthiopien im Einsatz und kam so auch zum ersten Mal nach Khartum. Nach der Überschwemmungskatastrophe im Südsudan 1986 wurde die Basler Mission vom Hilfswerk der Evangelischen Kirchen (HEKS) angefragt, gemeinsam "Glückskette"-Gelder zur Nothilfe der Überlebenden einzusetzen, die in den Norden des nordostafrikanischen Landes geflohen waren. Seither reist Urs Tobler, der 1989 im Afrika-Referat der Basler Mission zu arbeiten begann, regelmässig in den Süden. Seit 1997 begleitet er eine bemerkenswerte kirchliche Friedensinitiative im Südsudan.

Vom 21. bis 24. Juli 1997 lud der ökumenische südsudanesische Kirchenrat (New Sudan Council of Churches, NSCC) den bewaffneten Arm der Volksbefreiungsfront unter John Garang zu einer Versöhnungskonferenz nach Yei, Südsudan; dieser trug seit 1991 seinen Machtkampf gegen den Rivalen Riek Machiar in einem blutigen Stammeskrieg nach modernem Muster aus. Urs Tobler war als Beobachter dort. Auf die Frage, was an der kirchlichen Friedensinitiative denn so einmalig sei, antwortet er: "Dass sie zu den Leuten geht und diese in den Friedensprozess mit einbezieht, das ist ein Novum im sudanesischen Bürgerkrieg."

Hintergründe zum Konflikt

Wie kam es zum fast zwanzigjährigen blutigen Krieg südlich der Nuba-Berge, der mehr Menschenleben gefordert und mehr Menschen in die Flucht getrieben haben soll als der anhaltende Konflikt zwischen dem politisch und wirtschaftlich dominanten, islamisch-arabischen Norden und dem überwiegend christlichen und animistischen Süden?

Seit 1983 herrscht im Südsudan erneut Bürgerkrieg. Das unter aktiver Vermittlung des Weltkirchenrats zustande gekommene "Addis-Abeba-Abkommen" von 1972 hatte zwar dem Südsudan Teilautonomie zugestanden und so zu einer vorübergehenden Normalisierung geführt. Doch es blieb beim Papiertiger und als Präsident Numeiri 1983 das islamische Gesetz der Scharia für das ganze Land einführte, eskalierte der Krieg erneut: Die SPLM ging in den Untergrund und nahm den bewaffneten Kampf auf. Nach der Spaltung innerhalb der Guerillabewegung 1991 fand eine "Tribalisierung" des Konflikts statt; die traditionellen Stammesgesellschaften wurden mitten in den Machtkampf zwischen Garangs und Machiars Fraktion hinein gezogen. Gewalt, Hunger und Elend prägen seither den Alltag der Völker im Sudd. Urs Tobler: "Das Tragische am Konflikt im Südsudan ist, dass er vom Norden her gesteuert ist." Denn die Regierung unter Generalleutnant Omar Hassan Ahmad el-Baschir belieferte Machiar mit Kriegsmaterial.

Der Krieg im Südsudan ist letztlich ein Nord-Süd-Krieg. Die politische und wirtschaftliche Diskriminierung des christlich-aniministischen Südens durch den islamisch-arabischen Norden hat Tradition. Zwangsrekrutierte Arbeitskräfte und SklavInnen, die natürliche Ressource Wasser und neuerdings auch das Erdöl aus dem Süden des Landes tragen wesentlich zur Macht und Prosperität des Regimes in Khartum bei. Urs Tobler erinnert sich noch lebhaft an seinen humanitären Einsatz in den achtziger Jahren, als Tausende vor dem Krieg, Hunger und der Flutkatastrophe im Süden in den Norden flohen: "Das Problem aller Hilfswerke, die im Sudan tätig sind, ist bis heute, dass sie nur schwer sinnvolle Entwicklungsprojekte umsetzen können. Die Regierung hat kein Interesse, dass Menschen aus dem Süden gut behandelt, geschweige denn integriert werden."

Rückbesinnung auf traditionelle Formen der Konfliktlösung

Doch zurück zur Friedensinitiative der sudanesischen Ökumene: Auf Yei folgte Lokichokio, Wunlit und, vor zwei Jahren, Liliir. Vom 9. bis 15. Mai 2000 trafen sich im Niemandsland östlich des weissen Nils 129 Delegierte der südsudanesischen Stämme Anyuak, Dinka, Jike, Kachipo, Murle und Nuer zu einer Versöhnungskonferenz unter NSCC-Mandat. Garangs SPLM markierte immerhin zu Beginn ihre Präsenz. Eine Woche lang suchten traditionelle spirituelle und bürgerliche Clanchiefs sowie Delegierte von Frauenverbänden – sie müssen den Alltag meistern, während ihre Männer sich bekriegen – nach konstruktiven Wegen der Konfliktlösung. Unter offenem Zeltdach ohne Seitenwände, auf wenigen Stühlen und vielen Plastik-Planen sitzend konnten die Betroffenen mit Mikrofon und Übersetzung ins Englische ihrer Wut und ihrem Elend Ausdruck verleihen: Entführte Frauen, gestohlene Kühe, abgebrannte Dörfer, brutal ermordete Mädchen; Wasserknappheit und Hunger, mangelnde Schulbildung und die stete Angst vor Flucht und Vertreibung. Felix Karrer hat die Konferenz in Liliir für das Schweizer Fernsehen DRS im eindrücklichen Film "Baumeister des Friedens" dokumentiert.

Dass in Liliir eine Amnestie zustande kam, ist bestimmt keine Selbstverständlichkeit. Wie kam es ausserdem zu einer Reihe verpflichtender Abkommen zwischen den Stämmen, etwa über die Rückgabe entführter Frauen und Mädchen oder über den Zugang zu Bohrlöchern und Weideland? Urs Tobler: "Das Rezept war bestechend einfach, man besann sich auf die traditionellen Formen der Konfliktlösung zurück." Diese seien verloren gegangen, als die SPLM die Macht im Stammesgebiet übernahm: "John Garang führte eine hierarchische militärische Struktur mit Waffengewalt ein, die absolut nichts mit den traditionellen Gesellschaften im Südsudan zu tun hatte." Auf die Frage, ob die Konferenz von Liliir konkrete Resultate gebracht habe, antwortet Tobler: "Beginnen wir bei den ganz kleinen Sachen", das seien jetzt die wichtigsten Schritte zur Befriedung des Landes. Es gebe regelmässige Zusammenkünfte zwischen den einzelnen Fraktionen. Da werde rapportiert und genaustens Buch geführt über zurückerstattete Kühe, über Frauen, die sich für den Verbleib bei ihrem neuen Mann entschieden hätten; es würden gemeinsam gemischte Hochzeiten gefeiert und auch der Handel zwischen den Stämmen finde wieder statt.

Heikler Balanceakt des Kirchenrats

Inzwischen habe der NSCC entschieden, auch die südsudanesische Diaspora an den runden Tisch zu bewegen. Urs Tobler: "Wer eine höhere Ausbildung machen will, muss ins Ausland gehen, da an sudanesischen Universitäten nur in Arabisch unterrichtet wird." Bleibt die Schwierigkeit, auch die Guerilla für den Friedensprozess zu motivieren. Bisher habe der NSCC jede der geplanten Konferenzen und Treffen auch gegen zum Teil "massivsten Widerstand" von Garangs SPLM durchgeführt, berichtet Tobler. Doch diese werde nun zunehmend zur Rechenschaft gezogen, denn wer die Menschenrechte und die Demokratie hoch halte, könne nicht von Friedensverhandlungen fern bleiben, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

"Es braucht mutige und starke Leute beim NSCC." Urs Tobler betont namentlich die integrative Persönlichkeit von Kirchenrats-Generalsekretär Haruun L. Ruun, der kürzlich in den USA einen Friedenspreis entgegen nehmen durfte. Seine einleitenden Worte an der Konferenz von Liliir sind also durchaus für bare Münze zu nehmen: "Wir haben die Wahl. Lasst uns einig sein, sonst gehen wir unter." Nach anfänglichen Machtkämpfen innerhalb des Kirchenrats lebe der NSCC heute "die Demokratie" vor und habe so auch Vorbildfunktion für die verhandelnden Völker.

Kirchen auch in Bürgerkriegsparteien verankert

Doch die Kirchen sind nicht nur die "Architekten des Friedens" im Südsudan, wie Felix Karrer sie in seinem Film nennt. Sie sind auch in den Bürgerkriegsparteien verankert. Urs Tobler: "Die Spannungen im Sudan finden sich auch in den verschiedenen Kirchen und auch im NSCC." So sind etwa die Nuer hauptsächlich protestantisch, die Dinka mehrheitlich katholisch oder anglikanisch. Der Südsudan wurde unter den Briten christianisiert. Die Missionierung südlich der Nuba-Berge sei nicht sonderlich erfolgreich gewesen, sagt Urs Tobler; nur zirka ein Viertel der Bevölkerung sei zum Christentum konvertiert dem etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung angehören. Die Missionsgesellschaften hätten Gutes und Schlechtes importiert: Einerseits habe der Einzug der westlichen Moderne Schulbildung und Gesundheitswesen mit sich gebracht, andererseits hätten sie aber die traditionelle Gesellschaft in einen "gewaltigen Konflikt" gedrängt. Die Mission 21 unterstütze den inner-sudanesischen Prozess hauptsächlich finanziell. Urs Tobler: "Es kann nie Sinn und Zweck sein, Friedensarbeit im Süden mit Leuten aus dem Norden zu machen."

Erdölerlös wird vor allem in Kriegsmaterial investiert

Der sudanesische Bürgerkrieg ist letztlich ein Krieg um Macht und Geld, das vom Wasser und neuerdings auch von den Erdölvorkommen im Süden stammt. Urs Tobler: "Alles Geld fliesst in den Norden und der grösste Teil davon wird für Kriegsmaterial verwendet." Die Forderung von Nicht-Regierungsorganisationen laute deshalb auf Erdölboykott: "Es kann nur einen Frieden geben, wenn es ein gerechter Friede ist. Und ein gerechter Frieden bedeutet wiederum, dass die Ressourcen gerecht verteilt werden." Im Süden glaube aber niemand an die Gleichbehandlung. Deshalb müsse der Südsudan teilautonom werden. Die jüngst vereinbarte Zusammenarbeit der beiden SPLM-Fraktionen könnte laut Urs Tobler auch den Nord-Süd-Frieden ein Stück näher bringen: "Die Machtdemonstration im Süden ist leider der einzig gangbare Weg, um die Regierung an den Verhandlungstisch zu bringen."

Zur NSCC-Friedensinitiative meint er: "Die Vision der Kirchen beziehungsweise des Kirchenrats ist eine Gesellschaft, die es den Menschen erlaubt, wieder zu leben." Dazu brauche es "enorm viel Geduld". Nach 25 Jahren Friedensarbeit habe er persönlich dieses Durchhaltevermögen nicht mehr. Urs Tobler beendet sein berufliches Engagement bei der Mission 21 und baut mit seiner irisch-stämmigen Frau in Dublin eine Import-Firma für Bio-Wein auf.

26. März 2002


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