© Fotos by Christof Wamister, OnlineReports.ch
"Willkommene Ergänzung": Bioklappe in Birsfelden

Wohin denn mit der Biomasse im rot-grünen Basel?

Basel tut sich immer noch schwer mit der Einführung einer umfassenden Grünabfuhr


Von Christof Wamister


Noch in diesem Jahr sollen in Basel Bioklappen für Küchenabfälle aufgestellt werden. Aus der Biomasse entsteht Biogas und Kompost. Gegenüber Riehen und den angrenzenden Baselbieter Gemeinden ist die Stadt damit im Rückstand. Sie setzt bis jetzt auf ein kombiniertes System mit Grünabfuhr für Gartenabfälle, dezentraler Kompostierung und Verbrennung in der Fernheizung.


Der Kompostplatz auf dem Winkelriedplatz im Basler Gundeldingerquartier wurde im vergangenen Januar total erneuert und umgebaut. Das ist für sich besehen keine weltbewegende Neuigkeit. Aber die Kompostanlage "Winkeli" (Bild unten), wie sie von den freiwilligen Helfern liebevoll genannt wird, ist eine von 29 Quartierkompostanlagen in der ganzen Stadt und die einzige im Gundeli.

Bewohner aus dem ganzen Quartier bringen ihre Küchenabfälle, die hier nach genauen Vorgaben behandelt und zu nährstoffreichem Kompost verarbeitet werden. Manchmal türmten sich die grünen Kesselchen und Plasticsäcke zu hohen Bergen. Doch das Problem liegt nicht nur in der Quantität, sondern in der Qualität des Angelieferten.

Nur ungekochte Abfälle brauchbar

Rüstabfälle, Küchenabfälle, Biomasse? Auf den Quartierkompostplätzen werden nur ungekochte Abfälle von Gemüse, Früchten und anderen vegetarischen Speisen angenommen. Gekochte Essensreste, Fleisch oder Brot sind unerwünscht. Ganz zu schweigen von Zigarettenstummeln, Nespresso-Kapseln und Windeln.

Die Kompost-Freiwilligen mussten leider die Erfahrung machen, dass ihre Einrichtung von anonymen Quartierbewohnern als Deponie für allerlei Haushaltabfälle missbraucht wurde. Es scheint trotz Informationen in mehreren Sprachen auch an den entsprechenden Kenntnissen zu fehlen.

Mit der neuen Platzanordnung will die Abteilung Kompostberatung der Stadtgärtnerei nun Abhilfe schaffen. Die Abfälle dürfen nur noch abgeliefert werden, wenn auf dem Platz gearbeitet wird. Anonym deponiertes Material wird nicht mehr entgegengenommen und durch die Stadtreinigung entsorgt. Diese System habe sich auf anderen Kompostplätzen bewährt, sagt Dieter Simonet, Leiter der Kompostberatung bei der Stadtgärtnerei. Er und seine Mitarbeiter instruieren auch Private, Genossenschaften und Freizeitgärtengärten. Mit Hilfe der Kompostberatung wurden in den letzten Jahren in Basel über 3'000 Kompostplätze eingerichtet.

Gebührenpflicht macht Kompostieren attraktiv

Wie das Beispiel zeigt, ist das Kompostieren die anspruchvollste Variante, wenn es um das Entsorgen oder Wiederverwerten von organischen Abfällen geht. Seit der Einführung der gebührenpflichtigen Abfallsäcke ist es auch jenseits des ökologischen Gewissens interessant geworden, die Haushaltabfälle zu trennen.

Wer seine Küchenabfälle weiterhin dem Bebbisack anvertraut und entsprechend etwas mehr Geld ausgibt, handelt aus ökologischer Sicht zwar nicht völlig falsch. In der Basler Kehrrichtverbrennungsanlage (KVA) wird auch aus diesen Abfällen Energie gewonnen. Sie werden damit allerdings dem ökologischen Kreislauf entzogen. Die in ihnen enthaltene organische Substanz, der Humus, löst sich in Luft auf, während er mit dem Kompost zu neuem Wachstum beiträgt.

Dies ist ein Aspekt, der in Ökobilanzen bis jetzt kaum quantifiziert werden konnte. Negativ schlägt beim Kompostierprozess zu Buche, dass die dabei entstehende Wärme nicht genutzt werden kann.

Mehr Biomasse aus Basel erwünscht

Als dritte Variante bietet sich seit einigen Jahren ein kombiniertes Verfahren mit Vergärung und Kompostierung an, wie es in der Region die Firma "Biopower AG" mit Produktionsstätten in Pratteln, Ormalingen und Liesberg betreibt. In Rheinfelden, im Oberbaselbiet, in Läufelfingen sowie in in den Regionen Lörrach und St-Louis evaluiert das Unternehmen weitere Standorte. Durch die Vergärung der feineren und feuchteren Bioabfälle entstehen Biogas und Biotreibstoff.

Für die Haushalte als Abfallproduzenten hat dieses Verfahren den Vorteil, dass sie nicht wie beim Kompostieren zwischen Rüstabfällen und sonstigen organischen Küchenabfällen unterscheiden müssen. Alles Vergärbare kann in den Grüncontainer wandern. Die Biopower AG wäre natürlich daran interessiert, von Basel mehr vergärbares Material zu erhalten, wie ihr Chef Mike Keller gegenüber OnlineReports bestätigte. 60 Prozent der Biomasse bezieht das Unternehmen von Gemeinden, 40 Prozent kommt aus gewerblichen Betrieben.  

Riehen holt es

Welches Verfahren ist nun das beste, und wie gelangt die Biomasse zur entsprechenden Verwertungsstelle? In der Region Basel herrscht föderalistische Vielfalt. Überall gibt es zwar eine Grünabfuhr für Gartenabfälle, doch bei der Biomasse aus den Haushalten werden verschiedene Methoden bevorzugt. Riehen bietet eine umfassende Grünabfuhr an. Die grünen Küchenabfälle werden in einem Säckchen aus biologisch abbaubarem Material grünen Containern anvertraut, von der Gemeinde abgeholt und bei der "Biopower AG" weiterverarbeitet.

"Das ist ein Erfolg, weil es gebührenfrei ist", bilanziert Christian Jann, Leiter Wasser und Entsorgung bei der Gemeinde Riehen. Die benachbarten basellandschaftlichen Gemeinden setzen auf eine Kombination aus Grünabfuhr und sogenannten Bioklappen, in denen die Küchenabfälle gegen Gebühr deponiert werden. Ein System mit einer Chipkarte sorgt dafür, dass kein unbrauchbarer Müll entsorgt wird. Wer einen eigenen Garten hat, kann seinen Abfall zu Hause kompostieren und auch dort wieder verwenden.

Studie bringt keine neuen Erkenntnisse

Das gilt natürlich auch für Basel, wo der Anteil von Haushaltungen ohne Garten allerdings grösser ist. Für Garten- und Balkonabfälle gibt es in der Stadt ebenfalls eine Grünabfuhr. Das Material wird in einer Grosskompostieranlage der Stadtgärtnerei in Arlesheim verarbeitet. Schwieriger ist die Situation bei den grünen Küchenabfällen.

Die Stadt setzt weiterhin auf das dezentrale Kompostieren, erreicht damit aber gemäss einer Studie des geografischen Instituts nur einen kleinen, aber überzeugten Teil der Bevölkerung. Vierzig Prozent der "grünen" Hausabfälle landen weiterhin über den Abfallsack in der KVA.

In einem parlamentarischen Vorstoss von bürgerlicher Seite wurde schon 2006 eine stärkere Berücksichtigung der Biovergärung und Treibstoffproduktion gefordert. Vier Jahre später präsentierte die Regierung eine Analyse der verschiedenen Varianten durch unabhängige Umwelt-Ingenieurbüros und machte ihren Beschluss kund, im Prinzip so weiterzufahren wie bisher. Keine der dargestellten Varianten habe bezüglich Ökobilanz einen entscheidenden Vorteil.

Hofer "überrascht, ja enttäuscht"

Er sei von den Resultaten der Ökobilanz überrascht, ja enttäuscht gewesen, erklärte Jürg Hofer, Chef des Basler Amtes für Umwelt und Energie (AUE), gegenüber OnlineReports. Die Variante "Verbrennung" habe so gut abgeschnitten, weil die Basler KVA die Heizenergie optimal für das grosse Basler Fernwärmenetz nutze. Ein umfassende Grünabfuhr nach Riehener Vorbild würde erheblich mehr kosten als das bisherige System und müsste auch aus allgemeinen Steuermitteln finanziert werden. Zudem wäre es wegen des vielen Abfalls, der in der Innerstadt entsteht, kaum möglich, auf die zweite Kehrichtabfuhr pro Woche zu verzichten, wie dies in Riehen zu Gunsten der Grünabfuhr der Fall ist.

Schon der Regierungsbeschluss von 2010 wurde als Entgegenkommen an die Bewohner, die nicht selber kompostieren können oder wollen, die Aufstellung von Bioklappen angekündigt, dessen Sammelgut den Biopower-Anlagen zugeführt werden soll. Damit sei man noch etwas im Hintertreffen, räumt Jürg Hofer ein. Aber wenn immer möglich würden noch in diesem Jahr erste Anlagen aufgestellt. Welches Quartier zuerst zum Zug kommt, ist noch offen.

Bioklappen für Nicht-Kompostierer

Die Menge des dabei anfallenden Materials darf allerdings nicht überschätzt werden. Würden in Basel fünzig Bioklappen aufgestellt, könnten nach Schätzung der Fachleute etwa 500 Tonnen Biomasse gesammelt werden. Pro Jahr fallen in der Stadt aber rund 12'000 Tonnen an. In Gemeinden wie Binningen wird die Bioklappe nur als ergänzendes Angebot eingesetzt. "Auf eine Bioklappe kommen hundert Benützer. Das ist die Faustregel", sagt der Binninger Abfallverantwortliche Martin Ruf.

Die kostengünstigste Variante, die von der Regierung in ihrem Bericht favorisiert wird, wäre ein Teil- oder Vollausbau der dezentralen Kompostierung mit einer Aufstockung der Kompostberatung, die bis jetzt über 1,2 Stellen verfügt. Der Realisierungs-Zeitpunkt dafür sei noch offen, war vom AUE zu erfahren. Die dezentrale Kompostierung sei aber ein "Freizeitmodell", das nicht mit Abfallentsorgung-Aufgaben belastet werden dürfe, warnen die Verfasser der Ökobilanz in ihren Empfehlungen.

Ein Ausbau der Quartierkompostplätze ist auch nur möglich, wenn sich genügend Freiwillige finden, die zur Mitarbeit bereit sind. Es sei in den letzten Jahren tendenziell etwas schwieriger geworden, die Leute zu motivieren, sagt Kompostberater Dieter Simonet. Man müsse aber auch sehen, dass die Kompostberatung jährlich rund 180 Plätze bei Einfamilien- und Mehrfamilienhäusern einrichte, die von Privaten autonom betrieben werden.

Eine ideologische Frage?

Bioklappe gegen Kompostieren, Vergären versus Verrotten? Hinter der Diskussion um die richtige Methode stecken auch verschiedene Umweltphilosophien. Die Erzeugung von Energie aus Biomasse gehört auf die Seite eines technisch ausgerichteten Umweltschutzes. Es braucht Investitionen und vor allem Energie, sogenannte "graue Energie", um die Anlagen überhaupt zu erstellen und das Material zu ihr zu transportieren.

Das Kompostieren ist dagegen eine Methode des kleinen Aufwands, mit kurzen Transportwegen und einem soziokulturellen Aspekt. Die Quartierkompostplätze haben ihre Ursprünge in der Bewegung "Oekostadt", die nach der "Schweizerhalle"-Katastrophe entstand. Ist Vergären eher "bürgerlich" und Kompostieren eher "rot-grün"? Ideologische Streitigkeiten dienen der Sache nicht. Die Bioklappe wird vermutlich eine willkommene Ergänzung sein.

27. März 2012

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