"Vielleicht gehe ich auch, niemand weiss"

Bus um Bus verlassen Kosovo-Albaner die sichere Schweiz, um in ihrer Heimat in der Befreiungsarmee UCK zu kämpfen


Von Peter Knechtli


Zu Hunderten tauschen kosovo-albanische Männer ihr Leben in der sicheren Schweiz gegen den Kriegseinsatz der Befreiungsarmee UCK in Kosovo ein. Doch der patriotische Effort, von schweizerischen Behörden eher diskret beobachtet, ist nicht ohne Risiko.


Nennen wir ihn Zeqir Muja. Der grossgewachsene Kosovo-Albaner organisiert in der Region Basel UCK-Freiwilligen-Transporte männlicher Landsleute ins Kriegsgebiet. Mehrmals versuchen wir mit ihm Kontakt aufzunehmen. Endlich ruft er mit seinem Handy zurück und wir vereinbarten einen Treffpunkt. 12 Uhr mittags. Irgendwo am Rhein. Wir warten vergeblich. Zeqir kommt nicht. Am Abend, so hatte er uns am Telefon noch in kaum verständlichen Wortfetzen berichtet, gingen erneut drei Busse Richtung Süden.

Dafür ist als Übersetzer Liridon Berisha (Name geändert) gekommen. Der Akademiker mit Flüchtlingsstatus und fester Stelle in Basel betont, dass er keinen Kontakt zur UCK habe. Er kann aber gut verstehen, dass die in der Schweiz rekrutierten künftigen UCK-Kämpfer keine Interviews geben wollen. "Sie haben Angst, alle haben Angst, ich auch", sagt Liridon und drängt auf komplette Anonymität.

Asylstatus wird "sofort entzogen"

Er gebraucht, wie alle seine Landsleute, die albanische Bezeichnung "Kosova". Dort sind seit Monaten auch seine Gedanken: "Meine Familie, meine Cousins, meine Eltern, meine Schwester, mein Bruder mit seiner Frau und zwei Kindern sind noch in Kosova." Nur 50 Meter neben ihrem Haus sind serbische Soldaten einquartiert. Und eben las er im Internet die Nachricht, dass in seiner Stadt heftige Kämpfe ausgebrochen seien, die auf beiden Seiten Tote gefordert hätten. Angesichts des unsäglichen Elends in seiner Heimat scheinen ihm die Fragen des Reporters über die UCK-Rekrutierung in der Schweiz realitätsfremd.

Doch Thomas Kessler, der Migrations-Delegierte der Basler Regierung, verteidigt die Politik seines Kantons ohne Umschweife: "Da sind wir knallhart. Wenn ein Flüchtling aus der Schweiz für die UCK in den Kampf zieht, wird ihm der Asylstatus sofort entzogen."

Was so unerbittlich tönt, kann Kessler plausibel begründen. "In Basel legen wir sehr viel Wert auf ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen aus 156 Nationen. Irgendwelche Rekrutierungsbemühungen, die Energie in einen Konflikt fliessen lassen, lehnen wir strikte ab."

Bis 10'000 Albaner in der Region Basel

Bisher war diese Politik erfolgreich: Serben und Albaner leben hier ruhig zusammen. Mit 190'000 Angehörigen (gegenüber 150'000 Serben) bilden die Albaner nach den Italienern die zweitgrösste ausländische Kolonie in der Schweiz. Allein in der Region Basel leben zwischen 8'000 und 10'000 Albaner. Thomas Kessler: "Unser Interesse ist der Frieden und die Integration in der Schweiz. Wir wollen kein Kriegsheldentum fördern und die Stigmatisierung der Serben verhindern."

Obschon auch in der Region Basel seit Wochen immer wieder Busse mit UCK-Helfern in den Süden fahren, sind Kessler offiziell "keine solchen Rekrutierungen bekannt". Die UCK hält er nicht für eine wohltätige Institution, sondern "für eine von vielen Organisationen, die Krieg führt".

Liridon Berisha, der selbst ein Jahr in der jugoslawischen Armee Dienst tat, kann dieser Definition wenig abgewinnen. Wie versteinert richtet er seinen Blick ins vorüber fliessende Rheinwasser. Kopfschüttelnd schildert er, dass der Bundes-Flüchtlingsdelegierte Jean-Daniel Gerber die UCK als Terror-Organisation bezeichnet und mit der ETA oder gar IRA gleichgesetzt habe. "Die UCK ist unsere ganze Bevölkerung", wirbt er um Verständnis. "Sie ist als Reaktion darauf entstanden, dass der Westen zu lange nichts gegen die Gräueltaten des Milosevic-Regimes unternommen hat."

Bewaffnung im Kriegsgebiet

Der Kampf der UCK gegen die paramilitärischen Söldner aus Serbien, Rumänien und Russland sei unentbehrlich: "Es geht zuerst darum, die Bevölkerung möglichst vor ihren Übergriffen zu schützen und Kosova längerfristig von serbischer Herrschaft zu befreien." Thomas Kessler mag nicht so recht dran glauben, dass alle jetzt aus der Schweiz abreisenden angehenden UCK-Kämpfer auch wirklich im Kriegsgebiet ankommen: "Was da noch heldenhaft tönt, ist dann plötzlich schnell vorbei, wenn die erste Kugel pfeift."

Liridon Berisha dagegen glaubt an die Kampfbereitschaft der Rekrutierten: "Sie haben ihre Arbeit, ihre Frauen und ihre Kinder verlassen." Das Einzige, was sie auf ihrer Fahrt ins Ungewisse mitgenommen haben, seien "Kleider und Ausrüstung". Tarnanzüge und Stiefel seien auf Schweizer Märkten frei erhältlich. Die Bewaffnung erfolge erst im Kriegsgebiet.

An der Ausrüstung der UCK ist die inoffizielle Schweiz allerdings nicht ganz unbeteiligt. Davon zeugen die 50 bei einem privaten Händler beschafften, mit Hilfsgütern beladenen Transportfahrtzeuge, die nach ihrer Löschung im Kampf der Kosovaren hätten zum Einsatz gelangen sollen.

Schmuggel von Waffen aus Schweizer Erwerb

Der Bundesanwaltschaft sind nach den Worten von Sprecher Dominique Reymond bisher zwei grössere und einige kleinere Fälle von versuchtem Waffenschmuggel bekannt. Beim jüngsten Fall sind in Triest für die UCK bestimmte Waffen aus Schweizer Erwerb beschlagnahmt worden.

Ein weiteres Verfahren, das die Bundesanwaltschaft schon letzten Oktober eröffnete, beschäftigt seit Monaten den St. Galler Untersuchungsrichter Thomas Hansjakob. Er ist zwei gemieteten und als "Hilfsgüter" deklarierten Containern auf der Spur, die auch 115 SIG-Scharfschützengewehre mit Zielfernrohr und 200'000 Schuss Munition enthielten.

Diese Waffen zum Stückpreis von 6'000 Franken, die derzeit in der albanischen Hafenstadt Durres beschlagnahmt sind, waren von einer mit einem Kosovo-Albaner verheirateten Schweizerin vor allem in Waffengeschäften der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein gekauft worden. Beschlagnahmt wurden überdies 230'000 Franken, die für weitere Waffenkäufe zugunsten der UCK bestimmt gewesen waren.

Ausrüstung und Ausbildung stark verbressert

Untersuchungsrichter Hansjakob ist überzeugt, dass dieser Handel strafbar ist. Obschon die SIG diese Waffen in Prospekten unmissverständlich als "Präzisionsgewehre für Sicherheitskräfte" anbietet, stelle das Bundesamt für Aussenwirtschaft den Charakter als Kriegsmaterial in Abrede, da die Waffe ursprünglich als Jagdgewehr konzipiert worden sei – für Untersuchungsrichter Hansjakob eine "rein handelspolitisch motivierte" Argumentation.

Dass die UCK nicht nur ihre Ausrüstung, sondern auch ihre Ausbildung in den letzten Monaten stark verbessert hat, weiss Roger Schneeberger, der Sprecher des Bundesamtes für Flüchtlinge: "Sie schicken niemanden in den Kampf, der nicht in Albanien die professionelle Grundausbildung hinter sich gebracht hat."

Unserem Gesprächspartner Liridon Berisha ist bekannt, dass ehemalige Offiziere der jugoslawischen Armee albanischer Abstammung zu den Ersten gehörten, die die Schweiz verliessen - und dort offenbar bisher auch blieben. Jedenfalls weiss Roger Schneeberger bloss von einem einzigen zurückgekehrten Asylbewerber. Folge für den Betroffenen: Ein amtlicher Entscheid, auf das Asylgesuch nicht einzutreten. Dennoch hat der Rückkehrer derzeit Glück: Er fällt unter die vorläufige kollektive Aufnahme. Doch auch diesen Status verliert er, falls er erneut in den Krieg zieht.

Es kommt auch zu Zwangsrekrutierungen

Nicht alle Abreisenden verabschieden sich freiwillig aus der Schweiz. Roger Schneeberger hat Hinweise darauf, dass es auch zu Zwangsrekrutierungen kommt. Bundesanwalts-Sprecher Dominique Reymond bestätigt, dass die Schweiz "nebst Deutschland eine der Hochburgen der finanziellen UCK-Unterstützung" sei. Dagegen sei die Schweiz ist "kein Zentrum für Waffenlieferungen an die UCK": Bisher seien im wesentlichen nur die versuchte Lieferung von 250 Gewehren und rund sieben Tonnen Munition verschiedener Kaliber aktenkundig.

Als eigenständige Partei existiert die UCK in der Schweiz nicht, sagt Reymond weiter. Dagegen werde die UCK durch die Partei LPK ("Volksbewegung von Kosovo") politisch, moralisch und finanziell über Spendenfonds unterstützt. Eines von zwei Konten, die letztes Jahr blockiert worden waren – jenes in der Deutschschweiz –, ist noch immer gesperrt. Freigegeben werde das Geld erst, wenn der Nachweis für rein humanitären Gebrauch erbracht sei.

Moralischer Druck

Die Bundespolizeibehörden wissen von einem Aufruf, wonach "jeder in der Emigration lebende Kosovo-Albaner 500 Franken spenden soll". Somit dürfte die Spendentätigkeit – etwa im Rahmen von Informationsveranstaltungen - erhebliche Summen einbringen. Das Geld werde teils auch zum Kauf von Material eingesetzt, das nicht unter das Kriegsmaterialgesetz fällt: Alte Tarnanzüge, ausgemusterte Armee-Lastwagen, Geländefahrzeuge, Schutzwesten oder Nachtsichtgeräte. Bei Spendenaktionen werde auf die Kosovo-Albaner zwar "sicher moralischer Druck ausgeübt" (Reymond). Schutzgeld-Erpressungen dagegen, bei der kurdischen PKK gang und gäbe, sind der Bundesanwaltschaft nicht bekannt.

Liridon Berisha selbst gibt nach eigenem Bekunden jährlich "bis 10'000 Franken pro Jahr für meine Familie und andere Familien". Er ist Vollverdiener, hat in Basel Familie und kleine Kinder. Er ist in der Schweiz gut integriert. Auf die Frage, weshalb er nicht in den Kosovo kämpfen gehe, folgt eine lange Pause. Wieder starrt er ins lautlos vorbei fliessende Rheinwasser. "Vielleicht gehe ich auch. Niemand weiss."

12. Mai 1999


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