In die Trauer platzt das Hakenkreuz

Rassismus in Pratteln / Ausländerkommission bleibt inaktiv


Von Peter Knechtli


Rassismus in der Agglomerationsgemeinde Pratteln: Nach dem Suizid eines 15jährigen Türken zerstörten Unbekannte die Gedenkstätte mit Nazi-Sprüchen. Doch die kommunale Ausländerkommission bleibt inaktiv.


Unter Freunden, Angehörigen und Lehrern herrscht in Pratteln Trauer: Am 9. Mai hatte sich der 15jährige türkische Sekundarschüler Talip Yildiz von einer Autobahnbrücke auf die A2 gestürzt, wo ihn noch drei Autos überrollten. 200 Mitschülerinnen und Mitschüler nahmen an einer ergreifenden Abschiedsfeier im Schulhaus teil.

Jetzt kam auch Wut dazu

Seit Anfang dieser Woche herrscht auch noch Wut: Die zahlreichen selbstgefertigten Gedenktafeln, Blumen, Briefe, Plüschtiere, Fotos und Kerzen, die Talips Freunde auf der Autobahnbrücke zur Gedenkstätte arrangierten, wurden in der Nacht auf Pfingstmontag zerstört. Mit "Sieg heil", "verrecke", "SS", "Ausländer raus" und Hakenkreuzen waren die Insignien der Anteilnahme übersprayt. Pfarrerin Clara Moser Brassel, die die Abschiedsfeier mitgestaltete, ist wie zahlreiche Dorfbewohner entsetzt: "Es gibt keine Menschenwürde mehr."

Der Todessprung von der Autobahnbrücke ist nicht der erste Anlass in Pratteln, den ausländerfeindliche Kräfte zu Übergriffen nutzten: Seit ein türkischer Junge letzten Herbst anlässlich eines Schülerfestes gegenüber der Securitas handgreiflich wurde, taucht sein Vorname in der Gemeinde neben gesprayten Hakenkreuzen auf.

Dennoch sieht SVP-Gemeindepräsident Willy Schneider, der familiäre Probleme als Selbstmord-Motiv vermutet, keinen Grund, die seit über vier Jahren schlafende kommunale Ausländerkommission zu aktivieren: "Ich wüsste nicht, was diese Kommission bei Familienproblemen beitragen könnte. Sobald es ein Thema gibt, das spezifisch alle Ausländergruppen geht, wäre ich sofort bereit, diese Kommission zu aktivieren."

"Kein grösseres Problem als andere Gemeinden"

Der Gemeindevater, der Jugendhaus und Ortsvereine als Integrationsmöglichkeit anbietet, verurteilt zwar "solch rassistische Sprüche vehement", wehrt sich aber dagegen, dass seine Gemeinde als rassistisch abgestempelt wird: "Wir haben kein grösseres Problem als andere Gemeinden mit geringerem Ausländeranteil."

Diese Aussage ist umstritten: Die Agglomerationsgemeinde hat einen Ausländeranteil von 34 Prozent, in ihrem Wahlkreis erzielten die Schweizer Demokraten bei den letzten Landratswahlen einen Stimmenanteil von 16 Prozent. Auch gibt es Kindergärten, in denen sich zwei Schweizer Kinder unter 19 ausländischen tummeln. Das vom Dorfleben abgetrennte riesige Wohn-Getto "Längi", in dem auch Talip hauste, beherbergt weit über fünfzig Prozent ausländische Mieter.

"Doch, in Pratteln gibt es latenten Rassismus - und zwar gegenseitig", meinte eine Lehrkaft, die mit der "enormen Konsumhaltung" ausländischer Eltern zunehmend Mühe bekundet. Andere Stimmen kritisieren, dass die Gemeinde trotz des offensichtlichen Konfliktpotentials eine Integrationspolitik verschlafen habe.

"Man kann nie genügend tun", schildert Sekundarschul-Prorektor Jörg Ramseier das Dilemma. Hoffnung setzt er in die neugebildete gemeinderätliche Arbeitsgruppe "Gewalt in Pratteln", die "auch das Thema Integration aufnehmen und den Jugendlichen ein Forum für Auseinandersetzung anbieten sollte".

Eltern müssen Miteinander vorleben

"Bezüglich Zusammenleben von Schweizern mit Ausländern wurde aus finanziellen Gründen bisher zu wenig getan", glaubt Verena Walpen, die Präsidentin der Primar- und Realschulpflege. Sie schlägt vor, das "gewaltfreie gesamtheitliche Zusammenleben" in Form friedensstiftender Projektwochen in der Schule zu lernen. Dies allerdings mache nur Sinn, wenn "auch in- und ausländische Eltern bereit sind, das multikulturelle Miteinander vorzuleben".

Als erste Reaktion will der Gemeinderat kommende Woche den jüngsten Übergriff offiziell verurteilen. Ob hinter der Hakenkreuz-Attacke ein Einzeltäter oder eine Gruppe steckt, ist unbekannt. Die Polizei ist eingeschaltet und ermittelt.

29. Mai 1999


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BZ Basel
vom 17. April 2019
über Regula Rytz
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Sie regularisiert einfach zuviel.

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