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"Es geht um einen Bewusstseinswandel": Tier-Ethiker Hagencord

Das Christentum scheint die Tiere vergessen zu haben

In der Bibel erwähnt, aber in der Theologie kaum beachtet: Priester Rainer Hagencord will das ändern und für eine Ethik des Tieres kämpfen


Von Matthias Brunner


Tieren soll in der christlichen Religion eine Stimme verliehen werden und die Menschen sollen ihre utilitaristische Einstellung gegenüber den Tieren überdenken. Dies ist die Zielsetzung des neu gegründeten Instituts für Theologische Zoologie im deutschen Münster. Co-Leiter Rainer Hagencord will den interdisziplinären Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft fördern.


"Vor Gott sind alle gleich", heisst ein geflügelter Spruch aus der Bibel. Aber trifft dieses "alle" auch auf die Tiere zu? Der katholische Priester Rainer Hagencord bejaht dies sofort. Und er ergänzt, dass der Mensch insofern "gleicher" ist, als nur er die Verantwortung für die Schöpfung trägt. Für den studierten Theologen, Philosophen und Doktor der Biologie ist es deshalb keine Frage, dass Tiere nach dem Tode wie Menschen in den Himmel kommen: "Wohin den sonst? Etwa auf die Müllhalde der Evolution?", kontert er schlagfertig.

Platz für Tiere in der Religion

Trotzdem fanden bisher Tiere in der christlichen Kirche kaum grössere Beachtung. Eine Ausnahme bildete da der heilig gesprochene Franziskus von Assisi, der die Tiere als seine "Brüder" bezeichnete und respektvoll mit ihnen umging. Unter der Schirmherrschaft der international bekannten Primatenforscherin Jane Goodall hoben Ende 2009 Rainer Hagencord und der Kapuziner Anton Rotzetter nach eigenen Angaben "das weltweit einzigartige Institut für Theologische Zoologie" aus der Taufe, das der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Kapuziner im deutschen Münster angegliedert ist. Die Kirche finanziert Hagencords 80 Prozent-Stelle.

Unter dem Begriff "Theologische Zoologie" sollen Tiere im gelebten Christentum mehr Raum bekommen, ohne deshalb kreationistischen Ideen zu verfallen. "Es geht in erster Linie um einen Bewusstseinswandel, was die Einstellung der Menschen gegenüber den Tieren betrifft", erklärt Hagencord den Grundansatz des Instituts. Der Mensch solle sich wieder verstärkt als Teil der Natur statt als Krone der Schöpfung verstehen.

Kein Freibrief durch die Bibel

Dazu gehört auch eine neue Interpretation der umstrittenen Bibelpassage "Macht euch die Erde untertan". Die verheerenden Konsequenzen daraus sind tagtäglich feststellbar: Menschen missbrauchen diesen Satz als Freipass, Tiere gnadenlos auszubeuten, zu vernichten und zu missachten. Einer solchen Bibel-Auslegung widerspricht Hagencord vehement. Vielmehr interpretiert er das Zitat aus der Heiligen Schrift des Christentums dahingehend, dass die Menschen für die Natur eine Verantwortung zu tragen haben.

Er erfüllt seine Mission unter anderem über Vorlesungen an drei deutschen Universitäten. Für das Semester 2011/2012 planen Professorin Silvia Schroer und Professor Norbert Sachser aus dem Kuratorium des Instituts für Studierende der Theologie und Verhaltensbiologie eine interdisziplinäre Tagung auf dem legendären "Monte Verita" im Tessin.

Aktion "vegetarischer Tag"

Doch Hagencord ist kein Gelehrter, der sich im wissenschaftlichen Elfenbeinturm verbarrikadiert. Seine Projekte verfügen über einen direkten Bezug zum Alltag. So unterstützt er die Aktion der Stadt Recklingshausen, einen vegetarischen Tag durchzuführen. "Dies ist ein starkes Zeichen", stellt Hagencord fest und hofft, dass weitere Städte diesem Beispiel folgen werden. Den Kontext dazu knüpft er zum fleischlosen Freitag, wie er für streng praktizierende Katholikinnen und Katholiken üblich ist.

Neben seiner Lehrtätigkeit erhält der Universitätsdozent immer mehr Anfragen aus der Landwirtschaft oder von Parteien – vor allem, wenn es um das Thema Massentierhaltung geht. So wurde er etwa zu den Anhörungen zum deutschen Tierschutzgesetz nach Berlin eingeladen. Für Hagencord müssen Religion und Naturwissenschaft nicht im Widerspruch stehen. So lässt sich für ihn die Evolutionstheorie gut mit der Theologie verbinden. Er versteht sich deshalb vor allem auch als Vermittler zwischen diesen Welten.

Auch Tiere haben Gefühle

Keinen Zweifel lässt der Naturwissenschaftler an seiner Überzeugung aufkommen, dass sowohl Menschen als auch Tiere beseelte Lebewesen sind. Nur seien deren Ausdrucksmöglichkeiten unterschiedlich. So gesteht er Tieren durchaus starke Gefühle wie Freude, Liebe oder Trauer zu – nur dass sie diese auf andere Weise ausdrückten als Menschen dies könnten.

"Es gibt bei der Empfindungsfähigkeit zwischen Menschen und Tieren keinen Qualitäts-, sondern nur einen Quantitätsunterschied", ist Hagencord überzeugt. Individualität und Persönlichkeit würden sich nicht auf den Menschen beschränken. Und weiter meint er: "Natürlich finden sich dabei Unterschiede zwischen einem Menschen und einer Schildkröte." Doch bestünden ebenso fliessende Übergänge. Hagencord definiert die Seele nicht nur über das vorhandene Bewusstsein, sondern versteht sie mit Bezug auf die jüdische Tradition als Begriff für das Geheimnishafte. "Wenn ich von Seele spreche, meine ich es in diesem poetischen Sinne. Was eine Seele ist, erschliesst sich einem letztlich erst über die Erfahrung", folgert Hagencord. Diesen Zugang habe er bisher vermisst.

Sensible Dickhäuter

Abgesehen von jenen naturwissenschaftlichen Fundamentalisten, welche überhaupt jegliche Existenz einer Seele abstreiten, bestätigen selbst anerkannte Zoologen, dass Tiere sehr wohl über Gefühle verfügen. Ein gutes Beispiel dafür liefern Elefanten. So belegt, dass die sensiblen Dickhäuter eigentliche Elefantenfriedhöfe errichten und sterbende Artgenossen wieder aufzurichten versuchen.

In "Habari", der Fachzeitschrift der "Freunde der Serengeti Schweiz", sprach der anerkannte Grosswildexperte der afrikanischen Tierwelt Martin Hall von einer "Solidarität" und einem "Mitgefühl" der Elefanten für andere Tiere: "Sie nehmen sich als Individuen wahr und haben Gefühle." Der verstorbene Basler Zoologe Adolf Portmann gestand Tieren sogar einen Sinn für Schönheit zu. Bei seinen Forschungen kam er zum Schluss kam, dass beispielsweise Amselmännchen nicht nur zur Revierverteidigung oder zum Anlocken eines Weibchens melodiös singen würden, sondern manchmal einfach auch aus purer Freude am eigenen Gesang.

Beweisführung per Bibel

Hagencord erstaunen solche Schilderungen nicht – für ihn sind sie leicht nachvollziehbar. Während des Gesprächs mit OnlineReports beruft sich der katholische Theologe immer wieder auf Bibelstellen, die seine Auffassungen untermauern sollen. So erwähnt er, dass laut des Schöpfungsberichts Gott zuerst die Tiere schuf, Noah vor der Sintflut die Tiere an Bord der Arche nahm oder Jesus 40 Tage lang in der Wüste allein unter wilden Tieren gelebt haben soll.

Im Alten wie im Neuen Testament spielten Tiere jeweils eine grosse Rolle. Erst bei der Frage, ob das Schächten von Tieren – das in der Schweiz gesetzlich verboten ist – zulässig sei oder nicht, zögert er einen Moment. Er möchte sich nicht festlegen. Statt dessen erläutert er zunächst die Gründe für das rituelle Schlachten aus jüdischer Sicht. Schliesslich antwortet er etwas ausweichend: "Ich würde eine schnelle Tötung favorisieren."

Kein weltfremder Kreationist

Von speziellen Gottesdiensten für Tiere hält der Kirchenmann indes wenig. Tiere bedürften keiner Segnung, da sie – sinnbildlich gesprochen – den Garten Eden gar nie verlassen hätten und damit automatisch bei Gott wären. "Ein Gnu lebt in der Unmittelbarkeit, ohne sich Sorgen über sein Dasein und das Morgen machen zu müssen", schliesst Hagencord daraus.

Dass es der Tierwelt trotzdem insgesamt schlecht ergeht und immer mehr Arten aussterben, daran trügen in erster Linie die Menschen schuld. Denn Hagencord ist alles andere als ein Kreationist, der die ganze Evolutionslehre von Charles Darwin ablehnt. Doch ist er sich sicher, dass der Mensch gegenüber dem Tier aus christlicher Sicht eine besondere Verantwortung hat: "Wer radikal unterscheidet, dass er Menschen Respekt schulde, aber das Tier wie Steinkohle behandeln kann, der handelt meiner Meinung nach falsch. Das führt dazu, dass die Gesellschaft Tiere wie rohes Fleisch behandelt."

Änderung des Konsumverhaltens

Der Umgang mit Tieren in der von christlicher Tradition geprägten Gesellschaft ist in der Tat schizophren: Während Heimtiere bis zum Exzess verhätschelt und vermenschlicht werden, leiden Millionen von Tieren unter oft artwidrigen Bedingungen in der Massenhaltung, nur um den kaltschnäuzigen Heisshunger der Konsumierenden nach immer mehr und billigerem Fleisch zu stillen.

Zu diesem Missstand hat Hagencord eine klare Haltung: "Es braucht eine Änderung des Konsumverhaltens, indem insgesamt weniger Fleisch und höchstens solches aus artgerechter Produktion gekauft wird." Eine Forderung, die neben den Tierschützern auch von Klimaschutzexperten und Fachleuten der Entwicklungszusammenarbeit zu hören ist. Denn der Organismus unseres Blauen Planeten leidet schon jetzt unter der Last der Milliarden von Rindviechern und Schweinen. Als Fernziel könnte sich Hagencord den Vegetarismus als Teil des Auswegs aus der Misere vorstellen.

Wandel der Einstellung gefordert

Dabei ist er nicht generell dagegen, dass Menschen Tiere nutzen, solange sie mit Respekt behandelt würden. Dies sei mit der jüdisch-christlichen Tradition ebenso vereinbar wie mit der Tatsache, dass Menschen schon seit Jahrtausenden Haustiere halten. Philosophisch betrachtet solle sich der Mensch allerdings wieder stärker als Teil der Natur verstehen.

Was damit gemeint sein kann, schildert beispielsweise Helmut Beck-Broichsitter, ehemaliger Reitschüler der Spanischen Hofreitschule in Wien, in dem kürzlich im WuWei-Verlag erschienen Buch "Gesammelte Werke" mit folgenden Worten: "Gott schuf den Menschen, damit er ihm diene. Gott schuf das Pferd, damit es ihm dabei helfe."

Parallele zu Albert Schweitzers Ethik

Hier findet sich eine Parallele zu der von Albert Schweitzer entworfenen Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben". Ein Schlüsselsatz der Philosophie des reformierten Pfarrers, Doktors und talentierten Musikers lautet: "Ich bin Leben, inmitten von Leben, das leben will." Hagencord interpretiert Schweitzer so, dass der Respekt vor allem Lebendigen auch zur Achtung unter den Menschen führe. So sei auch der Ausspruch Schweitzers "Tierschutz ist Menschenschutz" zu verstehen.

Ganz in diesem Sinne wirkt beispielsweise die "Ethikschule" in Allschwil, die von der Stiftung "Mensch und Tier" getragen wird. Obwohl seit nunmehr zwölf Jahren unzählige Schulklassen aus beiden Basel von diesem Angebot profitiert haben, droht nun diesem Projekt das Aus. Grund dafür ist die fehlende finanzielle Unterstützung durch die staatlichen Schulen.

Menschenrechte für Primaten?

Radikale Tierrechtler gehen indes noch weiter und setzen Tiere auf die gleiche Stufe wie Menschen. Sie fordern sogar Menschenrechte für Primaten. Dabei beruht ihre Argumentation hauptsächlich auf der rein naturwissenschaftlichen Optik, die die weitgehende genetische Übereinstimmung ins Zentrum stellt.

Einer der bekanntesten Tierrechtler ist der australische Philosophieprofessor Peter Singer, der wegen seiner Theorien teilweise heftig umstritten ist. Er geht davon aus, dass Tiere mit einem Selbstbewusstsein, eigenem Willen und Schmerzempfinden als Personen betrachtet werden sollten. Bisher kennt Neuseeland als einziger Staat der Welt gewisse Grundrechte für Primaten.

Hagencord zeigt dafür gewisse Sympathien. "Dies hat natürlich auch einen gewissen Symbolwert. Wenn man Grundrechte für Menschenaffen fordert, macht dies die Türe auf, um in der Folge auch für andere Tiere Grundrechte zu fordern." Dies hätte natürlich weitreichende Konsequenzen und würde beispielsweise in Frage stellen, ob Primaten weiterhin für Forschungszwecke eingesetzt werden dürfen.

Nicht gegen jegliche Tierversuche

Allerdings wendet sich Hagencord nicht grundsätzlich gegen jegliche Tierversuche: "Wenn es um die grossen medizinischen Fragen wie Demenz, Alzheimer, der Gehirnmedizin geht, braucht es das Tiermodell im Versuch. Da würde ich – bei allem Respekt vor der Maus oder dem Meerschweinchen – sagen, dass Tiere zum Wohl des Menschen genutzt werden dürfen." Doch betont er gleichzeitig, dass jeder Einzelfall eine Abwägung erfordere und die Tiere würdig gehalten werden müssten.

Dasselbe fordert er auch für die Heimtiere und kritisiert gewisse Auswüchse, bei denen Tiere vermenschlicht werden. Tierkrematorien und Tierfriedhöfen steht er eher skeptisch gegenüber. Was für ihn nicht bedeutet, dass man um ein verstorbenes Heimtier nicht trauen soll. Dezidiert tritt er auch dafür ein, dass Kinder mit Heimtieren aufwachsen: "Eine Kindheit ohne Tiere halte ich für grausam."

Weitere Informationen: www.theologische-zoologie.de

2. November 2010

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