© Fotos by Matthias Brunner, OnlineReports.ch
"Freude, Schmerz, Glück und Elend": Begehrter Weihnachts-Fleischlieferant Kalb

Das Tier-Opfer zum christlichen "Fest der Liebe"

Das Ess-Fest Weihnachten als Anlass zum Nachdenken über unsere Einstellung zu den Tieren


Von Matthias Brunner


Noch nie war das Verhältnis der Menschen zu den Tieren so gespalten wie heute. Auf der einen Seite werden Tiere erbarmungslos vermenschlicht, andererseits in Tierfabriken gehalten, schamlos ausgenutzt, gequält und am Fliessband getötet: Höchste Weihnachtszeit, sich über eine neue Tier-Ethik Gedanken zu machen.


Kaum auf der Welt, wird das frisch geborene Kalb von seiner Mutter liebevoll abgeleckt. So wird nicht nur die Mutter-Kind-Bindung geschaffen, die Kuh speichert damit den Geruch ihres Nachwuchses ab und kann ihn später daran erkennen. Schon kurze Zeit nach der Geburt steht das Kalb etwas wackelig auf seinen vier Beinen und schaut aus grossen Augen um sich.

Lange bleibt ihm nicht Zeit, um die Welt zu entdecken. Spätestens nach 160 Tagen wird es geschlachtet – ansonsten gilt es nicht mehr als Kalb, sondern als Rind. Nun liegen Teile des toten Kalbes, fein-säuberlich in mundgerechte Fleischhäppchen drapiert, auf einer silbernen Platte. Es ist Heiligabend und wie in so vielen Schweizer Familien wird als Festtagsmenü das Fondue chinoise aufgetischt.

Nach der schier endlos langen, hektischen Vorweihnachtszeit, die mit dem 24. Dezember ihren absoluten Kulminationspunkt erreicht hat, sind die meisten froh, nicht auch noch kochen zu müssen, sondern sich erschöpft vom selbst auferlegten Stress der zurückliegenden Wochen einfach nur noch hinsetzen zu können. Deshalb angesagt: "Chinoise". Fleischstückchen bequem in den mit heisser Bouillon gefüllten Topf tauchen und abwarten, bis sie gar sind. "Alles andere ist Beilage", heisst es in der Fleischbranchen-Werbung.

Seelenloser Gebrauchs-Gegenstand

Nach dem Festschmaus versammelt man sich um den festlich geschmückten Weihnachtsbaum. Fast erdrückt von dem riesigen Berg säuberlich verpackter Geschenke für die Liebsten, lugt versteckt eine Krippe hervor. Zumindest in den Familien, die sich zur christlich-abendländisch geprägten Kultur zählen, gehört dies auch heute noch zur gängigen Tradition. Nebst den üblichen Krippenfiguren mit dem Jesuskind und seinen Eltern Maria und Joseph, gesellen sich häufig noch ein Esel, ein Ochse und Schafe dazu. Denn zu Zeiten von Christus Geburt war es normal, dass Menschen nahe mit Tieren zusammenlebten.

Heute gibt es hierzulande kaum noch Ochsen. Männliche Rinder werden spätestens mit einem Jahr geschlachtet. Sind es die Kälber von Hochleistungs-Milchkühen, werden sie bereits einen Monat nach ihrer Geburt getötet. Durch die einseitige Zucht auf möglichst hohe Milchleistung, setzen die sogenannten Tränkekälber kaum Fleisch an und gelten somit als "unrentabel".

Esel werden noch heute in vielen Ländern als Lasttiere eingesetzt und häufig schlecht behandelt und gehalten. Schafe sind in der Schweiz höchstens ein Hobby oder werden in erster Linie wegen der staatlichen Subventionen gehalten.

Der entscheidende Rechtfertigungs-Satz steht in der Bibel: "Macht Euch die Erde Untertan." Er hat verheerende Auswirkungen auf den Umgang mit den Tieren zur Folge. Der Mensch betrachtete sich fortan als Krone der Schöpfung. Eine Fehlinterpretation, wie der katholische Priester Rainer Hagencord überzeugt ist. Der studierte Philosoph und Biologe ist Mitbegründer des Instituts für Theologische Zoologie im deutschen Münster. Seit Bestehen des nach eigenen Angaben "weltweit einzigartigen" Instituts setzt sich Hagencord für einen gerechteren Umgang mit Tieren im praktizierten Christentum und allgemein in der Gesellschaft ein.

Descartes' seelenlose Maschinen

Das Bild vom überlegenen Menschen wurde massgeblich durch den französischen Philosophen René Descartes (1596-1610) mitgeprägt. Nach seiner Ansicht verfügt einzig der Mensch über einen Verstand, während die Tiere seelenlose Maschinen sind, die einfach einem von der Natur vorgegebenen Programm folgen. Man könnte auf die Idee kommen, dass Descartes damit den Grundstein für die industrielle Massentierhaltung von heute gelegt hat. Ausgerechnet der berühmte Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) stellte hingegen in seinem Werk "Die Abstammung des Menschen" fest: "Die Tiere empfinden offenbar gerade so gut wie der Mensch Freude, Schmerz, Glück und Elend."

Doch die Vorstellung, dass Menschen so völlig anders seien als Tiere, hielt sich über die Jahrhunderte bis heute, wobei die Kluft laufend grösser wurde. Dieses tradierte Bild ist erst mit der Entschlüsselung des Genoms von Primaten etwas ins Wanken geraten. Es hat sich herausgestellt, dass das Erbgut des Homo sapiens und des Schimpansen zu 98,4 Prozent (je nach Analysemethode) identisch ist. Radikale Tierrechts-Organisationen begründen unter anderem damit ihre Forderung auf Menschenrechte für Primaten.

"Tiere können denken"

Differenzierter geht diese Thematik die Schweizer Gruppierung "Sentience Politics" an. Sie fordert mit einer kantonalen Volksinitiative, Grundrechte für Primaten in der baselstädtischen Verfassung zu verankern. Der Initiativtext besteht praktisch aus einem einzigen Satz: "Diese Verfassung gewährleistet überdies: das Recht von nichtmenschlichen Primaten auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit." Das Begehren mit experimentellem Charakter erhält gemäss einem Artikel der "Tageswoche" moralische Unterstützung durch Markus Wild, der als Professor an der Universität Basel Theoretische Philosophie lehrt und Leiter des Departements Philosophie und Medienwissenschaft ist.

In einem früheren Gespräch mit OnlineReports.ch plädiert Wild für ein "negatives Lebensrecht". Ausser Frage steht für ihn, dass Tiere beispielsweise weder "gefoltert" (gequält), getötet noch eingesperrt werden dürfen. Als wichtigstes Kriterium für diese "Schutzrechte" nennt er das Schmerzempfinden eines Tieres. Für Wild ist wichtig, ob ein Lebewesen über Bewusstsein und Empfindungsfähigkeit verfügt oder nicht.

Doch er geht noch einen Schritt weiter: So gesteht er Tieren nicht nur eine Persönlichkeit zu, sondern – wenn auch in einem sehr beschränkten Rahmen – die Fähigkeit, in die Zukunft denken zu können und sogar ein einfaches, moralisches Bewusstsein in Bezug auf Artgenossen zu entwickeln. So betrachtet liegt es nahe, eine Tier-Ethik zu entwerfen, wie es beispielsweise Wild mit seinem Buch "Tierphilosophie zur Einführung" getan hat.

Arten- und Tierschutz reichen nicht

Allerdings stossen solche Gedanken teilweise auf heftige Ablehnung, insbesondere in Kreisen der Naturwissenschaft oder der Landwirtschaft. So erhielt der ehemalige Direktor des Zoos Frankfurt, Christian R. Schmidt, vor einem Jahr im "Tages-Anzeiger" breiten Raum, um unter dem Titel "Tiere brauchen keine Ethiker" Tier-Ethik mit den Worten "ein widersprüchlicher, aber überflüssiger Begriff" pauschal zu disqualifizieren. Begründung: Die Tiere hätten nichts davon. Doch ist dem tatsächlich so?

Es stellt sich die Frage, was Tier- und Artenschutz bisher den Tieren genützt haben. Tatsache ist, dass die Rote Liste der Weltnaturschutz-Union (IUCN) der vom Aussterben bedrohten Tierarten jedes Jahr länger wird – trotz internationaler Rettungsbemühungen von Staaten und privaten Natur- und Umweltschutzorganisationen wie dem WWF und vielen anderen. So stehen stellvertretend für andere Tierarten die Prognosen für die afrikanischen Elefanten äusserst schlecht: Bis in 25 Jahren könnte der letzte Dickhäuter auf diesem Kontinent verschwunden sein. Hauptursachen dafür: Wilderei wegen des Elfenbeins und der Verlust des Lebensraums – verursacht durch den Menschen.

Forderung nach Tierschutzanwälten

Tierschutz-Organisationen versuchen tagtäglich weltweit verzweifelt, gegen das immense Tierleid anzukämpfen – oft ohne viel erreichen zu können. Das Schweizer Tierschutzgesetz gilt weltweit als eines der strengsten. Einzigartig sind die Bestimmungen, wonach Tiere nicht als Sache gelten, und die Würde des Tieres gewahrt werden muss, da dem Tier ein Eigenwert eingeräumt wird.

Genau auf diesen bedeutenden Gesetzesabschnitt bezog sich die Stiftung Tier im Recht (TIR) mit einer Strafanzeige gegen eine mehr als fragwürdige Dressurnummer mit Löwen, mit welcher der "Circus Royal" das Publikum belustigte. Doch die Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen befand es nicht einmal für nötig, die Vorwürfe zu prüfen und lehnte eine Strafuntersuchung ab.

Da Tiere nicht selber vor Gericht klagen können, bräuchten sie jemanden, der sie juristisch vertritt. Mit einer eidgenössischen Volksinitiative forderte der Schweizer Tierschutz STS kantonale Tierschutzanwälte. Das Begehren war wurde im Jahre 2010 von der Bevölkerung wuchtig abgelehnt. Darauf verlor wenig später Antoine F. Goetschel, als erster und einziger offizieller Tierschutzanwalt der Welt in dieser Funktion, sein Amt beim Kanton Zürich.

Paradigmenwechsel überfällig

Die Mensch-Tier-Beziehung in der abendländischen Kultur könnte widersprüchlicher nicht sein: Das modebewusste "It-Girl" zeigt sich in der Öffentlichkeit gerne im prestigeträchtigen Pelzmantel und dem bis zur Unkenntlichkeit vermenschlichten, winzigen Schosshündchen in der angehängten Designer-Handtasche. Heimtierhalter geben horrende Summen für allerlei Accessoires und Spezialfutter für ihre Lieblinge aus, während das alltägliche Fleisch auf dem Teller möglichst billig sein soll – auf Kosten der Lebensqualität der Tiere in den industriellen Massenhaltungen. Der Bauer ist längst Fleischproduzent geworden.

Wer nun meint, dies seien nur Exzesse einer dekadenten, urbanen Bevölkerung, die ohnehin schon Lichtjahre von der Natur entfernt sei, der irrt: Unter der sperrigen Bezeichnung "Vereinigung zum Schutz von Jagd- und Nutztieren vor Grossraubtieren in der Zentralschweiz” wurde in Erstfeld ein Verein gegründet. Jagdbare Wildtiere wie Rehe, Hirsche, Gämsen oder Füchse sollen so vor dem natürlichen Prädatoren Wolf "geschützt" werden – damit Jäger auch weiterhin genügend Beute zum Abschiessen haben.

Allein die weitgehend willkürliche Einteilung in Haus-, Heim-, Nutz- und Wildtiere verrät eine einseitige Sichtweise: Tiere haben in erster Linie den Interessen der Menschen zu dienen. Aber was würden sich eigentlich die Tiere von den Menschen wünschen, wenn sie denn eine Wahl hätten und sich für ihn verständlich ausdrücken könnten? Offensichtlich scheint, dass die gestörte Tier-Mensch-Beziehung dringend einer "Behandlung" bedarf und die materialistischen Vorstellungen Descartes' überwunden werden müssten.

Ethik des Nichtwissens

Wie könnte so ein neudefiniertes Verhältnis zwischen Mensch und Tier aussehen, das ausgeglichener ist als bisherige? "Es gibt zwei Kategorien von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien gibt, und die andere hat darunter zu leiden», beginnt der populäre deutsche Philosoph Richard David Precht sein Buch mit dem Titel "Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen". Zunächst setzt er eine "Ethik des Nichtwissens" voraus. Wer von uns weiss schon, wie ein Tier tatsächlich denkt, Liebe, Schmerz, Trauer oder Freude empfindet?

"Alle unsere Aussagen basieren auf mangelndem Wissen", erklärt Thomas Gröbly, ausgebildeter Landwirt, reformierter Theologe und Dozent für Ethik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er mahnt: "Deshalb müssen wir erhöhte Vorsicht walten lassen, weil wir nicht richtig wissen, was dem Tier gefällt oder nicht." Precht betrachtet den Menschen "als ein besonderes Tier unter vielen auf andere Weise besonderen Tieren".

Für Markus Wild ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal, dass der Mensch sein Leben als Ganzes überblicken könne im Gegensatz zum Tier. "Wir haben deshalb eine grössere Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen, weil wir auch moralische Akteure sind", sagt Wild. Noch konkreter äussert sich Gröbly dazu: "Das bedeutet, ich muss auch selbst Anwalt jener sein, die keine eigene Stimme haben wie die Pflanzen, Tiere, Kinder oder Lebewesen in der Zukunft."

Die Nähe von Mensch und Tier

Eine wichtige Bedeutung kommt der Bezeichnung "nichtmenschliche Tiere" zu. Denn sie verdeutlicht, wie nahe sich Menschen und Tiere nicht nur bezüglich Erbgut, sondern auch der Empfindungsfähigkeit stehen. Eine Tier-Ethik auf dieser Basis würde konsequenterweise auch Auswirkungen auf unser alltägliches Handeln haben. Zumindest zu hinterfragen wäre beispielsweise der riesige Fleischverbrauch in den westlichen Ländern. Was nicht zwingend zum Schluss führen muss, sich fortan nur noch vegetarisch oder sogar vegan zu ernähren.

Wenn Fleisch statt etwas Alltägliches wieder zu etwas Besonderem würde, könnte dies allein bereits eine enorme Auswirkung für die Millionen von Nutztieren haben. In diesem Sinne mag das "Fondue chinoise" oder die Weihnachtsgans als Ausnahme akzeptabel sein – sofern das Fleisch denn wenigstens aus tiergerechter Produktion stammt.

Dieser Beitrag war dank des OnlineReports-Recherchierfonds möglich.

13. Dezember 2017

Weiterführende Links:


Eckpunkte der Tier-Ethik


• Eingeständnis des Nichtwissens: Wir können höchstens Vermutungen anstellen, wie Tiere denken, welche Gefühle sie haben etc.
• Anstelle der strikten Trennung zwischen Mensch und Tier, treten die Begriffe "menschliche" und "nichtmenschliche" Tiere. Nicht das Trennende, sondern die Gemeinsamkeiten werden betont.
• Tiere haben einen Eigenwert an sich und sind nicht (nur) für Menschen da.
• Tiere erhalten universelle Schutzrechte (zum Beispiel nicht getötet, gequält, eingesperrt zu werden)
• Der Mensch trägt eine Verantwortung für Tiere.


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"Bemerkenswerter Hinweis"

Vielen Dank für das Veröffentlichen dieses Artikels zu einem so wichtigen Thema. Vor allem der Hinweis zum Thema Haustier/Nutztier scheint mir bemerkenswert: Wir alle lieben und pflegen unsere Haustiere und essen gleichzeitig das Fleisch anderer Tierarten ... ohne es richtig zu realisieren.


Sebastian Dändliker, Binningen



"Komplexität auf den Punkt gebracht"

Herzlichen Dank für diesen gut recherchierten Artikel! Der Autor bringt die Problematik in all ihrer Komplexität auf den Punkt, ohne in Dogmatismus zu verfallen. Hoffen wir auf den angesprochenen Paradigmenwechsel! Vielleicht werden wir "menschlichen Tiere"  irgendwann begreifen, dass sich unser Umgang mit uns selbst unter anderem in unserem Umgang mit den Tieren spiegelt?


Charlotte Graf, Basel


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