© Foto by Privatarchiv Hortensia von Roten
"Landesweiter Proteststurm": Iris und Peter von Roten in Basel

Who is afraid of Iris von Roten?

Ein Ausstellung in der Universitätsbibliothek Basel über die ungewöhnliche Beziehung von Iris und Peter von Roten


Von Aurel Schmidt


Iris und Peter von Roten waren zwei völlig verschiedene Menschen. Zusammen bildeten sie ein extremes Paar, das sich grossartig ergänzte, wohl mit vielen Höhen und Tiefen, Aufschwüngen und Abstürzen. Er war Anwalt im Wallis, konservativer Katholik, Walliser Grossrat, Nationalrat, Antimilitarist, Redaktor des "Walliser Boten", der 4'500 Artikel schrieb, sie ebenfalls Anwältin, Journalistin, eine grosse Reisende sowie – und vor allem – eine bekannte und schlagfertige Frauenrechtlerin. Mit ihrem Buch "Frauen im Laufgitter", das 1958 erschien, löste sie einen landesweiten Proteststurm aus, der im Rückblick kaum noch verständlich erscheint. Das Buch verfehlte seine Wirkung im Augenblick und war offenbar 13 Jahre zu früh erschienen. Auf eidgenössischer Ebene wurde das Frauenstimmrecht 1971 eingeführt. Erst da hatte sich der Stimmungswandel vollzogen.

Nach 1962 verlegten beide ihre Tätigkeit aus dem Wallis, woher Peter von Roten kam, an den Heuberg in Basel. Gelegentlich machten sie den Eindruck eines Paars wie aus einem Theaterstück von Edward Albee. Sie liebten sich inniglich, aber waren auch nie ganz frei von Komplikationen. "Statt dass wir wie die Pärchen von 'Sie und Er' ins Möbelgeschäft gehen und Stühle kaufen, hadern wir auf Tod und Leben", schrieb sie ihm einmal. Aber es gab auch andere Töne.

Wilfried Meichtry las als Gymnasiast in Brig die Kolumnen von Peter von Roten im "Walliser Boten". Vor einem Jahr veröffentlichte er das Buch "Verliebte Feinde" über die Beziehung von Iris und Peter von Roten, die er persönlich nicht gekannt hat. Jetzt hat er eine Ausstellung über die beiden in der Universitätsbibliothek Basel konzipiert, die nunmehr "Leidenschaft und Widerspruch" heisst.

Leidenschaft stimmt, Widerspruch stimmt auch. Iris (1917-1990) und Peter (1916-1991) von Roten als Querdenker zu bezeichnen, trifft wohl ihre Persönlichkeiten gut. Als vehementer Katholik erwartete er von ihr, dass sie als Protestantin vor der Heirat zum Katholizismus übertreten sollte. Sie versuchte, diese Erwartung zu erfüllen, verzichtete dann aber darauf, weil sie einen solchen Schritt als Unterwerfung empfunden hätte. (Sie heirateten dann doch – und heimlich.) Er dagegen entwickelte sich im Verlauf seiner Beziehung zu ihr zu einem der ersten und einem überzeugten Feministen in der Schweiz, der sich in seiner politischen Tätigkeit mit Nachdruck für das Frauenstimmrecht einsetzte. Mit dem Ergebnis, dass er sich seine Wiederwahl als Nationalrat verscherzte.


"Das Paar zeigt den Kampf in der Schweiz
zwischen Konservativismus und Moderne."



Iris schlug Peter vor, in freier Liebe zu leben. Das gehörte zu ihrer Auffassung von weiblicher Selbstbestimmung und generell zum Verhältnis von Leidenschaft zu einander und von Widerspruch im täglichen Leben. Er machte von dem Vorschlag offenbar freizügiger Gebrauch als sie, in anderen Fragen deutet vieles darauf hin, dass er der nachgebendere Teil war.

Wenn man versucht, sich über die Ausstellung einen Zugang zu den verstrickten Beziehungen der beiden zu machen, kommt man bald darauf, dass Iris und Peter von Roten in ihren wilden, emotional hoch geladenen Jahren in fast idealtypischer Weise das widersprüchliche geistige und politische Klima in der Schweiz verkörperten: Das Stock-Konservative (Katholische und Politische) auf der einen und der (vielleicht verfrühte) Aufbruch in die Moderne auf der anderen Seite. Es war eine beispielhafte querelle des anciens et des modernes.

In der von Wilfried Meichtry, Ursula Gillmann und Pascale Meyer konzipierten Ausstellung sind persönliche Gegenstände des Paars zu stehen: Briefe, zu Bündeln sortiert (1'300 sind erhalten; der Briefwechsel geht auf die Tatsache zurück, dass die beiden oft getrennt lebten; er diente Meichtry als Grundlage für seine Aufschlüsselung von deren Beziehung); Bücher aus der Bibliothek; der Schreibtisch, an dem Iris von Roten ihr Frauenbuch schrieb (mit von Hand geschriebenen Manuskriptseiten); familiäre Erinnerungsstücke; Bilder von ihr (zu ihrer Zeit in Basel zog sie sich aus gesundheitlichen Gründen immer mehr zurück und malte). Ein schönes Bild von ihm, das sie gemalt hat, ist dabei. Sie konnten nicht voneinander lassen, auch dann, wenn sie zwischendurch ihre eigenen Wege gingen. In drei Film-Installationen sieht man die "verliebten Feinde" im Bild.

Ausstellung in der Universitätsbibliothek Basel bis 1. November.
Vernissage: Samstag, 30. August, 11.00 Uhr.
Das Buch von Wilfried Meichtry "Verliebte Feinde" (Ammann Verlag) kostet 58.50 Franken.

28. August 2008


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