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"Es fehlen Bleistift und Papier": Professoren Abdalla Uba Adamu und Peter Nagel

Jetzt ist Basel die Schweizer Hauptstadt Afrikas

Mit ihrem ersten Uni-Kompetenzzentrum schlagen Basels Forschende eine Bresche für ein besseres Afrikaverständnis


Von Ruedi Suter


Das Schicksal Afrikas beeinflusst zunehmend auch den Schweizer Alltag. Mit dem in jeder Hinsicht grenzüberschreitenden "Kompetenzzentrum Afrika" will die Basler Universität auch zusammen mit afrikanischen Partnern neue Chancen für eine gemeinsame Zukunft ausloten. Ein richtungweisendes Projekt.


Nun hat Afrika ein Kompetenzzentrum. In der Schweiz, in der Stadt Basel, deren Geschichte von zahlreichen und vielfältigen Verbindungen zum "Schwarzen Kontinent" mitgeprägt wurde. Mit dem neuen "Kompetenzzentrum Afrika" der Universität Basel, das vorgestern Montagabend im Wildt'schen Haus am Petersplatz 13 eine bescheidene Gründungsfeier erlebte, macht die Rheinstadt einen weiteren bedeutungsvollen Schritt auf Afrika zu: Auf diesen oft so missverstandenen Nachbarskontinent mit seinen zahlreichen Völkern und Kulturen, seinen verschiedenartigen Mentalitäten, seinen gewaltigen Landschaften und seinen vielen Freuden und Sorgen.

Es ist ein behutsamer Schritt. Keiner, der zum Ziel hat, Afrika wieder nur auf ein Ausbeutungsobjekt zu reduzieren, seine Menschen in neokolonialer Manier auszubeuten, ins Elend zu stossen und rücksichtslos seine für die Weltwirtschaft wichtigen Rohstoffe zu plündern. Etwas, das nach wie vor jeden Tag geschieht. Es ist der Schritt einer aufgeklärten Generation von rund 100 Forscherinnen und Forschern, wovon die meisten bereits in Afrika gelebt haben und nicht selten durch die unterschiedliche Denk- und Lebensart ihrer Gastgeber auf sich selbst zurückgeworfen wurden. 


Afrika und Europa rücken unausweichlich zusammen

Das gegenseitige Wissen voneinander sei immer noch beschränkt, stellt die Basler Universität fest. So wollen die Forschenden zuerst versuchen, die Afrikanerinnen und Afrikaner richtig zu verstehen, um nicht, wie früher oft, wieder Fehlinterpretationen aufzusitzen. Statt dessen möchten sie – gemeinsam mit den afrikanischen Partnern – Andersartigkeiten und Gemeinsamkeiten herausfinden und zu neuen Erkenntnissen gelangen, die schliesslich allen helfen sollen.

Denn Tatsache ist: Afrika und Europa rücken immer näher zusammen. Das zeigt der gesellschaftliche Wandel in Afrika, wo sich Verstädterung, Klimaverheerungen und Völkerwanderungen bis zu uns auswirken. Und das zeigen, zwei Beispiele nur, die afrikanischen Flüchtlingstragödien auf dem Mittelmeer und die bereits rund 60'000 in der Schweiz lebenden Menschen aus Afrika. Das gemeinsame Schicksal der beiden Kontinente in einer globalisierten Welt mit globalisierten Problemen ist ebenfalls ein Grund, weshalb die Universität Basel in ihrem Strategiekonzept von 2007 Afrika zu einem Schwerpunktbereich erklärte.

Bald ein afrikanischer Professor an Basels Uni?

Mit ihrem ersten Kompetenzzentrum (KPZ) von insgesamt acht geplanten Kompetenzzentren wolle sich die Uni als Lehr- und Forschungsstätte zu Afrika auch international einen Namen schaffen, sagte Peter Meier-Abt, Vizerektor Forschung. Ein guter Ansatz wäre die bevorstehende Besetzung einer neuen Professur in African Studies mit einem schwarzen Afrikaner. Dieser scheint nach Informationen von OnlineReports.ch auch bereits ins Auge gefasst zu sein, doch mochte dies an der Gründungsversammlung niemand bestätigen. Die zweite Afrika-Professur in der Schweiz wird jene in Afrikanischer Geschichte ergänzen, welche 2001 an der
Historisch-Philosophischen Fakultät eingerichtet wurde und vom Südafrikaner Patrick Harries ausgeübt wird.

Eine grosse Offenheit und die enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedensten Disziplinen, Fakultäten und Institutionen sollen das KPZ Afrika prägen. "Ein offenes Netzwerk von international vernetzten Afrikaforschenden, mit einer starken Verzahnung von Lehre und Forschung" solle es werden, versicherte Veit Arlt, der Geschäftsführer des Zentrums. Das erste interdisziplinäre Forschungsprojekt ist bestimmt: Die breite Erforschung der galoppierenden Verstädterung Afrikas unter dem Rahmenthema "Living the City". Ein dankbares und umfassendes Projekt, betont Arlt, weil in Basel alle fünf definierten "Forschungsachsen" gefordert seien: Umwelt, Gesundheit, Staat, Wissen und Medien. Überdies könnten so wichtige Wissenslücken im Zusammenhang mit der Urbanisierung geschlossen werden.

"Auf die Basis kommt es an"

Veit Arlt: "Aus den dadurch gewonnen Erkenntnissen können Ratschläge für ein nachhaltiges, wirtschaftliches oder humanitäres Engagement in Afrika abgeleitet werden. Diese wiederum erlauben der Schweiz, mit den Initiativen anderer europäischer Länder und vor allem der neue Massstäbe setzenden Konkurrenz aus China und Indien Schritt zu halten." Schliesslich werde das KPZ Afrika auch nicht davor zurückschrecken, sein fundiertes Wissen in Politik und Praxis einzubringen. Zuerst aber müsse das Zentrum weiterhin "von unten" wachsen und getragen werden: "Klappt es an der Basis nicht, gibt es kein starkes Kompetenzzentrum."

Afrikaforschung wird an der Uni Basel schon lange betrieben. Zu einem Lehrstuhl reichte es aber bis Ende letztes Jahrtausend nie, weil die Geschehnisse auf dem "Schwarze Kontinent" zu wenig wichtig schienen. Schwung brachte erst das ideelle und finanzielle Engagement des Afrika-Kenners und Gründers der Basler Afrika Bibliographien (BAB): Carl Schlettwein (1925 – 2005). Seine Stiftung ermöglichte mitunter den ersten Lehrstuhl für Afrikanistik und den Aufbau des von Veit Arlt koordinierten Zentrums für Afrikastudien (ZASB) an der Uni Basel.

Wunsch nach mehr Studierenden aus Afrika

Das ZASB hat so zahlreichen Afrikanerinnen und Afrikanern die Gelegenheit für Vorträge und zum Wissensaustausch in der Schweiz gegeben. In seinen Räumen wird vorerst das neue Kompetenzzentrum integriert. Dieses sei nötig geworden, begründet Arlt, um den steigenden Ansprüchen an Forschung, Netzwerke und Partnerschaften Herr zu werden. Zudem werde die Akkreditierung als KPZ das Ansehen der Afrikaforschung heben und die Beschaffung von Mitteln erleichtern.

Und was erhoffen sich die Afrikanerinnen und Afrikaner von der neuen Institution in Basel? Die Frage wurde an der Gründungsversammlung vom Montag umgehend an die aus Nigeria und Kamerun angereisten Professoren Abdalla Uba Adamu und Bole Butake weitergeleitet. Nachdem sich beide lachend den Vortritt gaben, antwortete Butake. Es sei sehr erfreulich, dass sich die Forschenden hierzulande auf diese Weise mit Afrika auseinandersetzten und erstmals auch afrikanische Universitäten miteinbeziehen. Es wäre auch wünschenswert, wenn mehr als derzeit vier afrikanische Studenten in Basel studieren könnten. Dies sei aber oft sehr schwierig, gab der Kameruner zu bedenken. Häufig fehle das Geld nur schon für ein Visum, geschweige denn für ein Flugticket.

"Das ist unser Hauptproblem"

Besonders glücklich mache ihn die Zusammenarbeit bei der Forschung, denn dafür seien in Afrika leider kaum je Mittel vorhanden. Die Regierenden steckten das Geld lieber in Armee und Rüstung: "Das ist unser Hauptproblem." Damit deutete der Gelehrte aus einem vergleichsweise gut funktionierenden Land den rund 90 Anwesenden eine weitere afrikanische Realität an: In vielen afrikanischen Ländern mit Kriegen oder Gewaltherrschern mangelt es Studierenden oft an Bleistift und Schreibpapier, weil das Geld im Korruptionssumpf versinkt oder an europäische, amerikanische oder asiatische Waffenhändler gezahlt wurde.

So bleibt jedenfalls noch viel zu tun – in Afrika und bei uns. Die Universität Basel, das Zentrum für Afrikastudien und das Kompetenzzentrum Afrika mit seinen Partner-Institutionen in Europa und Afrika haben sich das zurzeit Bestmögliche vorgenommen. Und die Chancen, als Schwarze und Weisse gemeinsam weiterzukommen, sind keineswegs schlecht: Im heutigen Afrika wird die Tatsache, dass die Schweiz nie Kolonialmacht war, durchaus wahrgenommen – und mit speziellem Wohlwollen und Vertrauen honoriert.

18. Februar 2009

Weiterführende Links:


Zwei Afrika-Zentren, eine Adresse

Zur Begriffsklärung: Das interdisziplinäre Zentrum für Afrikastudien Basel (ZASB) existiert seit 2001. Es vernetzt Forschende und Lehrende im Bereich Afrika und hat einen interdisziplinären MA-Studiengang African Studies etabliert. Mit dem Kompetenzzentrum Afrika, das von Veit Arlt geleitet wird, erweitert das von ihm koordinierte ZASB  nun diese Aktivitäten im Bereich der Forschung. Zudem bindet es weitere Forschungsbereiche und Forschungsgruppen ein.

 

Das Kompetenzzentrum versteht sich als ein offenes Netzwerk von Afrikaforschenden an der Universität und an zugewandten Institutionen mit nationalen und internationalen Partnern. Es wird von einem Gremium geleitet, das sich aus Vertretern der gemeinsam definierten "Forschungsachsen" zusammensetzt: Prof. Peter Nagel, Umweltwissenschaften (Environment and Development; Gregor Dobler, Ethnologie (Governance & Civil Society); Prof. Patrick Harries, Afrikanische Geschichte (Knowledge Production and Transfer); Prof. Till Förster, Ethnologie (Media and Imagination); Prof. Brigit Obrist, Ethnologie, Schweizerisches Tropeninstitut (Public Health & Social Life); Prof. Marcel Tanner, Epidemiologie, Schweizerisches Tropeninstitut.

Das Zentrum für Afrikastudien Basel ist weiterhin für den Bereich Lehre und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Das Kompetenzzentrum Afrika konzentriert sich vorab auf die Forschung. Ziel ist es aber, Lehre und Forschung eng zusammenzubringen und bei Bedarf mit anderen afrikaorientierten Einrichtungen zusammenzuarbeiten. Beispielsweise mit den Basler Afrika Bibliographien (BAB), Mission21, Afrika Komitee, Museum der Kulturen, kulturellen Einrichtungen, Kanton, Pharmaindustrie, Stiftungen, Naturhistorisches Museum, Schweizerisches Tropeninstitut und Zoologischer Garten.

Bis zum 19. Februar 2009 führt in Basel auf Anregung von Till Förster die "Winterschool Passages of Culture" etablierte und angehende Forscher am Ethnologischen Seminar der Universität Basel zusammen. Das von der Volkswagenstiftung geförderte Gesamtprojekt Passages of Culture. Media and Mediations of Culture in Africa hat eine Laufzeit von vier Jahren (2008-2011). Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt von Afrikaforschenden an der Universität Basel; der Universität Freiburg im Breisgau; der Bayero University Kano, Nigeria; der University of the Witwatersrand in Südafrika und der University of Yaoundé in Kamerun.


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