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"Es wird mir zuviel": Tatort Suizid in Basel

Nicht geliebt, nicht beachtet, nicht gebraucht

Report über den zu frühen Abschied: Weshalb Teenager Suizid begehen oder ihr Leben gefährden


Von Elsbeth Tobler


Suizid ist in der Schweiz die häufigste Todesursache bei 15- bis 24-Jährigen. Hoch wird zudem die Zahl der Selbstmordversuche eingeschätzt. Der selbstgewählte Tod von jungen Menschen versetzt Angehörige in tiefsten Schmerz und erschüttert die soziale Umwelt. Trotzdem bleibt er Tabuthema. Experten verlangen die Förderung von Schutzfaktoren und sozialen Ressourcen, aber auch eine Kultur des Hinschauens.


Der Weg von ihrem Zuhause zu dem Ort, wo die 16-jährige Carla* sterben will, ist kurz. Nur wenige Minuten, vorbei am Spielplatz, durch die dichte Hecke. Es ist still an diesem März-Abend. "Ich schicke euch tausend Bussis", schreibt sie ihren Eltern, die nicht ahnen, dass sich ihre Tochter mit dieser SMS von ihnen verabschiedet. Für immer.

Schon seit Monaten ist Carla tief verzweifelt und hegt Selbsttötungsgedanken. Immer mehr zieht sie sich aus dem realen Leben zurück und besucht einschlägige Chats und Foren, um sich mit Leidensgenossen auszutauschen. "Ich weiss nicht, warum ich auf der Welt bin", postet sie. "Es wird mir zu viel."



Arzt und Polizei finden Carla zu spät

Als Carla nicht nach Hause zurückkehrt, wird nach ihr gesucht. Aber Arzt und Polizei finden sie zu spät. Carla ist seit Stunden tot. Durch Suizid, wie die Obduktion ergibt.

Rechtlich ist der Fall nach einer Woche abgeschlossen. Für die Eltern jedoch steht alles still. Erdrückt von Schmerz, quälenden Schuldgefühlen und offenen Fragen bleiben sie zurück. "Der Tod unserer Tochter wirft für immer einen dunklen Schatten auf unser Leben", sagt die Mutter. Carlas Suizid versetzte auch Mitschüler und Lehrer in einen Schockzustand, so dass sie psychologisch betreut werden mussten. In der Schule ist zudem die Angst vor Identifikation und Nachahmung gross.

In der Kleinstadt, wo die Gymnasiastin wohnte, spricht man nicht gern über Selbsttötung. Kommt das Thema bei Bekannten auf, macht sich Beklemmung breit. Dabei würde den trauernden Eltern ein Zuhören schon reichen. An eine suizidale Handlung ihrer Tochter wollen sie lange nicht glauben. Nichts wies darauf hin, dass Carla "unglücklich und hoffnungslos" war. Ihr "Absondern" und ihre "Beziehungszweifel" erklärten sich die Eltern als alterstypischen Liebeskummer. Selbst ihre Freundin erkannte nicht, in welcher Verfassung sich Carla befand. Ermittlungen im Internet blieben ergebnislos. Einen Abschiedsbrief hat sie nicht hinterlassen.

Männlicher Anteil überwiegt

Wie Carla geben in der Schweiz jährlich über hundert junge Menschen Ärzten und Angehörigen keine Chance. Darunter vereinzelt auch Kinder unter zwölf Jahren. Selbsttötung ist bei 15- bis 24-Jährigen die häufigste Todesursache, dabei überwiegt der männliche Anteil. Die Statistik erfasst nicht alle Fälle. Weitere Suizidgeschehen vermutet man unter den Drogentoten sowie unter Unfallopfern, die ihren Tod durch risikoreiches Verhalten herbeigeführt haben. Hinzu kommt eine hohe Suizidversuchsrate, vor allem bei weiblichen Jugendlichen. Eine traurige Bilanz.

Eine Suizid-Handlung ist in der Regel mehrdimensional. "Die Forschung geht von verschiedenen Ursachen, Motivketten und Auslösern aus, die kumulieren und in einigen Fällen nur schwer transparent zu machen sind", erklärt Psychotherapeut Hansruedi Brünggel. Manchmal sind die Beweggründe widersprüchlich und nicht entschlüsselbar. Das bereitet dem Fachmann besonders Sorgen. Brünggel leitet die Erziehungsberatung Ittigen bei Bern. Seit 35 Jahren betreut er Kinder und Jugendliche der umliegenden Gemeinden, die die Lebenslust verloren haben.

Eine Schule, die hinhört

"Atmen, essen, lernen ist ein täglicher Kampf. Ich kann nicht mehr!" An diesem Nachmittag ist der Siebtklässler Lars* in seelischer Not. Er schreibt SMS an Mitschüler. Diese kontaktieren die Klassenlehrerin. Besorgt meldet sie sich bei Brünggel, der Lars schon früher therapierte. Der Therapeut ruft sofort die Mutter an. Sie bagatellisiert. Er bleibt hartnäckig. "Um aus einem suizidalen Tief herauszufinden, brauchen junge Menschen unmittelbar professionelle Hilfe unter Einbezug der primären Bezugspersonen", erläutert der Experte.

"Grundlegend für Angehörige und Lehrer ist das Wissen um die Notwendigkeit einer Krisenintervention und welche Ansprechpartner verfügbar sind." Oft sei eine ambulante, manchmal eine stationäre Betreuung unumgänglich.

Dies wird bei Lars, nachdem er heil nach Hause zurückgekehrt ist, von seinem Kinderarzt abgeklärt. Lars’ Mutter ist häufig unterwegs und für ihn nicht erreichbar. Sein Vater zog schon früh weg. Adresse unbekannt. Die Lehrer klagen über unentschuldigte Absenzen und Renitenz im Unterricht. Am Vorabend wurde Lars aus seiner "Clique" ausgeschlossen.

Schutzfaktor Resistenz

"Ein tragischer Entwicklungsprozess kann wie bei Lars zu Suizidabsichten oder -handlungen führen", sagt Brünggel. Dabei sind die psychodynamischen Aspekte vielfältig. Signifikant sind Familienkonflikte und Verlustängste. Eltern trennen sich, ein geliebter Verwandter ist schwer krank oder gestorben. Viele Suizidgefährdete leiden an einer psychischen Krankheit. Aber auch sexueller Missbrauch, Gewalt, Mobbing, familiärer Leistungsdruck, Alkohol- und Drogenkonsum sowie fehlende Integration und Delinquenz können die Suizidneigung begünstigen. Als Hochrisiko gelten frühere Selbsttötungsversuche und Suizid in der Familienanamnese.

Während ein Grossteil der Teenager Schicksalsschläge und Krisen bewältigt, zerbrechen andere daran. Brünggel setzt deshalb auf "protektive Faktoren, die das Selbstvertrauen stärken sowie die Sozial- und Konfliktkompetenz steigern". Von grosser Bedeutung sind dabei emotionale Zuwendung und eine verlässliche, anerkennende Erziehung. Weitere Bausteine bietet die Schule mit einer konstruktiven Schüler-Lehrer-Beziehung und einem positiven Lernerlebnis.

Firmen bieten vertrauliche Ansprechpartner

"Suizidhandlungen sind oft als Appell, als letzter Hilferuf nach einer besseren Lebenssituation zu begreifen", stellt Brünggel fest. Mit einem sozialen Netz lassen sich widrige Verhältnisse besser überwinden. Häufig hört er in seiner Praxis den Schlüsselsatz: "Sie hat an mich geglaubt – und das hat mich gerettet!" Neben den Eltern können Geschwister, Verwandte, Lehrer, Seelsorger, Jugendhelfer, Ärzte oder Therapeuten diese wertschätzende Ressource sein. Firmen wie ABB, Migros und die Swatch Group schufen unabhängige, vertrauliche Ansprechpartner, um Lernende zu stützen.

Gegen 400 suizidale Teenager wenden sich jährlich anonym an die "Beratung und Hilfe 147". Schwerpunktaufgaben der Einrichtung von Pro Juventute sind beruhigen, Perspektiven aufzeigen und Hilfsangebote vermitteln. Doch mehrmals im Jahr ist auch der Einsatz eines Rettungsdienstes nötig. Dies erfordert die Bereitschaft des Anrufers, seinen Aufenthaltsort zu nennen.

Selbstverletzungen erfordern professionelle Hilfe

Nicht immer ist das Gefahrenpotential einfach zu erkennen. Erhöhte Aufmerksamkeit ist geboten, wenn sich Jugendliche länger aus sozialen Beziehungen zurückziehen, wenn sie weglaufen und die Schule schwänzen, Gewohnheiten ändern oder in ihren schulischen Leistungen plötzlich abfallen. Brünggel erklärt, wie wichtig es ist, "Warnsignale ernst zu nehmen, sie mit dem Kind einfühlsam, aber konkret – auch mit Blick auf suizidale Gedanken – zu besprechen". Kommen parasuizidale Gesten wie Selbstverletzungen hinzu, ist auf jeden Fall professionelle Hilfe nötig.

Peter war sieben Jahre alt, als er sterben wollte. "Anstoss war ein Streit mit dem Vater bei schon länger schwelenden innerfamiliären Konflikten", sagt Jürg Unger, Leiter des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes Aargau. Der Knabe überlebte schwer verletzt.

Doch verfügt ein Erstklässler über ein Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit? Laut Unger entwickeln Kinder "je nach Sozialisation und kognitivem Reifungsprozess schon früh ein Todesverständnis". Vor allem, wenn sie reale Erfahrungen mit dem Verlust eines nahen Menschen gemacht haben. "Dennoch", ergänzt Hansruedi Brünggel, "stelle ich nach Suizidversuchen fest, dass Jugendliche den Tod in seinen Konsequenzen wie auch das Leid, das sie Angehörigen zufügen, nicht ausreichend antizipieren konnten."

Ein qualvoller Prozess

Vom ersten Suizidgedanken bis zum Entschluss sei es ein qualvoller Prozess, geprägt von Isolation, Auswegs- und Hoffnungslosigkeit. Der Wiener Suizidforscher Erwin Ringel spricht vom präsuizidalen Syndrom, von Einengung, Aggressionen und Todesphantasien. "Letztlich stellt die Selbsttötung das Ende einer psychischen Entwicklung dar, die sich über einen langen Zeitraum aufbaut oder dann – speziell bei Kindern und Jugendlichen – impulsiv-aggressiv umgesetzt wird", analysiert Unger. Auch ein psychisch gesunder Teenager könne in einer akuten Belastungssituation so erschüttert werden, dass er sich im Affekt das Leben nehmen wolle. Besonders gefährdet seien Jugendliche in der Pubertät.

"Alles ist rabenschwarz: Ich werde nicht geliebt, nicht beachtet, nicht gebraucht", schrieb Xenia* in ihrem Abschiedsbrief. Mit 16 wollte sie ihr Leben beenden. Trotz akribischer Vorbereitung überlebte sie, weil ihre Vertrauensfreundin rechtzeitig kompetente Hilfe holte. Inzwischen ist Xenia 19 und "glücklich". Therapie und Selbsthilfegruppe haben sie stabilisiert. Neue Zuversicht fasste sie durch einen Lehrstellenwechsel und sportlichen Erfolg. "Krisen sind endlich und überwindbar", sagt sie heute selbstbewusst.

"Ein Glück, wenn die Erziehung gelingt"

"Es ist ein Glück, wenn die Erziehung gelingt", betont Brünggel. Der Lebensabschnitt "Jugend" beginnt heute früh und stellt hohe Anforderungen an Persönlichkeit und Selbstorganisation. Teenager müssen Schule, Ausbildung und Beziehungen meistern. Während der Einfluss der Eltern schwindet, gewinnt die Sozialisation durch Gleichaltrige an Bedeutung. Hinzu kommen neue Unsicherheiten: die Identitätsfindung, Zukunftsängste, Fragen nach dem Lebenssinn, Liebesenttäuschung.

Nicht selten treten in der Frühadoleszenz heftige Gefühlsschwankungen auf. Heranwachsende wollen autonom sein, zugleich müssen sie Grenzen spüren. "Lernen zu verhandeln", rät Brünggel den Eltern. Partnerschaftliche Dialoge können die Kommunikations- und Vertrauenskrise knacken. "Elf Prozent der Teenager hegen in dieser Phase dennoch ernsthafte Todesgedanken", belegt die so genannte ZAPPS-Erhebung (Zürcher Adoleszenten-Psychologie- und -Psychopathologie-Studie, 1994–2005). "Bleiben diese bis ins junge Erwachsenenalter stabil, erhöht sich das Risiko für psychische Störungen."

Andererseits korrelieren seelische Erkrankungen und Suizidgeschehen schon im frühen Jugendalter. "Rund 30 Prozent aller Aufnahmen in der Aargauer Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgen aufgrund von Suizidhandlungen und Depression", sagt Jürg Unger. "Die Symptome werden oft spät erkannt oder aus Angst vor Stigmatisierung lange ignoriert." Die Seelennot wird mit Psychotherapie behandelt, allenfalls kombiniert mit einer Medikation.

Aus Gian wurde "Death7"

Schwer wiegen nach einem Suizidversuch häufig auch die physischen Folgen. Einbezogen in die tertiäre Betreuung sind immer die Bezugspersonen, die "ebenfalls Stärkung benötigen". Da die Rückfallquote hoch ist, müssen Therapie und Rückfallprophylaxe schnell einsetzen. "Manchmal ist aber auch ein Arzt machtlos", erklärt Unger. Leider könne nicht allen Teenagern geholfen werden.

Verschärft wird das Problem teilweise durch das Internet. Gian* war 15 Jahre alt, als er auf ein Suizidforum stiess. Todesintentionen hatte er damals nicht, aber er litt unter Versagensängsten. Sein "Kummer-Portal" nahm ihm zeitweilig den Druck, doch die Probleme blieben. Unbemerkt von seinen Eltern liess er sich auf weitere Internetangebote ein – aus Gian wurde "Death7". Reale Kontakte und Anlaufstellen vermied er, um sich nicht "outen" zu müssen.

Deshalb kämpft die Weltgesundheitsorganisation gegen die Tabuisierung und für mehr öffentliches Bewusstsein. "Um Suizidhandlungen zu reduzieren, müsste die Koordination und interdisziplinäre Vernetzung der verschiedenen Akteure verbessert werden, analog der Unfallprävention", betont Vladeta Ajdacic-Gross, wissenschaftlicher Oberassistent an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Ziel sei es, Eltern, Schüler, Lehrer, Ausbilder, Ärzte und Jugendhelfer zu befähigen, Warnsignale zu erkennen und mit akuten Krisen adäquat umzugehen. Ausserdem erinnert Ajdacic-Gross an die Verantwortung der Medien, um Nachahmungseffekte zu verhindern. Überdies sollte der Zugang zu Suizidmitteln weiter erschwert werden.

Für Eltern gibt es nicht Schmerzlicheres

Gefragt sind niederschwellige Hilfsangebote (www.147.ch, www.feelok.ch, www.tschau.ch) sowie Kompetenzzentren, die in einer Notfallsituation schnell reagieren, wie etwa das Genfer Centre d'Etude et Prévention du Suicide (Ceps), das von der Stiftung Children Action finanziert wird. Eine von Psychologen und Ärzten besetzte 24-Stunden-Hotline wurde von der Klinik zur Behandlung, Vorbeugung und Erforschung von Jugendsuizid eingerichtet.

Hinter allen Bemühungen steckt die Hoffnung, gefährdete Jugendliche und Adoleszente zu schützen, ihnen Anerkennung, Orientierung und Perspektiven zu vermitteln sowie Familie, Schule und Sozialraum dafür zu sensibilisieren. Doch nicht immer gelingt dies. Dann sollte man sich nicht scheuen, frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

"Für Eltern gibt es nichts Schmerzlicheres als ein vollendeter Suizid ihres Kindes", betont Jürg Unger. Viele der jungen hilflosen Menschen wollen ihre Verzweiflung bewältigen, schaffen es aber nicht allein. "Ich möchte weiterleben", schrieb Gian auf seiner Website, doch wie, wisse er noch nicht genau. Glücklicherweise konnte ihm noch rechtzeitig geholfen werden.

* Namen geändert


Literaturtipps
• Heidrun Bründel: Jugendsuizidalität und Salutogenese. Hilfe und Unterstützung für suizidgefährdete Jugendliche. Kohlhammer Verlag, 2004. ISBN 978-3-17-018378-0. Fr. 44.90.
• Elmar Etzersdorfer/Georg Fiedler (u.a.): Neue Medien und Suizidalität, Vandenhoeck & Ruprecht, 2003, ISBN 3-525-46175-5, Fr. 29.90

28. Juni 2011

Weiterführende Links:


Suizidforen im Internet: Interviews

Internetbasierte Kommunikation ist aus dem Leben junger Menschen nicht mehr wegzudenken. Deshalb stellt die Förderung seriöser, wissenschaftlich fundierter und moderierter Internetportale zur Krisenbewältigung eine wichtige Aufgabe dar, ebenso wie eine gesetzliche Regulierung für den Cyberspace. Dazu Experten:


Barbara Weil, Geschäftsleitung Ipsilon, Initiative zur Prävention von Suizid in der Schweiz:


OnlineReports: Kann ein Suizidforum ein niederschwelliges Hilfsangebot sein?

Barbara Weil: Durchaus, aber nur, wenn das Portal auf Hilfsangebote aufmerksam macht und eine fachlich moderierte Diskussion in Richtung Lösung der Krisensituation lenkt. Es ersetzt jedoch keine professionelle therapeutische Betreuung, kann aber im konstruktiven Fall eine Brücke dazu bilden.

OnlineReports: Wirkt die Interaktion stabilisierend?

Weil: Es kann kurzfristig emotional entlasten, mit Gleichaltrigen über Jugend- oder Schulsorgen zu sprechen. Will sich aber ein Jugendlicher in einer Krisensituation helfen lassen, birgt die Anonymität des Internets grosse Gefahren. Die Ernsthaftigkeit der Rezipienten ist nicht gewährleistet. Ausserdem kann eine Gruppendynamik entstehen, speziell in privaten Chaträumen (Instant Messaging). Jugendgefährdend sind auch Suizidforen, wo sich Teenager über Methoden der Selbsttötung austauschen oder Vereinbarungen zu einem gemeinsamen Suizid treffen.

OnlineReports: Worauf müssen Jugendliche achten?

Weil: Geeignete Internetangebote zeichnen sich durch Registrierung, Fachmoderation und Verhaltensregeln aus. Sie verweisen auf Hilfsangebote, bei akuter Suizidgefahr wird unmittelbar interveniert und eine Nothilfe alarmiert (www.147.ch, www.feelok.ch, www.tschau.ch, www.143.ch). Tipps: Respektvoll surfen und chatten, Medienkompetenz steigern. Jüngere Nutzer gehören nicht unbeaufsichtigt ins Internet (www.security4kids.ch, www.skppsc.ch).

Christian Schwarzenegger, Rechtswissenschafter und Spezialist für Internetkriminalität:


OnlineReports: Wann macht sich ein Chatter oder Forennutzer strafbar?

Christian Schwarzenegger: Wer einen erkennbar Urteilsunfähigen zum Suizid verleitet (Anleitung oder Beihilfe zum Selbstmord, Art. 115 StGB), macht sich der vorsätzlichen oder der fahrlässigen Tötung strafbar (Art. 111, 117 StGB). Bei suizidalen Minderjährigen ist in der Regel von Urteilsunfähigkeit auszugehen, weil sie sich in einem depressiven Schub befinden. In diesem Kontext ist der Straftatbestand wegen unterlassener Nothilfe (Art. 128 Abs. 1 StGB) auch gegeben, falls jemand passiv bleibt, wenn sich ein Mensch vor laufender Webkamera das Leben nimmt, oder in einem Chat mitliest, dass ein anderer kurz davor ist, sich zu töten.

Bei suizidalen Minderjährigen greift zudem die gesetzliche Fürsorgepflicht (Art. 219 StGB): Fürsorge- und Erziehungsberechtigte müssen verhindern, dass gefährdete Töchter und Söhne solche Plattformen frequentieren.

Danièle Bersier, Pressesprecherin des Bundesamtes für Polizei:


OnlineReports: Wann schreitet die Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (Kobik) ein?

Danièle Bersier: Eine aktive Überwachung der Suizidforen darf nach geltendem Recht nicht erfolgen. Wenn Kobik jedoch auf Suizidankündigungen oder -diskussionen hingewiesen wird und einen Verstoss gegen Art. 115 StGB (Anleitung oder Beihilfe zum Selbstmord) feststellt, wird sie aktiv und nimmt mit den zuständigen Stellen Kontakt auf. Kobik profitiert von den guten Beziehungen zu den Providern, um in kürzester Frist an die notwendigen Informationen (u.a. IP-Userdaten) zu gelangen, um einen Suizid zu verhindern. Besorgte Nutzer können sich auf www.cybercrime.ch melden.

Auswege aus der Suizidgefahr

Beratungsangebote (Auswahl)
www.147.ch
www.143.ch
www.feelok.ch
www.tschau.ch
www.elternnotruf.ch
www.nebelmeer.ch
www.preventionsuicide.ch
www.seelsorge.net (SMS 767)

Bei akuter Suizidgefahr: Notfallbetreuung der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste oder die nächste Klinik
www.cybercrime.ch: Hier können sich besorgte Internetnutzer melden
www.security4kids.ch, www.skppsc.ch: Tipps zur Internetsicherheit

Information
www.fssz.ch: Forum für Suizidprävention und Suizidforschung Zürich (FSSZ)
www.ipsilon.ch: Initiative zur Prävention von Suizid in der Schweiz (Anlaufstellen nach Kanton)

Studie
ZAPPS-Erhebung (Zürcher Adoleszenten-Psychologie- und -Psychopathologie-Studie, 1994–2005, Universität Zürich, Leitung Hans-Christoph Steinhausen): www.kjpd.uzh.ch


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