Gast-Kommentare

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Migration: Wir wissen, wie man's macht

Von BEAT STAUFFER

Als am Dienstag dieser Woche im Rahmen des Basler Erasmus-Jubiläums eine Podiumsdiskussion mit Ahmed Aboutaleb, dem Bürgermeister von Rotterdam, stattfand, waren meine Erwartungen – und sicher auch vieler Teilnehmer – hoch gesteckt. Aboutaleb ist nicht nur der erste muslimische Bürgermeister einer europäischen Grossstadt, er ist auch ein Migrationsexperte, der in den vergangenen Jahren wiederholt seine Positionen sehr prägnant vertreten hat.

Diese Positionen sind und waren nicht nach jedermanns Geschmack. Wer sich der sozialen Integration und dem Rechtsstaat gänzlich verweigere, so sagte Aboutaleb, der solle das nächste Flugzeug nehmen und schleunigst das Land verlassen. Kein Wunder, machte sich Aboutaleb bei einem Teil seiner marokkanischen oder marokkanisch-niederländischen Landsleute höchst unbeliebt. Schon bald erhielt er Morddrohungen und danach Polizeischutz.

Hat der Rotterdamer Bürgermeister in den vergangenen Jahren seine Ansichten revidiert? Plädiert er mittlerweile für einen weniger unnachgiebigen Kurs? Und, mindestens so interessant: Wie reagieren Basler Migrations- und Integrationsspezialisten auf Aboutalebs Thesen? Was wollen sie von ihm wissen?



"Kein einziger Podiumsgast ging
wirklich auf Aboutalebs Thesen ein."



E
ine spannende Debatte war somit angesagt. Nach einem Reigen von kleineren und grösseren Ansprachen und ein paar Kurzreferaten mit Bezug zu Erasmus kam dann schliesslich Aboutaleb zu Wort. In freier Rede skizzierte er seinen Lebensweg, der ihn aus einem armseligen Kaff im Norden Marokkos zum höchsten Amt der niederländischen Hafenmetropole führte. Dabei betonte er unter anderem, dass die entscheidenden Schritte zur Integration von den Migranten selber kommen müssten und dass sich viele Einwanderer zu stark als Opfer betrachteten.

Wer nun aber im darauffolgenden Podium eine spannende Debatte erwartete, wurde bitter enttäuscht. Kein einziger, keine einzige der vier Podiumsgäste ging wirklich auf Aboutalebs Thesen ein. Es entstand der Eindruck, als würde man es vorziehen, seine pointierten Aussagen mit Stillschweigen zu übergehen.

Rebekka Ehret, die das Basler Integrationsleitbild entworfen hatte, legte ausführlich dar, dass die Perspektive einer Forscherin der Sozialwissenschaften eben deutlich anders sei als diejenige eines "Politikers", worauf Aboutaleb spitz bemerkte, er habe auch ein Universitätsdiplom als Ingenieur. Ehret ging aber mit keinem Wort auf den deutlich anderen Ansatz in Integrationsfragen ein, den der Rotterdamer Bürgermeister vertrat.

Nicht anders die Basler SP-Grossrätin Edibe Gölgeli: Sie legte dar, wie zuvor schon Walter Leimgruber, der Präsident der Eidgenössischen Migrationskommission, dass es dringend nötig sei, das Stimm- und Wahlrecht auch auf Personen ohne Schweizer Pass auszuweiten. Und sie plädierte für stärkere Bemühungen des Staates in Sachen Integration.

Aber Weder Ehret noch Gölgeli stellten kritische Fragen an den europaweit bekannten Migrationsexperten. Sie und die anderen Teilnehmende zogen es vor, ihre Positionen darzulegen und gar nicht erst auf die pointierten Thesen des Gastredners einzugehen. Das ist nicht nur unhöflich gegenüber einem Gast vom Format eines Aboutaleb, sondern verrät letztlich, dass man an derartigen Debatten nicht wirklich interessiert ist.

So musste Aboutaleb, da ihn niemand fragte, gegen Schluss selber einwerfen, er möchte klarstellen, dass die jüngsten Anschläge in Paris und Orlando leider sehr wohl mit dem Islam zu tun hätten – nicht mit seiner Lesart des Islams, sondern mit derjenigen von dschihadistischen Salafisten, die sich im Besitz der Wahrheit fühlten. Auch diese pointierte Aussage verpuffte, da sich niemand für zuständig fühlte, Aboutaleb zu widersprechen.

Dieses Podiumsgespräch war eine verpasste Chance. Wir hätten gerne von Aboutaleb erfahren, ob eine harte, unmissverständliche Haltung gegenüber renitenten Migranten diese nicht noch zusätzlich radikalisieren kann. Wir hätten mehr über die konkreten Sanktionen erfahren, welche die Stadt Rotterdam gegenüber integrationsunwilligen Immigranten ergreift. Und es hätte auch interessiert, wie sich die Zusammenarbeit mit Imamen in Rotterdam gestaltet; vor allem mit denjenigen, die ultrakonservative Haltungen vertreten.

Statt dessen weiss jetzt Herr Aboutaleb, dass Basel über eines der besten Integrationsleitbilder der Schweiz verfügt und eigentlich keine Probleme in diesem Bereich kennt.

15. Juni 2016
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Beat Stauffer, Jahrgang 1953, ist freischaffender Journalist unter anderem für die NZZ und Radio SRF, Kursleiter und Maghreb-Spezialist. Er lebt und arbeitet in Basel und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Migrations- und Integrationsfragen.
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"Wie heisst es doch schön ..."

Den Artikel von Beat Stauffer finde ich sehr gut, er hat die Situation beim Podiumsgespräch gut  geschildert. Edi Borer hat den Unterschied zwischen den Theoretikerinnen und dem Praktiker gut erfasst. Wie heisst es doch schön: Der Theoretiker weiss alles, und nichts klappt, beim Praktiker klappt alles, und er weiss nicht warum.


Hanspeter Berger, Basel



"Das sind 'Leuchttürme'"

Vielen Dank an Beat Stauffer. Seine Berichterstattung ist inhaltsvoll. Er stellt als Autor am Schluss auch einige der richtigen Fragen. Da sind sicher noch mehr Aspekte zu berücksichtigen, die Sachlage ist halt komplex. Er weitet den Kreis der Aufmerksamkeit aus, diese Veranstaltung hätte auch ich ganz gerne beigewohnt (aber verpasst).
 
Ahmed Aboutaleb (Rotterdam) gilt als Mediator zwischen den Kulturen, wie es zum Beispiel auch Cem Özdemir (Deutschland) und Sadiq Khan (London) sind. Sie sind "Leuchttürme", mutig, neudenkend, Brücken bauend. Sie stehen nicht allein (denken wir auch mal an die Schweizer Nati, mit sportlicher, jedoch auch gesellschaftlicher Relevanz!). Immer mehr Multiplikatoren werden folgen.
 
Es ist spannend, diese positive Entwicklung zu sehen. Gerade sie erwirkt, dass letztendlich alle Seiten sich aufeinander zubewegen. Dies wird eine der grössten Herausforderungen und gleichzeitig der grössten Chancen der nächsten 20 bis 25 Jahre sein.


Peter Toebak, Liestal



"So was von linkspolitisch unkorrekt"

Ja, wo kommen wir denn da hin, wenn jeder (aus Rotterdam, igitt) dahergelaufene Migrations- und Integrationspraktiker akademisch abgehobenen Theoretikerinnen einen sicherlich überdenkenswerten Lösungsansatz aufzeigt, der heute doch so was von linkspolitisch unkorrekt ist.

Herrjesses! Oder scheut man bei den "spezialisierten" Integrations-Bürokratinnen die Haltung eines Achmed Aboutaleb vor allem auch deshalb, weil er ihnen im Grunde genommen aufzeigt, dass die seit Jahren in Basel und in der Schweiz (und auch in Deutschland) mit immensem Aufwand – auch an Geldmitteln – praktizierten bürokratischen Integrations-Projektchen bisher herzlich wenig gebracht haben?

Ich werde schliesslich den Eindruck nicht los, dass die Ignoranz der «Spezialistinnen» an der Podiumsdiskussion wohl auch mit der Angst vor dem Verlust von letztlich bequemen «Integrations-Jobs und -Pfründen» zu tun hatte.


Edi Borer, Neuhausen (D)



"Schade, habe ich den Anlass verpasst"

Danke für diesen sehr guten Bericht. Ich bedaure, dass ich diesen Anlass verpasst habe. Noch mehr zu bedauern ist, dass die erwähnten ach so gebildeten Podiumsteilnehmer nicht auf den Gastredner eingehen. Das hätte eine spannende Diskussion werden können. Dass viele Emigranten sich als Opfer fühlen, ist für mich nachvollziehbar, denn oft verlassen sie ihr Heimatland ja aus einer Notsituation. Mich würde interessieren, wie Herr Aboutaleb es schaffte, ein erfolgreiches Leben in einem fremden Land aufzubauen, und wie man Emigranten darin unterstützen kann, die Opferhaltung aufzugeben und zu eigenverantwortlichem Handeln zu finden.


Rolf Dürig, Basel


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"Weinstein setzte Spione auf Opfer ab"

BZ Basel
vom 8. November 2017
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... nachdem er sie zu Miniaturen erniedrigt hatte.

RückSpiegel


In ihrem Interview mit der neuen BVB-Präsidentin Yvonne Hunkeler nahm die Basler Zeitung auf OnlineReports Bezug.

Die Basler Zeitung nahm den OnlineReports-Feature über den Einbruch im Restaurant "Dalbestübli" auf.

Die Volksstimme zitierte in ihrer Presseschau über die Säuli-Metzgete in Sissach aus der OnlineReports-Reportage.

Im Bericht über Rechtsprobleme des Bordells an der Basler Amerbachstrasse zitiert Barfi aus OnlineReports.

Ausführlich geht die Basler Zeitung auf einen kritischen OnlineReports-Gastkommentar über den Eigenmietwert-Steuerfall um Rösly M. ein.

In seinem Beitrag über "Die Basler Sinnkrise" zitiert der Tages-Anzeiger aus dem OnlineReports-Leitartikel "Willkommen im Baselbiet: Nichts geht mehr", in dem es um einen "Kanton in der Sinn-Krise" geht.

barfi, die BZ Basel, die Tageswoche, die Badische Zeitung und das Baublatt haben die OnlineReports-Story über den Abbruch des "Rostbalkens" und die geplanten Hochhäuser beim Basler Bahnhof SBB aufgenommen.
 
Infosperber.ch geht in einem Kommentar über das "Dauer-Bashing" der Behörden durch die Medien auf die Konter-Position von OnlineReports ein.

Die Basler Zeitung nahm in ihrer Berichterstattung über den "Fall Wessels" auf einen OnlineReports-Kommentar Bezug.

Die Basler Zeitung, die BZ Basel, die SDA und die Badische Zeitung gingen auf den OnlineReports-Primeur über die Berufung des türkischen Basler Polizei-Assistenten gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft ein.

20 Minuten online nahm die OnlineReports-News über die Basler verkehrs-Betriebe (BVB) an der Grenze ihrer Belastung auf.

Die BZ Basel und das Regionaljournal gingen aktuell auf die OnlineReports-Recherche über einen Manipulations-Versuch der BVB-Direktion im Vorfeld der Wahlen in die Personalkommission ein.

Barfi zog die OnlineReports-Story über die umstrittene Umnutzung des "FKK-Clubs" in ein Bordell an der Amerbachstrasse in Basel nach.

Der Landbote nahm die OnlineReports-Story über den Stromeinkauf der Gemeinde Muttenz beim Stadtwerk Winterthur auf.

Die OnlineReports-News über den Personalabbau auf der Basler Hauptpost wurde durch Telebasel aufgenommen.

Telebasel online ging in seinem Bericht über die SP-Prämieninitiative auf einen Kommentar von OnlineReports ein. 

Die Weltwoche zitierte in ihrem Bericht über den Basler Scharia-Befürworter Aziz Osmanoglu aus einem Gerichts-Bericht von OnlineReports.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Das Basler Energieunternehmen IWB plant, im Februar 2018 elf neue Ladesäulen für Elektrofahrzeuge in Quartierstrassen auf Allmend zu installieren.

• Entgegen der Parole der kantonalen CVP sagte der CVP-Wahlreis Liestal Nein zum "8. Generellen Leistungsauftrag für den öffentlichen Verkehr" und damit Ja zum "Läufelfingerli".

Raymond Cron wird als Nachfolger von Andreas Büttiker ab 1. Januar 2018 neues Verwaltungsratsmitglied des EuroAirport Basel-Mulhouse-Freiburg.

• Der Basler Grosse Rat hat die Standesinitiative der SP gegen der Schliessung von Quartier-Poststellen überwiesen.

• Die bürgerlichen Jungparteien von Basel-Stadt ziehen ihre Zweirad-Initiative zurück, da sie mit dem vom Grossen Rat beschlossenen Gegenvorschlag ihre Hauptforderungen als erfüllt betrachten.

• Die Baselbieter Wahlen des Landrats und des Regierungsrats für die Amtsperiode vom 1. Juli 2019 bis 30. Juni 2023 finden am 31. März 2019 statt.

• Weil mit dem als Gegenvorschlag verabschiedeten neuen Bürgerrechtsgesetz und den Anpassungen auf Bundesebene die Anliegen der Initianten erfüllt sind, zieht die SVP Basel-Stadt ihre Volksinitiative "Keine Einbürgerung von Kriminellen und Sozialhilfeempfängern" zurück.

• Mit der Gründung der Sektion Waldenburg wollen die Grünen Baselland im Wahlkreis Waldenburg den verlorenen Landratssitz zurück erobern.

• Der Binninger Mike Keller ist neuer Präsident des Trinationalen Eurodistricts Basel (TEB) bis Frühjahr 2019 und somit Nachfolger des neuen Basler Stadtentwickers Lukas Ott, der alle politischen Ämter niederlegt.

• Der an der Harvard-Universität arbeitende Forscher Professor Alexander F. Schier wird ab 2018 neuer Leiter des Biozentrums der Universität Basel.

• Das Unternehmerpaar Marc Friedrichsen und Julia Reidemeister übernahm Mitte Oktober die "Boutique Danoise" an der Aeschenvorstadt in Basel im 50. Jahr ihres Bestehens von Thomas und Astrid Bachmann.

Hoffmann-La Roche will bis ins Jahr 2020 den Wasserverbrauch pro Mitarbeitenden um zehn Prozent senken.

• Da die Prämien der obligatorischen Krankenversicherung in Basel-Stadt im kommenden Jahr um durchschnittlich 4,5 Prozent ansteigen, passt die Regierung die Prämienbeiträge des Kantons für Haushalte mit bescheidenem Einkommen im gleichen Umfang an.

• Für den 9. Basler Pop-Preis sind folgende Bands nominiert: Alma Negra (Electronic World Music, Basel), Audio Dope (Electronic Music, Basel), Schammasch (Avantgarde Metal, Liestal), We Invented Paris (Indie-Pop, Liestal) und
Zeal & Ardor (Black Metal/Gospel, Basel.

• Weil sich FDP und SVP nicht auf eine gemeinsame Kandidatur für die Ersatzwahl in den Stadtrat von Liestal einigen konnten und "alle offiziell Kandidierenden wählbar" sind, verzichtet die CVP auf eine Wahlempfehlung.

• Die Wettbewerbs-Kommission hat entschieden, den geplanten Zusammenschluss zwischen dem Universitätsspital Basel und dem Kantonsspital Baselland ohne Auflagen zu genehmigen.