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"Das alles geht aber sehr schnell": Basler Bus-Passagierin

Wenn es plötzlich rumpelt im Fahrgast-Raum

Vollbremsungen in Bus und Tram können für die Passagiere schwerwiegende Folgen haben


Von Fabian Schwarzenbach


Es ist ein Zielkonflikt der gröberen Sorte: Wenn ein Buschauffeur oder eine Wagenführerin voll in die Bremse tritt, um eine Kollision zu verhindern, kann es im Fahrgast-Raum zu schweren Verletzungen kommen – auch schon mit Todesfolge. Doch es gibt Möglichkeiten, vorzubeugen, dass der Körper nicht zum Geschoss wird.


Forscher arbeiten an dem Problem. Chauffeuren wird es in der Fahrschule verständlich gemacht und die Prävention kümmert sich darum: Fahrgastunfälle. Meist vermeidbar, wenn sich Fahrgäste hinsetzen oder sich festhalten. Und der umgebende Verkehr auf den Öffentlichen Rücksicht nimmt.

Wenn ein Bus- oder ein Tramchauffeur eine Vollbremsung durchführen muss, dann wird es für die Passagiere unangenehm – für die stehenden mehr, als für die sitzenden. Kann sich ein Fahrgast nicht mehr an einer Stange halten, so liegt er im dümmsten Fall auf dem Boden oder schlägt sich den Kopf an einem Sitz oder einer Stange an.

0,8 G bei einer Vollbremsung

Solche Unfälle kommen vor, im grösseren Rahmen kürzlich in einem 48er-Bus an der Wanderstrasse (OnlineReports berichtete). Bernhard Gerster, Professor für Automobiltechnik an der Fachhochschule Bern, rechnet vor, was bei einer Vollbremsung geschieht: "Es wirken Kräfte von 0,8 G auf den Körper, also 80 Prozent des Eigengewichtes". Ein Fahrgast mit 75 Kilogramm Körpergewicht muss bei einer Vollbremsung 60 Kilogramm mit der Hand an einer Haltestange wiederstehen. "Das alles geht aber sehr schnell", betont Gerster.

Einer, der selber bereits einen solchen Fall erlebt hat, ist der Sekretär des Personalverbandes Städtischer Verkehrsbetriebe Basel (PSVB), Christoph Steinmann. "Mir fuhr ein Velofahrer vor das Tram", erzählt der Wagenführer und erläutert seine zwei Varianten, die ihm zur Verfügung standen: "Entweder ich mache eine Vollbremsung und hinten fliegt jemand oder ich erwische den Velofahrer". Steinmann hat gebremst und im Fahrgastraum ist jemand gestürzt.

Chauffeure zweifeln am Handeln

"Das geht nicht spurlos an einem vorbei", meint er mit ernster Stimme. Hinterher kämen immer Zweifel auf: "Habe ich alles gemacht, um Schlimmeres zu verhindern?", fragt er sich noch heute. Steinmann fährt wie alle seine Kolleginnen und Kollegen mit diesem Risiko.

Diese Gefahr kennt auch Markus Hegglin. Das Vorstandsmitglied der "Interessengemeinschaft Öffentlicher Verkehr" weiss, dass Chauffeure diesen Zielkonflikt täglich mit sich ausmachen müssen und für sie ein Dauerthema ist. Daher sei "wichtig", dass Wagenführer im Ernstfall Unterstützung und Betreuung erhalten. "Ein Care-Team kümmert sich dann um den Chauffeur", ist Steinmann froh.

Bremsmanöver mit Todesfolgen

Jelena Dobrivojevic ist das Brems-Problem bekannt. "Wir sensibilisieren unser Personal auch nach der Fahrschule laufend", sagt die Mediensprecherin der BVB. Passiert dann doch einmal etwas, empfiehlt sie dem Personal, lieber einmal zu oft die Sanität aufzubieten. Es gingen zu viele Personen nach Beinahe-Kollisionen nach Hause und bemerkten die Schmerzen erst Stunden später.

Einen solchen Unfall mit tödlichem Ausgang musste die Autobus AG Liestal (AAGL) im Januar 2011 bewältigen (OnlineReports berichtete). Ein Automobilist verhielt sich damals verkehrswidrig, worauf der Chauffeur des Linienbusses eine Vollbremsung einleiten musste. Ein Bus-Passagier starb an den Folgen von Verletzungen.

Wenn Fussgänger aufs Smartphone starren

"Wir haben den Vorfall intern thematisiert", erläutert Roman Stingelin. Der Geschäftsführer der AAGL ist überzeugt, dass in jedem Fall eine Vollbremsung zu machen sei. Bei einer Kollision gehe immer ein Ruck durch den Bus, wie auch beim anderen betroffenen Fahrzeug, meint Stingelin. "Daher muss der Chauffeur auf jeden Fall eine Vollbremsung machen, wenn sich damit eine Kollision vermeiden lässt." Dies sei auch der normale natürliche Reflex.

Prävention sei bei diesem Problem auf drei Ebenen nötig, meint Wissenschafter Gerster: "Bei den Fahrgästen, den Fahrern sowie beim umgebenden Verkehr." Letzterer macht dem Experten zunehmend Sorgen, insbesondere der Langsamverkehr mit Fussgängern und Velofahrern. "Fussgänger, die auf ihr Smartphone starren und plötzlich die Richtung wechseln, sind für Busfahrer sehr gefährlich", warnt er. Da nütze vorausschauendes Fahren, das allen Chauffeuren beigebracht werde, nichts, weil der Chauffeur sonst beinahe permanent auf der Bremse stehen müsste.

Ein Tram kann nicht ausweichen

Die BVB versucht mit weiteren Ansätzen, Sicherheits-Bewusstsein zu schaffen. "Vorsicht Tram", heisst eine derzeit laufende Kampagne. Da wird dem umgebenden Verkehr erklärt, dass das Tram (fast) immer Vortritt hat. Die Kampagne erinnert zudem, dass Trams einen anderen Bremsweg haben und nicht ausweichen können.

Um sich vor solchen Unfällen zu schützen, rät Steinmann den Fahrgästen: "Setzen sie sich oder halten sie sich fest". Er weist darauf hin, dass die Tram- und Buschauffeure nicht nach jedem Halt nach hinten kommen und nachschauen können, ob alle Fahrgäste sitzen und sich an Stangen festhalten.

Experte empfiehlt "Tarzan-Technik"

Ein Problem sieht Steinmann bei spielenden Kindern. Diese würden bei einer Vollbremsung durch den Fahrgast-Raum geschleudert. Mit der "Tarzantechnik" empfiehlt Stingelin einen hilfreichen Trick: "Tarzan schwingt sich im Urwald von Liane zu Liane". Beinahe genauso sollen sich Fahrgäste von Haltestange zu Haltestange bewegen. Zudem sollten Passagiere immer den nächstbesten Sitzplatz nehmen, rät er.

Gurten hält Bernhard Gerster für keine Lösung, da die Gefährdung bei stehenden Passagieren am Grössten sei. "Die kann man nicht angurten". Daher empfiehlt der Experte, sich irgendwo anzulehnen, am besten in Fahrtrichtung. "Es reicht mit der Schulter". Den optimalsten Schutz hätten die rückwärts fahrenden sitzenden Passagiere, weil sie bei einer Vollbremsung gegen die Sitzlehnen gedrückt würden.

Weniger Unfälle bei ruppigen Chauffeuren

Gerster forscht in der aktiven und der passiven Sicherheit. Bei der "aktiven Sicherheit" werden Massnahmen gesucht, die helfen, Unfälle zu verhindern. Bei der Forschung im Bereich der "passiven Sicherheit" geht es um Versuche mit Crashtest-Dummies, um zu sehen, wie beispielsweise Innenräume von Bussen gestaltet werden könnten. Gerster führt diese "Crashtests" auch mit Linienbussen durch.

Der Automobiltechniker hat noch einen Ratschlag an die Busfahrer, der ziemlich unorthodox klingt: "Bus-Chauffeure sollen ruppig fahren". Es sei bewiesen, dass zackige Fahrer weniger Unfälle hätten, als solche, die fein fahren, erläutert Gerster. "Bei einem ruppigen Fahrstil suchen die Fahrgäste eher einen Sitzplatz oder halten sich fest", hat der Professor beobachtet. Bei Chauffeuren, die sehr fein anfahren, merken Fahrgäste teilweise nicht, dass der Bus bereits in Bewegung sei: "Dann halten sie sich nicht an einer Stange, was plötzlich sehr gefährlich sein kann". Trotzdem: "Dies ist keine Aufforderung für Chauffeure, wie die Irren rumzufahren", macht Gerster unmissverständlich klar.

3. Juni 2014

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"Weinstein setzte Spione auf Opfer ab"

BZ Basel
vom 8. November 2017
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... nachdem er sie zu Miniaturen erniedrigt hatte.

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Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Das Basler Energieunternehmen IWB plant, im Februar 2018 elf neue Ladesäulen für Elektrofahrzeuge in Quartierstrassen auf Allmend zu installieren.

• Entgegen der Parole der kantonalen CVP sagte der CVP-Wahlreis Liestal Nein zum "8. Generellen Leistungsauftrag für den öffentlichen Verkehr" und damit Ja zum "Läufelfingerli".

Raymond Cron wird als Nachfolger von Andreas Büttiker ab 1. Januar 2018 neues Verwaltungsratsmitglied des EuroAirport Basel-Mulhouse-Freiburg.

• Der Basler Grosse Rat hat die Standesinitiative der SP gegen der Schliessung von Quartier-Poststellen überwiesen.

• Die bürgerlichen Jungparteien von Basel-Stadt ziehen ihre Zweirad-Initiative zurück, da sie mit dem vom Grossen Rat beschlossenen Gegenvorschlag ihre Hauptforderungen als erfüllt betrachten.

• Die Baselbieter Wahlen des Landrats und des Regierungsrats für die Amtsperiode vom 1. Juli 2019 bis 30. Juni 2023 finden am 31. März 2019 statt.

• Weil mit dem als Gegenvorschlag verabschiedeten neuen Bürgerrechtsgesetz und den Anpassungen auf Bundesebene die Anliegen der Initianten erfüllt sind, zieht die SVP Basel-Stadt ihre Volksinitiative "Keine Einbürgerung von Kriminellen und Sozialhilfeempfängern" zurück.

• Mit der Gründung der Sektion Waldenburg wollen die Grünen Baselland im Wahlkreis Waldenburg den verlorenen Landratssitz zurück erobern.

• Der Binninger Mike Keller ist neuer Präsident des Trinationalen Eurodistricts Basel (TEB) bis Frühjahr 2019 und somit Nachfolger des neuen Basler Stadtentwickers Lukas Ott, der alle politischen Ämter niederlegt.

• Der an der Harvard-Universität arbeitende Forscher Professor Alexander F. Schier wird ab 2018 neuer Leiter des Biozentrums der Universität Basel.

• Das Unternehmerpaar Marc Friedrichsen und Julia Reidemeister übernahm Mitte Oktober die "Boutique Danoise" an der Aeschenvorstadt in Basel im 50. Jahr ihres Bestehens von Thomas und Astrid Bachmann.

Hoffmann-La Roche will bis ins Jahr 2020 den Wasserverbrauch pro Mitarbeitenden um zehn Prozent senken.

• Da die Prämien der obligatorischen Krankenversicherung in Basel-Stadt im kommenden Jahr um durchschnittlich 4,5 Prozent ansteigen, passt die Regierung die Prämienbeiträge des Kantons für Haushalte mit bescheidenem Einkommen im gleichen Umfang an.

• Für den 9. Basler Pop-Preis sind folgende Bands nominiert: Alma Negra (Electronic World Music, Basel), Audio Dope (Electronic Music, Basel), Schammasch (Avantgarde Metal, Liestal), We Invented Paris (Indie-Pop, Liestal) und
Zeal & Ardor (Black Metal/Gospel, Basel.

• Weil sich FDP und SVP nicht auf eine gemeinsame Kandidatur für die Ersatzwahl in den Stadtrat von Liestal einigen konnten und "alle offiziell Kandidierenden wählbar" sind, verzichtet die CVP auf eine Wahlempfehlung.

• Die Wettbewerbs-Kommission hat entschieden, den geplanten Zusammenschluss zwischen dem Universitätsspital Basel und dem Kantonsspital Baselland ohne Auflagen zu genehmigen.