Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

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Theater Basel, Schauspielhaus
Uraufführung/Auftragswerk

"Schlaraffenland"

Autor: Philippe Löhle
Inszenierung: Claudia Bauer
Bühne/Kostüme: Dirk Thiele
Dramaturgie: Sabrina Hofer
Musik/Komposition: Peer Baierlein
Licht: Cornelius Hunziker

Mit Mario Fuchs, Vincent Glander, Nicola Kirsch, Pia Händler, Ingo Tomi, Florian von Manteuffel, Leonie Merlin Young


Unter dem Zuckermond

Das Theater als moralische Anstalt: Zum dritten Mal in dieser Saison attackiert das Theater Basel unsere heilen Scheinwelten. Die Werbe-Wunderwelt zerrieb die Menschen in "Rette, sich wer kann", die gehypte Kunstwelt stürzte als wertlos ins Bodenlose in "Goldrausch", nun drittens liegt das "Schlaraffenland" Mitteleuropa auf dem Seziertisch. Das Beste daran: Wie infantil wir in unserer Zentralheizungswelt nach allen möglichen Gütern greifen, überall hin in die Ferien jetten, wie Maden im Speck leben, so werden wir vorgeführt.

In seinem "autobiographischen" Auftragsstück dramatisiert Autor Philippe Löhle seine persönliche "Buddha-Story": Sohn wächst überbehütet in einer bürgerlichen Familieblase auf, die irgendwann platzt. Eines Nachts bricht ein Mann im schwarzen Overall versehentlich durch seine Schlafzimmerwand und klärt ihn darüber auf, dass "draussen" Heerscharen herumrennen, um seine Wünsche – iPhone, Auto, Geld, Ehefrau, Essen etc. – wie ein Befehl zu erfüllen. Von da an kehrt sich seine Weltsicht.

Im Gegensatz zum fernöstlichen Vorbild, das seine Lösung in tieferer Einsicht fand, bleibt er mitten in der Initiation und im Dualismus eines Feindbildes stecken: Der globalisierte Kapitalismus. Seine Lösung bleibt diffus, seine Letzterkenntnis mutet seltsam mittelalterlich katholisch an. Im Schlussakt tritt das gesamte Ensemble als eine Art Mönchsgruppe schwarz gewandet als Hamlet-Figur, Sinnbild des westlichen Zauderers, vor das Publikum.

Der Sohn verkündet verbissen apodiktisch, dass er sich in die Luft sprengen werde. Die einzige Regung, die eine wirkliche Änderung herbeigeführt habe, sei die Angst. Die Anschläge des 11. September hätten "alles verändert". Die politische Rechte habe mehr bewirkt als linksgrün. Denn die Rechte oder die islamistischen Terroristen hätten mit der Angst in uns hineingegriffen – beim Betreten eines Flugzeuges oder eines Einkaufsmarktes.

Die Gruppe singt, beschimpft aber vor allem den weltumspannenden Liberalismus, der selbst die besten Ideale und Initiativen wie Fair Trade-Labels etc. einverleibe, sobald diese populär vermarktbar würden – und so eine tiefergreifende Veränderung verhindere. "Der Liberalismus fickt uns in den Arsch", ruft einer und zeigt uns den seinigen nackt. Die angekündigte Explosion jedoch bleibt aus – oder wir müssen sie uns nach dem Applaus denken, man weiss es nicht.

Aber wer sind diese Leute? Die Familie, der Sohn als Chor, Löhle selbst, das Ensemble? Über die Aussagen würde man gern diskutieren. Auch darüber, ob der Liberalismus nicht auch das Stück in der Inszenierung von Claudia Bauer als flottes Unterhaltungstheater einverleibt hat. Unter die Haut geht nur weniges. Der Blick bleibt auf das Äusserliche, auf die Effekte gerichtet. Vorgestellt wird Löhles Kindheit vor allem als satirisches Beispiel, in dem sich viele finden sollen, die über die vielen Pointen lachen können.

Dirk Thiele hat ein weisses Mustereinfamilienhäuschen auf die Bühne gestellt und einen riesigen Zuckermond in den Himmel gehängt, Peer Baierlein lullt einen mit nervigem Easy-Listening ein. Der Sohn tritt zu Beginn als Moderator im Smoking vor uns hin: Ob wir es denn auch sähen? In den Gesichtern? Aber gerade die sehen wir nicht: Seine Musterfamilie am Mittagstisch trägt übergrosse Masken – Kindermenschen mit Ernährungsgemüt und Lächelfratze, aus der einem "Ich kann doch nichts dafür"-Augen anglotzen.

Vielleicht wäre es aber erhellender gewesen, zu zeigen, was sich in diesen Gesichtern tut. Vor allem, wenn die Grossmutter mit dem Gift einer Freitod-Oorganisation aus dem Leben scheidet. Man gab sich die Hände, Duftkerzen leuchteten. "So schön" sei das gewesen, sagen alle rückblickend, wie die alte Frau – vielleicht gegen ihren Willen – zu Tode gebracht wurde: die grimmigste Szene, die den Zynismus, die Beziehungslosigkeit im allgemeinen Wohlleben auf den Punkt bringt.

Clever wird im zweiten Teil herausgestellt, wie (wir) alle bestens darüber im Bilde sind, dass wir von der Preispolitik profitieren. Die Familie – ohne Masken, im muffigen Siebzigerjahre-Look der Fassbinder-Filme – disputiert über das "Erweckungserlebnis" des Sohnes: Mutter, Ehefrau, Tochter, Onkel spielen sich abwechselnd den Sohn vor, wie der die anderen plötzlich mit dem zu tiefen Preis für die Eier konfrontiert, auf die Jeans "made in China" spuckt.

Der Trash-Furor, wenn sich auf einmal der Vater über die Ehefrau des Sohnes hermacht, diese bei jeder Gelegenheit losheult, Essen und Besteck auf dem Boden landen, die Tochter in den Müllschlucker kotzt, mag anwidern. Aber sie stellt die Erregung heraus, wenn einer wie der Sohn aus der Reihe tanzt. Und sie zeigt ein hervorragendes Ensemble, das die hektische Szene artistisch meistert.

Mehr als bloss ein Gag: Löhle offenbart sich mit seiner Sohnfigur auch als tragisch Scheiternder, der mit Riesenhammer in die Familienszene tritt, um auch seine Nächsten mit einem Durchbruch zu beglücken. Unter seinen Schlägen fällt die Mauer in der Wohnstube. Der Mann hinter der Mauer trägt keinen schwarzen Overall: Es ist der Nachbar.

13. Mai 2017
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Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade.

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"Als FCB-Goalie mischte Christian Reinwald das Nachtleben auf – heute verdient er sein Geld mit Tauchen und Vögeln"

BZ Basel
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vom 14. November 2018
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Eindeutig zweideutig.

RückSpiegel


Telebasel zitierte zur Einleitung des "Sonntalks" über Prämienverbilligungen aus dem OnlineRepeorts-Kommentar "Anton Lauber muss sozialer werden".

Die NZZ nimmt in ihren Hintergrund-Artikel über "Basel in der Abseitsfalle" auf einen OnlineReports-Leitartikel Bezug.

Eine Kolumne in der Basler Zeitung erinnert daran, dass OnlineReports über die Verlegung der Tram-Haltestelle vom Spalentor in die Spalenvorstadt berichtet hat.

Die Basler Zeitung publiziert aus Anlass des 20-jährigen Bestehens von OnlineReports ein ausführliches Porträt zur Entwicklungsgeschichte.

Prime News führte aus Anlass des 20-jährigen Bestehens von OnlineReports ein ausführliches Interview mit Chefredaktor Peter Knechtli.

In ihrem Bericht über einen hartnäckigen Streit um das Basler Restaurant "Löwenzorn" nimmt die Basler Zeitung auf einen früheren OnlineReports-Bericht Bezug.

Die Nachrichtenagentur SDA erwähnt OnlineReports und seine schwarzen Zahlen seit zwanzig Jahren im Zusammenhang mit der Einstellung der "Tageswoche".

Der Basler Zeitung fiel in einem Leserbrief in OnlineReports auf, dass der frühere Baselbieter Polizeisprecher auf der SVP-Liste für den Landrat kandidiert.

Telebasel, nau.ch und 20 Minuten bezogen sich in ihren Beiträgen über Sachbeschädigungen gegen die Jüdische Genossenschafts-Metzgerei auf OnlineReports.

Im Interview mit Claudia Sigel geht die Basler Zeitung auf eine Aussage der Baselbieter CVP-Präsidentin Brigitte Müller in einem OnlineReports-Interview ein.

In ihrem Bericht über das Ja der Wettbewerbs-Kommission zur Übernahme der "Basler Zeitung" durch Tamedia erwähnt die NZZ auch OnlineReports.

Die BZ Basel, Telebasel und die Basler Zeitung nahmen die OnlineReports-Nachricht vom Tod der FCB-Legende Peter Ramseier auf.

Prime News geht in ihrem Überblick über die Perspektiven des Medienplatzes Basel auch auf OnlineReports ein.

Die Basler Zeitung geht in ihrem Bericht über den "Spagat der CVP-Präsidentin" Brigitte Müller auf ihre Aussagen im OnlineReports-Interview ein.

Die Basler Zeitung, die Basellandschaftliche Zeitung, Prime News und Telebasel zitierten in ihren Berichten zur Baselbieter CVP aus dem OnlineReports-Interview mit Parteipräsidentin Brigitte Müller.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Die Bau- und Raumplanungs-Kommission des Basler Grossen Rates spricht sich für den Neubau von Staatsarchiv und Naturhistorischem Museum im St. Johann-Quartier aus.

Matthias Gysin, heute Verwaltungsleiter in der Gemeinde Aesch, wird ab 1. April 2019 neuer Geschäftsführer des "Verbandes Basellandschaftlicher Gemeinden" (VBLG) und Nachfolger von Ueli O. Kräuchi.

• Das Projekt eines Ozeaniums des Basler Zoos hat mit starkem Wellengang zu kämpfen: Das gegnerische Komitee reichte fast 5'000 Referendums-Unterschriften ein, wodurch es zu einer Volksabstimmung kommen wird.

Yvette Harder wird per 18. März 2019 neue Generalsekretärin des Basler Finanzdepartements und damit Nachfolgerin von Alexandra Schilling, die in die Kommandoabteilung der Kantonspolizei wechselte.

• Der frühere Baselbieter SP-Regierungsrat Urs Wüthrich-Pelloli übernahm an der ordentlichen Mitgliederversammlung des Fördervereins Universität Basel von Jean-Luc Nordmann das Präsidium.

• In weniger als sieben Wochen sammelte das parteiunabhängige Komitee "Kein Parkhaus unter dem Tschudi-Park" mehr als 3500 Unterschrift'en für seine Petition.

• Die Baselbieter Regierung beantragt dem Landrat, dem Staatspersonal für das Jahr 2019 einen Teuerungsausgleich von 1,4 Prozent auszurichten.

Elena Hermann wird neue Leiterin der Staatlichen Schlichtungsstelle für Mietstreitigkeiten Basel-Stadt und löst Ernst Jost ab, der per Ende Jahr in Pension gehen wird.

• Das Basler Komitee gegen die kantonale Vorlage zur "Steuervorlage 17", das sich aus linken Parteien und Gewerkschaften rekrutiert, hat 3'300 Unterschriften für das Referendum gesammelt.

Andreas Häner, von 2009 bis 2015 schon Vorstandsmitglied, wird neuer Geschäftsführer des Basler Heimatschutzes und damit Nachfolger von Paul Dilitz, der nach elfjähriger Tätigkeit in den Ruhestand tritt.

Daniel Roth (61) wird im Baselbiet neuer Leiter des Rechtsdienstes von Regierung und Landrat, als Nachfolger von Hans Jakob Speich, der sich vorzeitig pensionieren lässt.

Irene Heinimann wird neue Baselbieter Kantonsapothekerin und folgt als bisherige Stellvertreterin auf Hans-Martin Grünig, der Ende Dezember in Pension geht.

• Vertiefte Kostenkontrollen zum Umbau der Kunsteisbahn Sissach zur geschlossenen Halle zeigen, dass der Bau bis zu zehn Prozent teurer wird als vorgesehen.

• Der Baselbieter alt Landratspräsident Jürg Degen und der Läufelfinger Gemeindepräsident Dieter Forter sind von "Pro Bahn Schweiz" für ihr Engagement zur Erhaltung des "Läufelfingerlis" mit dem Preis "Premio Pro Spez 2018" ausgezeichnet worden.

Steigende Bildungs- und Sozialkosten belasten das Ergebnis der Gemeinde Reinach, so dass für 2019 ein Defizit von 1,67 Millionen Franken budgetiert werden muss.

Olivier Aebi wird per 1. Februar 2019 neuer CEO des Basler Ingenieur- und Planungsunternehmens Gruner AG und Nachfolger von Kurt Rau ab, der die Gruner-Gruppe interimistisch leitet.

• Aufgrund einer umfassenden Kontrolle der Stadtgärtnerei müssen im Kanton Basel-Stadt 229 Bäume zum grössten Teil aus Sicherheitsgründen gefällt und ersetzt werden; die Liste der betroffenen Bäume wird im Kantonsblatt vom 10. Oktober publiziert.

Andrea Schenker-Wicki, die Rektorin der Universität Basel, ist durch den Universitätsrat für weitere vier Jahre bestätigt worden.

• Am 1. Oktober beginnen in Basel die Vorarbeiten für den Bau des unterirdischen Kunstmuseum-Parkings mit der Umlegung unterirdischer Leitungen.