Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

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Theater Basel, Kleine Bühne
Schweizer Erstaufführung

"Der grosse Marsch"

Autor: Wolfram Lotz
Regie: Antje Schupp
Bühne: Marion Menziger

Mit Nicole Coulibaly, Mira Kandathil, Nils Amadeus Lange, Lorenz Nufer


Das Theater schafft sich ab

Die Botschaft klang unmissverständlich. 18,6 Millionen Franken könne das Theater Basel ohne weiteres jährlich einsparen. Dem Endnutzer gehe hierbei nichts ab. Denn die wirkliche Leistung des Theaters, so dozierte es Unternehmsberater Schneider vor dem Publikum, sei nicht die Theateraufführung. Das Endprodukt sei in Wirklichkeit die Erinnerung des Zuschauers. Nun könne man diese Erinnerung aber nicht bloss über die reale Premierenvorstellung ansteuern. Denn die Erinnerung, so sagen Hirnforscher, werde im Kopf durch die genau gleichen Prozesse gebildet wie die Phantasie. Aha.

Diese Phantasie, so Schneider, könnte man nun genauso effektiv aber dafür ungleich betriebssicherer und ohne den gefährlichen "schöpferischen Akt" mit einer ausführlichen Programmzeitschrift über eine Premiere anfüllen, die via "Basler Zeitung" vertrieben würde. Der Endnutzer werde sich an diese imaginäre Premiere erinnern, als hätte er sie real erlebt. Das Stadtgespräch wäre so ausreichend versorgt.

Aber durch die Einsparung der realen Produktionsleistung könne die Anzahl der Endprodukte zum gleichen Tarif multipliziert werden. "Ganz nach dem Motto", so schloss Schneider freudig, "Das Theater ist tot, es lebe das Theater". Die realen Endnutzer lachten und applaudierten heftig.

Doch der ironische wie auch farblose Zwischenakt, den die Basler Theatermacher eigens in das Stück des jungen Dramatikers Wolfram Lotz hineinerfunden und eingefügt hatten, sagt vielleicht mehr aus, als es dem Theater Basel lieb sein kann.

Wurden die Produktionsbedingungen hier nicht heruntergespart? Wie viel "schöpferischer Akt" wird bei Proben entgegen den vorgefassten Dramaturgie-Konzepten noch riskiert? Und woauf zielen heutige Aufführungen mehr ab: auf die fleischige Erinnerung (Emotion, Spiel und Handlung) oder auf die intellektuelle Phantasieanregung (Zitate, Verweise, Bezüge)?

Es gab auch manche Kritiker, die Lotz vorwarfen, sein Stück sei Lesevergnügen, nicht Bühnenstoff. Den Gegenbeweis hat die Basler Aufführung nicht erbracht. Ein abstrakter Stoff mit einem schwächeren dritten und letzten Teil.

Wo spielt das alles? Auf dem Theater, ja. Aber sonst? Keine eindeutige Antwort möglich. Da treten etwa Superbanker Joe Ackermann, Prometheus, Bakunin, Hamlet, Lotz' Mutter oder Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt in einer Art Talk-Show auf. Und bei Hundt heisst es in der Regieanweisung ausdrücklich, er dürfe nicht durch einen Schauspieler ersetzt werden. In Basel entledigte man sich des Problems wie andernorts auch schon: Statt Hundt kommt doch ein Schauspieler, und die Regieanweisung wird oberhalb eingeblendet. Ein programmierter Lacher.

"Warum hat Schupp nicht mit Schweizer
Figuren wie Ospel oder Grübel gearbeitet?"




Aber wie kriegt man eine sprechende Riesenschlange, deren Kopf die Bühne ausfüllen solle, auf die Kleine Bühne? Hier half ein Schattenspiel mit Handschuh und Scheinwerfer. Und die 50 vom Autor geforderten Nereiden paradierten als Pappfotografie einer antiken Skulptur, die mit einer Modeschau hereingetragen wurde, auf die Bühne. Ja, es ist zum Wettbewerb bei diesem Stück geworden, wie man mit den unmöglichen Regie-Anweisungen umgeht. Nur auf die 21 Mongoloiden, die das Theater stürmen sollen und auf die vier funktionstüchtigen Rolltreppen, die wie Eschers bekanntes Treppenbild anzuordnen seien, verzichtete Regisseurin Schupp.

Vergleichsweise einfach war es dagegen, den zu Gefängnis verurteilten Unterschichtler Patrick S. darstellen zu lassen, der mit seiner Schwester Kinder gezeugt und damit für Schlagzeilen gesorgt hatte. Diese Figuren, bewältigt von einer konzentriert agierenden Vierer-Besetzung im Dauerumziehstress, verbindet der Skandal. Prometheus wie Bakunin oder Hamlet sind Revoluzzer. Und bei Joe Ackermann, Patrick S. oder Mama Lotz wirkt es schon allein obszön, dass sie im Talk Show-Format auf die Bühne treten.

Nicole Coulibaly ist die Moderatorin dieser sehr sonderbaren Talk Show-Revue, von der man nie weiss, ist das jetzt eine Parodie auf das linkspolitisch engagierte Siebziger-Jahre-Theater oder eine Parodie darauf, dass man überhaupt Bühnen- und Fernsehauftritte parodiert. So interviewt sie Lotz, warum der die RAF im Stück erwähnt. Es fällt ihm nur mehr ein, dass es ein allgemeines Unbehagen gebe und er eigentlich kaum etwas über sie wisse. Sie widerspricht ihm nicht. Es geht also nur um das Signal, um die Phantasieanregung.

Aufschlussreich ist ihr Monolog, wenn sie heftig bis zum schieren Schreien skandiert, dass es eben ein Unten und Oben, eine Unterschicht und eine Oberschicht, dass es Armut und Krieg gebe. Und dass sich an den Verhältnissen nichts ändere, solange wir sie nicht änderten. Sie trifft damit genau in die Mitte zwischen einnehmend und lächerlich. Sie kann uns die Wahrheit nicht dringlich zum Nennwert übermitteln, nur weil sie auf der Bühne steht. Und ist ihr Engagement nicht eh Schmierentheater?

Oder drei "echte" Sozialhilfeempfänger werden vorgeführt. Sie treten in Trainerjacke auf die Bühne, markieren den Underdog-Blick, sagen nichts. Das wirkt authentisch. Und wie ein Witz. Das Publikum lacht. Statt etwas gezeigt hat der Bühnenakt mögliche Anteilnahme nur zerstört.

Um diese Effekte geht es Lotz. Und um die Absichtshaltungen dahinter. Betritt Patrick S. die Bühne, setzt ihn die Moderatorin sofort als Unterschichtler ohne Bildungschancen für die Kinder fest, obgleich er über andere Dinge reden will. Es kommt zum Schreikampf. Das Theater ist nicht mehr besser als die RTL-Show: Grosse Leuchtschriften "Theater Basel" oder "Antje Schupp" werden zum Trailer-Bombast in unser Blickfeld gesenkt.

Der junge Autor Lotz (*1981) scheint wirklich "Widerstand" leisten zu wollen. Darum wird das Theater als lügenverseuchter Ort denunziert, das seine Glaubwürdigkeit verliert und sich selber abschafft. Darum die lächerlichen Revoluzzer, darum die sackfrechen Interviews mit Ackermann & Co. Und darum auch Bakunin, der seinen Tod nicht akzeptiert. Oder Prometheus, der den Menschen nach dem Feuer endlich das ewige Leben bringen will. Die Götter hätten die Seegurke vergessen, triumphiert er. Bei uns allen hätten die Götter den Tod in die Zellen eingebaut. Nicht aber bei der Seegurke. Ach ja.

Lotz hat viel Wortwitz, Schupp einigen Slapstick eingebaut. Die Jüngeren im Publikum (nicht vollbesetzt) applaudierten frenetisch. Eine riesige Chance aber hat die Wienerin Schupp nach meiner Einschätzung verpasst. Das deutsche Publikum hat mit Leuten wie Ackermann, Hundt oder Patrick S. reflexartig viel mehr zu lachen, weil es diese kennt. Warum hat Schupp diese nicht mit bekannten Schweizer Figuren wie Ospel oder Grübel ausgetauscht? Hätte sie so nicht mehr unmittelbare Publikumsreaktionen provozieren können?

8. Oktober 2011
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Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade.

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