Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

<< [ 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | (...) | 141 ] >>

Theater Basel, Schauspielhaus

"Amphitryon"

Lustspiel von Heinrich von Kleist nach Molière

Regie: Julia Hölscher
Bühne: Paul Zoller
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: Martin Gantenbein
Licht: Cornelius Hunziker
Dramaturgie: Sabrina Hofer

Mit Mario Fuchs, Urs Peter Halter, Pia Händler, Nicola Mastroberardino, Florian von Manteuffel, Leonie Merlin Young


Phallus, Feldschlacht und Verehrung

Wie klein doch die Menschen von oben aussehen. Ein riesiger Spiegel über der Bühne beschert uns den arroganten Götterblick der Olympier auf die Nöte der unwissenden Sterblichen, die auf einer Drehbühne schwindelerregend rotieren. Schmerzvolle Verwirrung hat Jupiter auf der Erde angerichtet. Um seine Machtfülle wieder mal irdisch auszukosten, hat er die Gestalt des thebanischen Feldherren Amphitryon angenommen und mit dessen Ehefrau Alkmene eine Liebesnacht verbracht.

Und aus verletzter Eitelkeit: Alkmene verehrt nämlich in den Gebeten an Jupiter kindlich die Züge ihres Gemahls. Die Mission misslingt, denn Alkmene liebt in Jupiter weiterhin Amphitryon. Selbst dann, wenn sie die beiden nicht voneinander unterscheiden kann, ja am Ende sogar den falschen Amphitryon, also Jupiter, für ihren Mann hält: Der Gipfelpunkt an Schmerz und Demütigung für den Feldherrn, der sich vom Göttervater nicht nur um seine Ehe betrogen, sondern aus seinem "ich" gedrängt fühlt. Gleiches widerfährt seinem Diener Sosias, den Merkur verprügelt und ihm sogar die Führung seines Namens untersagt.

In das pointenreiche, pikante Lustspiel mengt Kleist extensiv die Frage nach dem "ich", nach dem, was uns denn eigentlich ausmacht. Um da aber nichts zu finden. Auch nicht im seelischen Gespür Alkmenes. Doppelsinn des Spiegels: Die um das "ich" ringenden Männer gieren nach äusserlicher Bestätigung. Phallus, Feldschlacht, Verehrung. Ohne Liebe sei auch der Olymp öde, jammert Jupiter.    

Als Zuschauer sehen wir jedoch die Doppelgänger ganz unterschiedlich ausstaffiert: Die Götter etwa mit langem Haar, kleine Schleppen an den Hosen. Wie also ist die Verwechslung Alkmenes zu erklären. Als Traum? Bezauberung der Götter? Eine Art Götterchor erklingt schauerlich-feierlich jedes Mal, wenn die Drehbühne kreist, ähnlich wie Ligetis Requiem (bekannt aus dem Film "2001 - a Space Odyssey"). Sie rotiert pausenlos, wenn die Verwirrung am höchsten ist vor der Auflösung, wenn Jupiter sich endlich zu erkennen gibt. Fliessende Lichtwechsel versetzen die Szene in eine unwirkliche Sphäre.

Über die knapp zwei Stunden verstreut setzt Regisseurin Julia Hölscher wie beiläufig Bilder, ähnlich unvermittelt hochsteigenden Traumszenen, prägnant gestaltet wie Werke aus der bildenden Kunst. "Vernichtet", ruft plötzlich Amphitryon mit leerem Gesicht, fällt zu Boden: Eine Szene wie ein Barockgemälde. Wenn Merkur mit entblösstem Oberkörper und Hut triumphierend über seiner irdischen Verkörperung, dem naiven Diener Sosias, steht, so erinnert er an Donatellos ephebenhaften und triumphierenden David. Wie in Klimts Kuss umhüllt stehen Jupiter und Alkmene einander liebkosend.

Diese Göttersphäre kontrastiert scharf mit Nüchternheit. Es ist ein skelettierter Kleist, der hier zur Aufführung kommt, nicht nur der vielen Striche im Text wegen. Die (präzise) sprachliche Führung durch die kunstvoll verschachtelten Sätze: genügend lebendig, um alltagsnatürlich den Sinn und die Wucht der Formulierungskunst zu übermitteln, aber zu spröd und zu gestockt, um uns mit dem lyrischen Sog zu erregen.

Die Figuren Alkmene und Amphitryon sind prosaischer gestaltet als die hochgemuten Empfindungstypen, wie sie Kleists Sprache seelenvoll und gleichzeitig muskulös formte. Die Götter wirken sogar karg und banal. Das Bühnenbild: so spannungsgeladen kahl und kühl wie in den historisierten Filmfürstendramen Kurosawas. Eine Wand auf der Drehbühne, mal als rostige Stahlwand, mal als weisse Stadtmauer leuchtend, trennt ständische Grenzen, Intimitätsräume, betont eine Welt der Unterteilung.

Solchermassen vorbereitet soll der Schluss, das berühmte "Ach" von Alkmene, besonders fatal wirken. Zwar wird das Rätsel aufgelöst, aber nur vordergründig. Und Jupiter belohnt Alkmene und Amphitryon mit einem Helden als Sohn, Herkules, aber was nützt der Platz in der Göttergalerie nach allem? Zu verwüstet ist das Leben, zu unwirklich die Möglichkeit, dass man den Ehealltag einfach fortsetzte. Wie schrecklich profan Florian von Manteuffel als Amphitryon nun nach seiner Alkmene ruft: Der Göttergatte ist entgöttert. Aus Pia Händlers "Ach" kann man parallel betäubten Schmerz heraushören und die kindliche Frage: Was war das alles gerade eben?

Hölscher lässt es bewusst gähnend wie ein Abgrund wirken. Ein Spiel hat sie zur distanzierten Betrachtung vorgestellt, im Sinne einer Variation über Traum und Wirklichkeit, Lust und Schmerz – uns aber nicht mit einem Lustspiel mitgerissen, wo aus der Tiefe der Sphären homerisches Gelächter ertönt. Wozu Kleists Stück sicherlich taugte.

12. Januar 2018
 Ihre Meinung zu dieser Kolumne
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade.

© Foto by OnlineReports.ch

Claude.Buehler@gmx.net

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei;
sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)

www.onlinereports.ch
© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigenen Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

 

fileadmin/templates/pics/gesehen.gif
SBB
Abfahrts-Anzeige 08.17 Uhr
in einem als "Interregio"
verkehrenden "Flirt"
vom 11. Mai 2018
um 10.46 Uhr
fileadmin/templates/pics/gesehen.gif

Sind die Abfahrtszeiten falsch, so hat es doch Methode.

Veranstaltungs-Hinweis

 

OFFENE TORE
zu historischen Wohnbauten
am Sa/So 26./27. Mai
Zahlreiche Gratis-Führungen in sehenswerten Altstadt-Häusern in Basel und in der ganzen Schweiz. Eine Aktion des Vereins DOMUS ANTIQUA HELVETICA aus Anlass des Europäischen Kulturerbejahres 2018.

Genauere Informationen und Online-Anmeldung für Gratis-Tickets über www.domusantiqua.ch/offenetore

RückSpiegel


Die BZ Basel nahm in ihrer Meldung über Christian Kellers Abgang bei der "Basler Zeitung" Bezug auf eine vorangegangene Nachricht in OnlineReports.

Barfi.ch
und die Gundeldinger Zeitung zogen die OnlineReports-Meldung über den Velofriedhof am Basler Bahnhof SBB weiter.

Die OnlineReports-Erstnachricht vom Tod des ehemaligen Basler Regierungsrates Lukas "Cheese" Burckhardt wurde von Barfi.ch, der BZ Basel, die Basler Zeitung, vom SRF-Regionaljournal und von der Nachrichtenagentur SDA aufgenommen.

Die BZ Basel nahm die OnlineReports-Meldung über die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft zum Urteil gegen den Basler Datenschnüffler-Polizisten auf.

Die BZ Basel zog die OnlineReports-News über den Einbürgerungs-Streit der drei baselstädtischen Bürgergemeinden mit dem Kanton Basel-Stadt und den Gang ans Bundesgericht nach.

Die Schweiz am Sonntag schrieb eine OnlineReports-Nachricht über die rechtlichen Schritte der Wirtschaftskammer Baselland gegen die "Basler Zeitung" ab.

In ihrem Artikel über Markus Ritters Abgang aus dem Basler Präsidialdepartement bezog sich die Basler Zeitung auf OnlineReports.

20 Minuten, die BZ Basel, theworldnews.net, die Basler Zeitung, die Tageswoche, die Bauernzeitung und Telebasel nahmen die OnlineReports-Story über das gescheiterte Projekt von "Urban Farmers" in Basel auf.

Die BZ Basel, die Basler Zeitung und das Regionaljournal zogen die OnlineReports-Meldung über die Schliessung der Basler Buchhandlung "Narrenschiff" nach.

Die Basler Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht vom Tode des früheren BLKB-Bankrats-Präsidenten Werner Degen auf.

In ihrem Bericht über die "FDP Baselland auf seltsamen Wegen" (Schlagzeile) nimmt die Basler Zeitung zentral auf einen OnlineReports-Primeur über den neu auftauchenden Namen Daniel Recher Bezug.

Die Kommentar-Plattform Infosperber geht auf die Berichterstattung von OnlineReports zum Mord an Martin Wagner ein.

In ihrem Kommentar zu "Lukas Engelberger, der Pressezensor" nimmt die Basler Zeitung eine Metapher ("medienrechtliche Namesburka") von OnlineReports auf.

InsideParadeplatz.ch empfahl den Lesern die Lektüre des OnlineReports Porträts des getöteten Medienanwalts Martin Wagner.

Die OnlineReports-Erstnachricht über den gewaltsamen Tod des Basler Wirtschaftsanwalts Martin Wagner in Rünenberg haben unter anderen der Tages-Anzeiger, BZ Basel, Le Temps, Tageswoche, 20 Minuten, Watson, Telebasel, die Volksstimme, der Blick und nau.ch aufgenommen.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Der Baselbieter FDP-Landrat Andreas Dürr wurde als Nachfolger von Urs Schweizer zum neuen Präsidenten des ACS beider Basel gewählt.

• Die Basler Energieversorgerin IWB steigerte 2017 den Umsatz auf 739 Millionen Franken, doch fiel der Jahresgewinn mit 74 Millionen Franken wegen Wertberichtigungen und Rückstellungen um 33 Millionen Franken niedriger aus als im Vorjahr.

• Die Baselbieter FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger wurde zur Vizepräsidentin des Schweizerischen Gewerbeverbands gewählt.

• Nach Konditionstrainer Marco Walker verlässt nun auch Fitness-Chef Werner Leuthard (56) per Ende Saison den FC Basel.

Barbara Gafner soll zur neuen Vorsteherin der unabhängigen staatlichen Finanzkontrolle des Kantons Baselland gewählt werden.

• Die Baselbieter FDP-Sektionen Binningen und Bottmingen haben in getrennten Abstimmungen die Fusion zur FDP Binningen-Bottmingen beschlossen.

• Die BKB-Filiale am Basler Neuweilerplatz 1, während der letzten Monate umfassend modernisiert, wurde am Samstag, 5. Mai mit einem Eröffnungsfest für das Quartier (10 bis 16 Uhr) neu eröffnet.

• Die Baselbieter Grünen werden in der Oberwiler Dorfpolitik aktiv, indem sie die Themen und das personelle
Engagement der sich auflösenden Neuen Liste Oberwil (NLO) übernehmen.

• Der Basler Erziehungsdirektor Conradin Cramer übernimmt per 1. Mai das Präsidium der Stiftung "éducation21", einer Fachagentur der Schweizerischen Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK), die sich der Bildung für nachhaltige Entwicklung widmet.

10'454 Patienten weist die Psychiatrie Baselland für das Geschäftsjahr 2017 aus.

Peter Brodmann wird neuer Baselbieter Kantonschemiker und Leiter des Amts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen als Nachfolger von Peter Wenk, der Ende August in Pension geht.

• Die Grünen Baselland nominieren im Hinblick auf die Delegiertenversammlung vom 5. Mai in Olten Landrätin Florence Brenzikofer als Vizepräsidentin der Grünen Schweiz.

• Der Gemeinderat von Birsfelden hat auf einen Vorstoss von Désirée Jaun (SP)beschlossen, als erste Gemeinde in der Nordwestschweiz die Auszeichnung als "Fair Trade Town" anzustreben.

• In der Amtsperiode 2018-2022 bilden die Grünliberalen (GLP) im Einwohnerrat Riehen gemeinsam mit dem parteilosen David Moor eine Fraktion.

• Die Basler Badesaison beginnt im beheizten Sportbad St. Jakob (28. April), in den unbeheizten Becken des Gartenbads St. Jakob (12. Mai), im Gartenbad Eglisee (19. Mai) und im Gartenbad Bachgraben infolge Sanierungsarbeiten (2. Juni 2018).

• Die SP Muttenz hat an ihrer Generalversammlung Kathrin Schweizer einstimmig als Regierungsrats-Kandidatin der SP Baselland nominiert.

• Nach fast zwanzig Jahren Tätigkeit verlässt Moderatorin Tamara Wernli Telebasel, weil sie sich künftig aufs Schreiben konzentrieren will.

• Die Gemeinde Riehen ist laut der Einschätzung des Gemeinderates "weiterhin kein Hotspot für kriminelle Aktivitäten".

Heidi Mück und Tonja Zürcher bleiben laut Wahl durch die Mitglieder für weitere zwei Jahre Co-Präsidentinnen von "Basta".

• Der frühere Basler Grossrat und FDP-Nationalrat Urs Schweizer tritt per 15. Mai 2018 nach 15 Jahren als Präsident des ACS beider Basel zurück.

• Nach den Kontrollen an der vergangenen Basler Fasnacht bleiben Pferde von Chaisen und Vorreitern weiterhin erlaubt.

• Die 43-jährige Elisabeth Heer Dietrich wurde mit 82 von 84 Stimmen glanzvoll zur neuen Baselbieter Landschreiberin gewählt.

• Die Revitalisierung der unteren Wiese hat sich aufgrund der vielen Hochwasser um den Jahreswechsel so stark verzögert, dass das Basler Tiefbaumt sie nicht rechtzeitig vor der Fischschonzeit abschliessen konnte und bis Ende Mai pausieren muss.

• Die Rechnung 2017 des Kantons Basel-Stadt schliesst mit einem Überschuss von 251 Millionen Franken ab und liegt damit 108 Millionen Franken über dem Budget.