Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

[ 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | (...) | 146 ] >>

Theater Basel, Schauspielhaus

"Das Versprechen"

Friedrich Dürrenmatts «Das Versprechen» (Requiem auf den Kriminalroman) in einer Bearbeitung von Nora Schlocker und Carmen Bach

Regie: Nora Schlocker
Bühne und Kostüme: Marie Roth
Komposition: Marcel Blattli

Licht: Cornelius Hunziker

Dramaturgie: Carmen Bach

Mit Ricarda Becher, Carina Braunschmidt, Steffi Friis, Steffen Höld, Urs Jucker, Ellen Reichen, Irma Seiler, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Simon Zagermann

Mädchen- und Knabenkantorei Basel, Statisterie Theater Basel


Alle Männer sind krank

Der Schmerz als archaisches Grundmotiv, dass wir, was uns am Kostbarsten ist, nicht schützen können, habe sie beim Wiederlesen mehr getroffen als der Kriminalroman an sich, sagt Nora Schlocker im Programmheft. Uns diesen Schmerz frisch fühlbar zu machen, lässt die Regisseurin ab Einlass einen Haufen Kinder auf der Bühne herumtollen. Wir, die wir alle wissen, dass es in Dürrenmatts Roman von 1958 um einen Kindsmord geht, lassen uns die Ohren mit Kieksern, Schreien, Gesängen füllen, sehen die schutzlosen, weissen Ärmchen und fröhlich hüpfenden Körperchen, erleben die ungestüme, ungebremste Lebensenergie.

Und wenn nach einer Abblende die Erwachsenen die Leiche des Gritli Moser umstehen und die Kinder hinter einer Scheibe von weitem den Ermittlern zusehen, so fühlt man zwar sofort, wie nun die Macht der Erwachsenenwelt das Kommando übernommen hat, aber zugleich deren Ohnmacht, dass sie nämlich immer zu spät kommt: dann, wenn es schon passiert ist. Und auch ab da regieren nur persönliche Grenzen. Wachtmeister Henzi, der später in einem Verhör einen verdächtigten Hausierer derart zur Schnecke machen wird, dass dieser sich erhängt, bringt als Ermittler nicht den Mumm auf, das tote Gritli zu betrachten.

Die in betont lässiger Haltung auftretende Kommandantin schwafelt vor der Medienmeute von Beweisen und Rechtsstaatlichkeit, lässt aber das vorschriftswidrige Verhör zu und schliesst den Fall ohne weitere Nachforschungen ab: Der Hausierer war es. Als Kommissär Matthäi auf eigene Faust weiter ermitteln will, legt sie ihre wirklichen Prinzipien offen: das sogenannt "Menschenmögliche", das man getan habe, die hohe "Wahrscheinlichkeit" der Indizienlast. Unter diesen begräbt sie später andere Indizien, die auf den wahren Mörder weisen, als dieser nicht gleich in eine gestellte Falle tappt.

Dass auch Matthäi scheitert, selbst wenn er die richtige Spur verfolgte, zelebrierte Dürrenmatt zynisch als notwendige Inversion plötzlich freigesetzter Kräfte: Der analytisch brillante, humorlose Biedermann, der sich übermütig als quasi-idealistischen Hobby-Profiler über die Beamtenkollegen hinwegsetzt, und sich, weil der Fang misslingt, als Trinker bis zur Verblödung zugrunde richtet. Aber statt von Gefangenen wie Dürrenmatt – sei es die Beamtenträgheit oder Matthäis Getriebenheit - berichtet Schlocker von Handelnden, die vielleicht auch anders könnten.

Sie braucht keinen Kindermörder wie etwa den genialen Gert Fröbe in der Verfilmung 1957 "Es geschah am hellichten Tag". Auf einer Spur sich dauernd fortzeugenden Schmerzes stellt Schlocker die anderen ins meist gleissend weisse Licht, die die Kinder in gewisser Weise auch ohne Rasiermesser verstümmeln. Sie zeigt uns etwa den gedoppelten Übergriff, wie die Mutter die Hand von Matthäi auf den eingesargten Körper des toten Gritli zieht, und der Leiche zuraunt, er habe das Versprechen gehalten und den Mörder gefasst. Sie frappiert uns mit dem Bild, wie Matthäi die kleine Annemarie mit nackten Beinen auf den Schoss nimmt, mit ihr herumalbert, sie küsst – obwohl er sie nur als Köder für den Mörder missbraucht.

Als würde eine Vorahnung hochstossend seinen Redefluss stocken lassen, erklärt Matthäi einer Schulklasse den Mord an Gritli: "Alle Männer sind krank – die so etwas tun." Mit kühlem und noblem Gestus fesselt uns Schlocker 100 Minuten lang mit ihrer Lesart der clever gebauten Spannungsgeschichte, die man schon längst zu kennen glaubt.

Wir bewegen uns jedoch dauernd in einer sinnierenden, dünnen Sphäre. Das Geheimnis der Figuren interessiert nicht mehr, wenn alles, was sie in der Summe tun, eine These formuliert. Selbst bei Matthäi gibt es keinen Entwicklungsbogen. Der starke Einsatz von Sinnbildern, die hörspielartig eingesetzte Tonspur mit Kindergesängen oder Waldgeräuschen, eine quer über die Bühne gezogene Scheibenwand drängen die Geschichte ins distanziert märchenhafte. Die meist direkt aus Dürrenmatts Text übernommenen länglichen Exkurse eignen sich nicht alle gut für die Bühne und wirken im Spiel manchmal etwas wackelig.

Umso plastischer wirkt jedoch der Epilog, wenn die alte Frau Schrott im Pflegeheim in ihren sich wiederholenden Dauermonologen die Mordgeschichte vor einer Krankenpflegerin auflöst. Die grimmige Pointe: Dass Matthäi recht hatte, erfährt also nicht mal ein Ermittlungsbeamter wie bei Dürrenmatt. Die Enthüllung geht völlig ins Leere. Wenn Carina Braunschmidt in einem Wutexzess in breitem Zürich-Deutsch losballert, kriegt der Abend, was ihm sonst fehlt: kernige Direktheit, die über die Rampe kommt.

17. November 2018
 Ihre Meinung zu dieser Kolumne
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade.

© Foto by OnlineReports.ch

Claude.Buehler@gmx.net

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei;
sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)

www.onlinereports.ch
© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigenen Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

 

fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"Steuervoralge 17"

CVP
Communiqué vom
11. Dezember 2018
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Kein gutes Omen, wenn die Vorlage schon zur Alge mutiert ist.

RückSpiegel


Telebasel zitierte zur Einleitung des "Sonntalks" über Prämienverbilligungen aus dem OnlineReports-Kommentar "Anton Lauber muss sozialer werden".

Die NZZ nimmt in ihren Hintergrund-Artikel über "Basel in der Abseitsfalle" auf einen OnlineReports-Leitartikel Bezug.

Eine Kolumne in der Basler Zeitung erinnert daran, dass OnlineReports über die Verlegung der Tram-Haltestelle vom Spalentor in die Spalenvorstadt berichtet hat.

Die Basler Zeitung publiziert aus Anlass des 20-jährigen Bestehens von OnlineReports ein ausführliches Porträt zur Entwicklungsgeschichte.

Prime News führte aus Anlass des 20-jährigen Bestehens von OnlineReports ein ausführliches Interview mit Chefredaktor Peter Knechtli.

In ihrem Bericht über einen hartnäckigen Streit um das Basler Restaurant "Löwenzorn" nimmt die Basler Zeitung auf einen früheren OnlineReports-Bericht Bezug.

Die Nachrichtenagentur SDA erwähnt OnlineReports und seine schwarzen Zahlen seit zwanzig Jahren im Zusammenhang mit der Einstellung der "Tageswoche".

Der Basler Zeitung fiel in einem Leserbrief in OnlineReports auf, dass der frühere Baselbieter Polizeisprecher auf der SVP-Liste für den Landrat kandidiert.

Telebasel, nau.ch und 20 Minuten bezogen sich in ihren Beiträgen über Sachbeschädigungen gegen die Jüdische Genossenschafts-Metzgerei auf OnlineReports.

Im Interview mit Claudia Sigel geht die Basler Zeitung auf eine Aussage der Baselbieter CVP-Präsidentin Brigitte Müller in einem OnlineReports-Interview ein.

In ihrem Bericht über das Ja der Wettbewerbs-Kommission zur Übernahme der "Basler Zeitung" durch Tamedia erwähnt die NZZ auch OnlineReports.

Die BZ Basel, Telebasel und die Basler Zeitung nahmen die OnlineReports-Nachricht vom Tod der FCB-Legende Peter Ramseier auf.

Prime News geht in ihrem Überblick über die Perspektiven des Medienplatzes Basel auch auf OnlineReports ein.

Die Basler Zeitung geht in ihrem Bericht über den "Spagat der CVP-Präsidentin" Brigitte Müller auf ihre Aussagen im OnlineReports-Interview ein.

Die Basler Zeitung, die Basellandschaftliche Zeitung, Prime News und Telebasel zitierten in ihren Berichten zur Baselbieter CVP aus dem OnlineReports-Interview mit Parteipräsidentin Brigitte Müller.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Die Baselbieter Regierung will bei der Staatssteuer den Vergütungszins für das Jahr 2019 bei 0,2 Prozent belassen, ebenso bleibt der Verzugszins bei 6 Prozent.

• Die Bau- und Raumplanungs-Kommission des Basler Grossen Rates spricht sich für den Neubau von Staatsarchiv und Naturhistorischem Museum im St. Johann-Quartier aus.

Matthias Gysin, heute Verwaltungsleiter in der Gemeinde Aesch, wird ab 1. April 2019 neuer Geschäftsführer des "Verbandes Basellandschaftlicher Gemeinden" (VBLG) und Nachfolger von Ueli O. Kräuchi.

• Das Projekt eines Ozeaniums des Basler Zoos hat mit starkem Wellengang zu kämpfen: Das gegnerische Komitee reichte fast 5'000 Referendums-Unterschriften ein, wodurch es zu einer Volksabstimmung kommen wird.

Yvette Harder wird per 18. März 2019 neue Generalsekretärin des Basler Finanzdepartements und damit Nachfolgerin von Alexandra Schilling, die in die Kommandoabteilung der Kantonspolizei wechselte.

• Der frühere Baselbieter SP-Regierungsrat Urs Wüthrich-Pelloli übernahm an der ordentlichen Mitgliederversammlung des Fördervereins Universität Basel von Jean-Luc Nordmann das Präsidium.

• In weniger als sieben Wochen sammelte das parteiunabhängige Komitee "Kein Parkhaus unter dem Tschudi-Park" mehr als 3500 Unterschrift'en für seine Petition.

• Die Baselbieter Regierung beantragt dem Landrat, dem Staatspersonal für das Jahr 2019 einen Teuerungsausgleich von 1,4 Prozent auszurichten.

Elena Hermann wird neue Leiterin der Staatlichen Schlichtungsstelle für Mietstreitigkeiten Basel-Stadt und löst Ernst Jost ab, der per Ende Jahr in Pension gehen wird.

• Das Basler Komitee gegen die kantonale Vorlage zur "Steuervorlage 17", das sich aus linken Parteien und Gewerkschaften rekrutiert, hat 3'300 Unterschriften für das Referendum gesammelt.

Andreas Häner, von 2009 bis 2015 schon Vorstandsmitglied, wird neuer Geschäftsführer des Basler Heimatschutzes und damit Nachfolger von Paul Dilitz, der nach elfjähriger Tätigkeit in den Ruhestand tritt.

Daniel Roth (61) wird im Baselbiet neuer Leiter des Rechtsdienstes von Regierung und Landrat, als Nachfolger von Hans Jakob Speich, der sich vorzeitig pensionieren lässt.

Irene Heinimann wird neue Baselbieter Kantonsapothekerin und folgt als bisherige Stellvertreterin auf Hans-Martin Grünig, der Ende Dezember in Pension geht.

• Vertiefte Kostenkontrollen zum Umbau der Kunsteisbahn Sissach zur geschlossenen Halle zeigen, dass der Bau bis zu zehn Prozent teurer wird als vorgesehen.

• Der Baselbieter alt Landratspräsident Jürg Degen und der Läufelfinger Gemeindepräsident Dieter Forter sind von "Pro Bahn Schweiz" für ihr Engagement zur Erhaltung des "Läufelfingerlis" mit dem Preis "Premio Pro Spez 2018" ausgezeichnet worden.

Steigende Bildungs- und Sozialkosten belasten das Ergebnis der Gemeinde Reinach, so dass für 2019 ein Defizit von 1,67 Millionen Franken budgetiert werden muss.

Olivier Aebi wird per 1. Februar 2019 neuer CEO des Basler Ingenieur- und Planungsunternehmens Gruner AG und Nachfolger von Kurt Rau ab, der die Gruner-Gruppe interimistisch leitet.

• Aufgrund einer umfassenden Kontrolle der Stadtgärtnerei müssen im Kanton Basel-Stadt 229 Bäume zum grössten Teil aus Sicherheitsgründen gefällt und ersetzt werden; die Liste der betroffenen Bäume wird im Kantonsblatt vom 10. Oktober publiziert.

Andrea Schenker-Wicki, die Rektorin der Universität Basel, ist durch den Universitätsrat für weitere vier Jahre bestätigt worden.

• Am 1. Oktober beginnen in Basel die Vorarbeiten für den Bau des unterirdischen Kunstmuseum-Parkings mit der Umlegung unterirdischer Leitungen.