Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

<< [ 1 | (...) | 101 | 102 | 103 | 104 | 105 | 106 | 107 | 108 | 109 | 110 | (...) | 156 ] >>

Theater Basel, Schauspielhaus
Deutschsprachige Erstaufführung

"Waisen"

Autor: Dennis Kelly
Regie: Elias Perrig
Bühne und Kostüme: Wolf Gutjahr
 
Mit Katka Kurze, Florian Müller-Morungen, Peter Schröder


Der blutige Araber

Wer erregendes Theater will, das den Zustand unserer Gesellschaft hinterfragt, der muss sich dieses Stück im Schauspielhaus ansehen. Zwei Stunden lang kann man nur staunen, wie der englische Dramatiker Dennis Kelly anhand eines simplen und abstrusen Vorfalles ganz logisch nachvollziehbar darstellt, wie hinfällig das Wertefundament des linksliberalen Europa geworden ist. Aus dem Staunen kann leicht Übelkeit und Entsetzen werden.
 
Und dies darf man hier in der Live-Direktheit erleben, die das Schauspiel-Theater exklusiv auszeichnet. Denn Regisseur Perrig stellt das Kammerstück, hart, wie es ist, wie eine vibrierende Skulptur in den Raum: Da kommt keiner drum rum. Das kann er nur dank dem hohen darstellerischen Niveau von Kurze, Schröder und vor allem Müller-Morungen: So eine Qualität hat Basel in den letzten Jahren sehr selten gesehen.
 
Zu alledem ist das Stück ein clever gebauter Thriller, der gleich mit der Schrecksekunde einsetzt, als Liam (Müller-Morungen) blutüberströmt in der Stube steht. Das passt nicht. Seine Schwester Helen und ihr Mann Danny sind gerade beim Nachtessen: Weisswein, Basmati-Reis. Die Doppelverdiener haben es zu etwas gebracht. Liam passt da nicht rein. Knallweiss sind Wände und Designerstühle, sie sitzen in Designerkleidern am rosengeschmückten Tisch. Liam hingegen stammelt los von einem Verletzten, der bewusstlos auf der Strasse gelegen habe. Den er in die Arme genommen habe. Dem er habe helfen wollen. Aber auch diese Geschichte passt nicht. Denn zugeschlagen hat in Wahrheit er selber. Und weit schlimmer!
 
Aber bis alles herauskommt, reizt Kelly punktgenau die Sensibilitäten der verbürgerlichten Intellektuellenkaste: Helen und Danny biegen und winden sich in Unsicherheit, der einzige Halt gibt ihnen die political correctness. Statt Liam zu stellen, was denn genau passiert sei, wehrt Helen zunächst mal jede klare Frage von Danny ab. Das klinge zu sehr nach Verhör. Danny kann sich nicht einmal damit durchsetzen, die Sanität für den Verletzten zu verständigen. Liam palavert, getrieben von Unruhe und Unsicherheit, verlogene Nettigkeiten und geisttötende Nichtigkeiten, mit denen er sich als patenten Kerl inszeniert. Statt ihn zu stoppen, lässt ihn Danny mit verzogenem Mund gewähren, ja er biedert sich sogar mit Worten wie "Scheisse" bei ihm an. Und im Streit empfindet Helen auf einmal "Unsicherheit", ob die Beziehung zu Danny überhaupt ihren "Erwartungen" entspreche, und ob sie das Kind in ihrem Bauch nicht abtreiben wolle.
 
Nebenbei enthüllt Liam auch seine Freundschaft zu Ian, den er zwar als "Arschloch" bezeichnet, dessen Sammlung von SS-Pistolen, Snuff-Filmen und Zyklon-B-Behältern ihn aber masslos fasziniert. Klar, Liam ist der innerlich verwahrloste Prolo, aber die beiden anderen haben ihm nichts entgegenzusetzen. Und Helen enthüllt in ihrer Hysterie, sie wolle in eine andere Wohngegend ziehen, wegen "der Leute" und "der Gewalt", auch nichts weniger als panischen Ausländerhass.
 
Aber Kelly legt noch weiter zu: Als klar ist, dass Liam den Araber nicht bloss aus Notwehr geschlagen, sondern angegriffen und sogar gefesselt und schwer gefoltert hatte, wird noch immer nicht die Polizei eingeschaltet. Nein, Helen zwingt Danny dazu, Liams Opfer mit Todesdrohungen mundtot zu machen. Denn jetzt müsse die "Familie zusammenhalten". Und Danny tut es ...
 
Obgleich hier sehr direkt die Schnittstelle zum Nazi in uns intellektuellen Normalbürgern ausgelotet wird, fehlt dem Stück alles Modelhafte oder gar Besserwisserische. Und obwohl Kelly nur naturalistisch Alltagssätze sprechen lässt, gelingt ihm das Kunststück, die unzähligen Worthülsen in den Reden so deutlich herauszustellen und vom Rest abzusetzen, dass die implizite Lüge darin schmerzhaft spürbar wird.
 
Wenn Müller-Morungen als Liam etwa sagt, er habe "geheult wie ein Schlosshund", fühlen wir nur die abgrundtiefe Armseligkeit. Damit das funktioniert, braucht es mehr als spröde Präzision, sondern ein gewisses Übermass in der darstellerischen Ausgestaltung. Perrig und das Ensemble wagten es, alles einen Zacken grösser und sprachlich prägnanter auszuspielen als üblich heutzutage. Und mit grösstem Gewinn! Die Spannung zwischen den Figuren kam so sehr über die Rampe, dass das vollbesetzte Schauspielhaus atemlos dem Geschehen folgte.
 
Gerade Müller-Morungen legt die Abgründe seiner Figur so präzise frei, dass es einem unheimlich wird, weil man solche Sätze in genau diesen Klängen auch schon im Trämli gehört hat. Dabei schafft er es, seinen Liam niemals in eine Karikatur abrutschen zu lassen.

Stück und Aufführung sorgten aber nicht im ganzen Publikum für das am Ende übliche allgemeine Wohlbefinden: Der Applaus wirkte kräftig, aber auch irritiert. Und das ist ja gut so.

23. Oktober 2010
 Ihre Meinung zu dieser Kolumne
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade.

© Foto by OnlineReports.ch

Claude.Buehler@gmx.net

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei;
sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)
fileadmin/templates/pics/echo.gif

"Nichts an diesem Dramas ist 'linksliberal'"

Diese Besprechung von Kellys "Waisen" setzt gelegentlich die Schablone "Entlarvung der Verlogenheit des Bürgertums" an, eine altbewährte Methode beim Abarbeiten von Theater, und updatet dieses Bürgertum zum "linksliberalen".

 

Wie das? Nichts am Szenario dieses Dramas ist "linksliberal", es ist einfach nur modern gutbürgerlich. Tatsächlich werden hier sozialer Aufstieg und familieninternes Machtgefüge sowie Clanbewusstsein thematisiert:

- die Schwester hat's ins Bürgertum geschafft, der gestörte Bruder bleibt in der Unterschicht hängen.

- Danny will "kein Feigling" sein und wagt es daher nicht, die Teilnahme an der Vertuschung und Vollendung der Gewalttat zu verweigern, weil es um die Verteidigung der Familie geht und ihn Helen deswegen unter Druck setzt. Erst als sich herausstellt, dass das Opfer kein Feind der Familie (sondern selber Familienvater) ist, wird der missratene Bruder aus der Sippe verstossen.

(Oder ist es schon "linksliberal" und "politically correct", wenn das "Arabertum" des Opfers als Rechtfertigung für seine Misshandlung nicht ausreicht?)

 

Lauter archaische, allgemein menschliche Probleme. Niemand hier ist besonders "intellektuell".

Gutbürgerliche "Heile Welt" versus brutale gesellschaftliche Realität, ok, aber woher die Annahme, das moderne bürgerliche Europa sei zwangsläufig "linksliberal"? Das erinnert ein bisschen an das gängige "linksliberale Intellektuellen"-Bashing, welches ja unterstellt, dass die "Linksliberalen" seit Jahrzehnten angeblich die öffentliche Meinung monopolisieren, während diese in Wirklichkeit während derselben Zeit kontinuierlich nach rechts gedriftet ist und mittlerweile eine beispiellose Konzentration von Medienmacht in der sogenannten "Mitte" und in rechtsbürgerlicher Hand stattfindet.


Martin Werner, Basel


www.onlinereports.ch
© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigenen Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

 

fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"Vier- bis fünfgeschossige Wohnungen für rund 1'200 Menschen und rund 400 Arbeitsplätze sollen entstehen."

Basler Zeitung
vom 23. Oktober 2019
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Einzige Voraussetzung: Die 1'200 Menschen müssen stehend schlafen können.

RückSpiegel


Telebasel, die BZ und die Badische Zeitung nahmen die OnlineReports-News über die technisch bedingte Umkehr einer "Austrian Airlines"-Maschine nach Wien auf

Die Basler Zeitung und die BZ nahmen die OnlineReports-Nachricht zum Tod des Konjunkturforschers Christoph Koellreuter auf.

20 minuten online, Blick, nau.ch, das SRF-Regionaljournal und Telebasel nahmen den OnlineReports-Primeur über den Unfalltod des Basler Umweltschützers Martin Vosseler auf.

nau.ch schrieb die OnlineReports-Recherche über den FDP-Wahlversand an Basler Neu- und Jungwähler zu einem eigenen Artikel um und verwertete auch die OnlineReports-Illustration dazu.

In der Besprechung des Films "Bruno Manser – Stimme des Regenwalds" nahm die BZ auf eine OnlineReports-Recherche Bezug.

Die BZ nahm den OnlineReports-Primeur über eine Rückzahlung der wegen Veruntreuung angeklagten ex-Kassierin der katholischen Kirchgemeinde Grellingen auf.

Die Basler Zeitung greift in ihrem Bericht über die E-Trottinett-Anarchie auf ein OnlineReports-Interview zurück.

In ihrem Bericht über die Hühnerhaltung auf einem Basler Mehrfamiienhaus nimmt die BZ Bezug auf eine frühere Recherche von OnlineReports.

Die BZ bezog sich in ihrer Recherche über die Abgänge von Kaderärzten am Kantonsspital Baselland auf einen Bericht in OnlineReports.

Die BZ berief sich in einem Bericht über die Massenkündigungen am Schorenweg auf eine OnlineReports-News.

Die Schweiz am Wochenende und die Basler Zeitung haben die OnlineReports-News über den Bombenalarm am EuroAirport aufgenommen.

Das SRF-Regionaljournal, Telebasel, die Schweiz am Wochenende und Prime News haben den OnlineReports-Primeur über die Schliessung des Basler Kinos "Rex" nachgezogen.

In ihrem Bericht über den Gelterkinder Antennenposter-Streit bezog sich die Basler Zeitung auf OnlineReports.

Die BZ nahm die OnlineReports-News über den Rücktritt der Basler Unispital-Verwaltungsrätin Irmtraut Gürkan aus dem Vorstand des Universitäts-Klinikums Heidelberg auf.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


Der 19-jährige Geografie- und Geschichtsstudent Nino Russano wird als Nachfolger von Nicolas Eichenberger neuer Präsident der Juso Basel-Stadt.

Der Basler Bürgerrat hat eine spürbare Senkung der Einbürgerungsgebühren beschlossen, von der sowohl ausländische als auch Schweizer Bewerbende profitieren.

Die Verlängerung der BVB-Tramlinie 3 nach Saint-Louis kostete rund 84 statt 93,7 Millionen Franken und ist somit um fast zehn Millionen Franken günstiger als geplant.

Die Baselbieter Regierung beantragt dem Landrat, dem Staatspersonal per 1. Januar 2020 einen Teuerungsausgleich von 0,5 Prozent auszurichten.

Die Forscherin Michaela Kneissel nimmt anstelle des Ende Jahr ausscheidenden Ulrich Vischer Einsitz im Universitätsrat der Universität Basel.

Nach dem Rücktritt der neuen Basler Regierungsrätin Tanja Soland aus dem Grossen Rat rückt die ehemalige Juso-Präsidentin Jessica Brandenburger ab 1. Dezember ins Parlament nach.

Die ausserordentliche Mitgliederversammlung des Jungen Grünen Bündnisses Nordwest vom 3. November 2019 wählte als Nachfolger von Dominik Beeler Simon Fankhauser in das Co-Präsidium.

Zu sieben Fällen von Sachbeschädigungen an Autos kam es in der Nacht von Freitag auf Samstag, 2. November, in der Umgebung der Tramhaltestelle "Vogesenstrasse" in Reinach.

Der Gemeinderat von Riehen erwartet für die Planperiode 2020 bis 2023 jährliche Defizite von 1,3 bis 2,5 Millionen Franken.

Susanne Wäfler-Müller (42) wird ab dem 1. Mai 2020 die Führung der Kantonsbibliothek Baselland übernehmen und auf Gerhard Matter folgen, der im Frühjahr in den Ruhestand gehen wird.

Zu Beginn des Schuljahrs 2021/22 wird Informatik als obligatorisches Fach in allen Baselbieter Gymnasien eingeführt.

Die SP Baselland empfahl an ihrer Delegiertenversammlung vom 22. Oktober, im zweiten Ständerats-Wahlgang die grüne Maya Graf zu wählen.

Die Grünen Liestal und Umgebung haben Marie-Theres Beeler an der Mitgliederversammlung vom 22. Oktober für die Legislatur 2020-2024 für den Stadtrat nominiert.

Am 9. August 2019 hat Eva Meuli dem Landrat ihren Rücktritt als Präsidentin der Abteilung Sozialversicherungs-Recht des Kantonsgerichts Basel-Landschaft per 31. März 2020 erklärt.

Am 14. Oktober, lediglich drei Wochen nach Ausschreibung der Publikumsöffnung der ADEV Ökowärme AG, waren alle 3000 neu ausgegebenen Namenaktien gezeichnet.

Die Universität Basel richtet am 1. Februar 2020 mit dem Biologen Carsten Gründemann eine Stiftungsprofessur für translationale Komplementärmedizin ein.

Wechsel in der Geschäftsführung der Suchthilfe Region Basel: Barbara Held übernimmt die Leitung per Januar 2020, nachdem Walter Meury – ein Pionier in der Suchtarbeit – Ende Jahr in den Ruhestand geht.

Der Basler Regierungsrat Hans-Peter Wessels, Riehens Gemeindepräsident Hansjörg Wilde und Gemeinderat Daniel Hettich haben die erneuerte Lörracherstrasse in Riehen feierlich eingeweiht.

Veronica Schaller
, frühere Basler Sanitätsdirektorin und zuletzt Kulturbeauftragte der Stadt Bern, wurde zur neuen Präsidentin von "Curaviva Basel-Stadt", dem Verband der Basler Alterspflegeheime, gewählt.

Designierte Verwaltungsratspräsidentin der Schweizerischen Rheinhäfen ist Martina Gmür, Petra Mösching wird Mitglied des Verwaltungsrats.

Der Verein Region Oberbaselbiet wählte den aus dem Fricktal stammenden Gerry Thönen, der die Oberbaselbieter Gemeinden bis zur Gründung des Regionalvereins betreute, zum Geschäftsführer.

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 70-Jahr Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel organisiert die Schweizer Botschaft in Israel im September diverse Anlässe mit Bezug zu Basel.

Die Parteileitung des CVP-Wahlkreises Liestal hat einstimmig beschlossen, Elisabeth Augstburger für die Ständeratswahlen vom 20. Oktober zu unterstützen.

Schweizerische Rheinhäfen: Benedikt Weibel hat seinen Rücktritt als Verwaltungsrats-Präsident per 31. Dezember 2019 bekannt gegeben; Martin Dätwyler, Direktor der Handelskammer beider Basel, trat per 30. Juni zurück.