Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

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Theater Basel, Kleine Bühne
Schweizer Erstaufführung

"Heuschrecken"

Autorin: Biljana Srbljanović
Inszenierung: Miloš Lolić
Bühne: Hyun Chu
Kostüme: Jelena Miletić
Dramaturgie: Almut Wagner
Komposition: Nevena Glušica
Licht: HeidVoegelinLights

Mit Pia Händler, Urs Peter Halter, Barbara Horvath, Katja Jung, Nicola Kirsch, Vincent Leittersdorf, Thomas Reisinger, Lisa Stiegler, Thomas Schweiberer, Michael Wächter


Sohn setzt Vater aus

Es ist furchtbar eng auf der Kleinen Bühne. Eine schwarze Stahlwand begrenzt die Spielfläche zu einem schmalen Streifen, und der ist von brusthohen Quadern durchbrochen, in die allerlei Spielutensilien gepfercht sind. Unter Ächzen und Stöhnen zwängt sich das Ensemble dicht aneinander gedrängt in die Spielkostüme, die Figur, gesellschaftliche Position und Generationenzugehörigkeit verleihen werden. Soviel schon jetzt: Das Ensemble macht die Aufführung sehenswert.

Wenn die Jungen und Alten bald in intimen Duos und Trios um Liebe, Zuwendung oder gesellschaftliche Positionen kämpfen, macht Regisseur Miloš Lolić ausgiebig von einem Kniff Rainer Werner Fassbinders Gebrauch: Immer hören alle zu, oft aus unmittelbarer Nähe, gelegentlich mit verächtlichem Grinsen. Es ist der Kunstgriff von Bühne (Hyun Chu) und Regie zum Paradox, in der Enge die Einsamkeit, in physischer Nähe die Kälte, im Aufeinanderhocken die Trennlinien in der kapitalistischen Hackordnung erkennbar machen zu wollen.

Die erwähnte Stahlwand symbolisiert eine Gesellschaft mit tabuisierter Kriegsvergangenheit. Und die serbische Autorin Biljana Srbljanović zeigt: Diese Vergangenheit dringt in ihrer Heimat mit einem brutalisierten Umgang im Mittelstand durch, in der nun westlich-kapitalistische, moderne Lebensformen die alte Welt ablösen. Sohn Fredi setzt seinen pflegebedürftigen Vater irgendwo auf dem Land aus, denn der hatte ja eh sein Schwulsein nicht akzeptiert. TV-Star Maks siezt seine Liebhaberin Nadezda, denn die ist ja nur Maskenbildnerin. Die Ärztin Zana wirft ihre Mutter aus der Wohnung; diese hatte sich, man kann es rücksichtslos finden, unangemeldet bei ihrer Tochter einquartiert.

Der serbische Regisseur gibt sich bei seiner ersten Schweizer Inszenierung Mühe, die tragikkomischen Szenen, deren (zuweilen derben) Humor wir hier am Ehesten noch von den Filmen Emir Kusturicas kennen, möglichst allgemeingültig darzustellen. Soweit es die Generationenkonflikte, die schiefen Liebesannäherungen betrifft, geht das Konzept auf. Gerade die Mutter-Tochter-Szene gelingt besonders eindringlich.

Aber insgesamt blickt man auf eine Welt, deren Hintergründe sich im Interview mit der Autorin (Programmheft) nachlesen oder aus den anspielungsreichen Dialogen erschliessen lassen, für die uns aber die Reflexe einer erlebten Geschichte fehlen. Vielleicht wurde das Stück von 2005 auch deshalb nicht früher in der Schweiz aufgeführt.

Die Serben leben eben noch heute mit den Realitäten von Polizeimännern wie Milan, die im "Süden" waren und dann "pensioniert" wurden: Das heisst, sie haben dort Kriegsverbrechen begangen. Oder dass der alte Herr Simic keine Stellung mehr auf der Universität bekommt: Weil er zum falschen Zeitpunkt Kommunist war. Dass ihm das gleichaltrige Akademiemitglied Ignjatovic nicht hilft: Weil er eben zum richtigen Zeitpunkt Kommunist war und seine eigene unsaubere Geschichte lieber ruhen lassen möchte.

Solche Zusammenhänge lassen sich auch deshalb nicht in der Tiefe mitfühlen, weil den Szenen auf ihre Kerninhalte eingekürzt die leiseren Zwischentöne fehlen und das Bühnenbild  für intime, ungestörte Atmosphäre zu wenig Platz bietet. Besonders bitter wird das bei der Szene fühlbar, in der Simic eben Ignjatovic um Unterstützung bittet, und der sich lieber mit seiner Enkelin Alegra abgibt: ein Demütigungsakt zwischen zwei einstigen Freunden. Aber aus der subtilen Szene wird hier ein Stück Klamauk.

Srbljanovićs Regieanweisungen betonen verborgene Seiten beim Personal, die nun in der Betriebsamkeit wenig Chancen haben. Das ist bedauerlich, die Leute verlieren ihr tragisches Potential. Das wäre notwendig, denn wer das Stück liest, muss sagen: Es ist kälter, härter, abgründiger, letztlich ernster gedacht. Unverkennbar wollte uns die Autorin mit Realitäten konfrontieren, politischen und psychologischen. Die Regie spielt von Beginn weg Komödie, wattiert so die Realitäten aus.

Regie und Dramaturgie stellen eher ein gesellschaftliches Panorama als psychologisch ausgeformte Figuren hin und besetzten diese bis auf eine Ausnahme ohne Rücksicht auf das Alter. Diese Ausnahme bildet Fredis und Dadas Vater: Wenn Fredi ihn am Ende abduscht, wird der zerbrechliche, entblösste Alte zur Ikone eines gedemütigten Schmerzensmannes, der vielleicht weniger wegen Demenz, sondern wegen der verhärteten Gesellschaft verstummte.

Die Kostüme dienen nicht als Illusionshilfe, sondern sollen nur Funktion und Alter kenntlich machen; die Schauspieler (Frauen mitgemeint) spielen sich (weitgehend) selbst, als sich selbst in die dramatische Lage eingefügt. Aber das vollführen sie (fast alle) glänzend, über Strecken virtuos, dass die Aufführung trotz aller Einwände zur Regie zu einem Erlebnis wird.

Erwähnt seien Thomas Reisinger als TV-Star Maks, der seine angstgetriebene Karriere-Geilheit charmant einzubetten weiss. Katja Jung als zehnjährige Alegra: eine infantile Tyrannin und doch Opfer. Pia Händler als medial begabte Maskenbildnerin Nadezda: Die Gutmütigkeit hilft ihr, nicht zum Opfer zu werden. Thomas Schweiberer lässt als intriganter Sohn Mitgefühl durchblicken. Vincent Leittersdorf als Milan: ein stumpf blickender Ausgestossener in Bomberjacke. Schliesslich Nicola Kirsch: viel zu intelligent für die Wetteransagerin Dada, einnehmend mit ihrer spielerischen Agilität.

23. April 2016
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Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade.

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Claude.Buehler@gmx.net

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"Im abdenbdlichen Feierabendstau nutz manch ein Autofahrer die gesperrte rechte Spur in Fahrtrichtung Basel ...".

BaZ online
vom 2. Februar 2017
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... weil er mit der deutschsprachigen Tastatur nicht zurecht kam.

RückSpiegel


Das Medienportal persoenlich.com zog die OnlineReports-Meldung über die Kündigung des BaZ-Abos durch den ehemaligen BaZ-Verleger Matthias Hagemann nach.

Die Nachricht über den Abbruch der Gelterkinder Rahmtäfeli-Fabrik wurde von der Volksstimme aufgenommen.

Die Sissacher Volksstimme, die Basler Zeitung und 20 Minuten nahmen die OnlineReports-News über den Bolzenschuss im Gelterkinder Ortskern auf.

Die Basellandschaftliche Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht über den erneuten Parteiwechsel von Grossrat Michel Rusterholtz auf.

Die Basellandschaftliche Zeitung griff die OnlineReports-News über den Sammelerfolg des Referendums gegen Alkohol in Jugendzentren auf.

Die OnlineReports-Story über Andrea Strahm und die Präsidiums-Suche der Basler CVP nahmen das SRF-Regionaljournal, die TagesWoche, die Basler Zeitung und die BZ Basel auf.

Das SRF-Regionaljournal, die Basler Zeitung und die BZ online nahmen die OnlineReports-News über den Austritt Daniel Goepferts aus dem Basler Grossen Rat auf.

In ihrem Kommentar über "Die Arroganz der Basler Regierung" (Schlagzeile) nahm die Basler Zeitung Bezug auf eine Schilderung in OnlineReports.

SRF online bezog sich in ihrem Bericht über den ASE-Prozess auf OnlineReports.

Für ihre Sendungen "10vor10" und "Schweiz aktuell" holte das Schweizer Fernsehen Statements bei OnlineReports ein.

Die BZ Basel und 20 Minuten online bezogen sich in ihren Artikel über die Basler CVP-Präsidentin Adrea Strahm auf ihre Kolumnen in OnlineReports.

Die Basellandschaftliche Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht über Platzprobleme des neuen BVB-"Flexity"-Trams am Basler Aeschenplatz auf.

In seinem Bericht über den Anlage-Skandal der ASE Investment ging die Sendung "10vor10" des Schweizer Fernsehens auf die Rolle von OnlineReports bei der Enthüllung des Schwndels ein.

In seinem Bericht über das von Handwerker-Autos besetzte Trottoir in der Basler Centralbahnstrasse nahm das SRF-Regionaljournal auf einen früheren OnlineReports-Artikel Bezug.

Die Basler Zeitung, die BZ Basel, das SRF-Regionaljournal, 20 Minuten online und die SDA nahmen den OnlineReports-Bericht über die Verurteilung des Rappers Ensy auf.

Die Volksstimme beschrieb, wie Peter Knechtli vor 30 Jahren die Brand-Katastrophe von Schweizerhalle erlebte.

Die NZZ zitierte aus dem OnlineReports-Kommentar zu den Basler Regierungsrats-Wahlen.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Der 44-jährige Chemiker Alexander Schocker wird neuer Leiter Forensik bei der Polizei Basel-Landschaft als Nachfolge von Markus Looser an, der letzten Herbst zur Kriminalpolizei Basel-Stadt wechselte.

• Die Oberwiler Bevölkerung hat in einer Referendums-Abstimmung den Beschluss über den Kredit für die Planung Eisweiherplus mit 1'072 Ja zu 2'820 Nein aufgehoben und damit die Planung beendet.

• Der Baselbieter Landrat hat einen Kredit von 14 Millionen Franken zum Bau der Tramlinie Margarethenstich bewilligt.

• Das Referendum gegen die unbegrenzte Alkohol-Abgabemöglichkeit in baselstädtischen Jugendzentren wurde mit 4’600 Unterschriften eingereicht.

• Der 53-jährige Patrick Dill wird ab 1. April neuer Leiter der Gemeindeverwaltung Allschwil.

• Der Kanton Baselland beteiligt sich an der "Berufsschau 2017" in Pratteln mit einem finanziellen Beitrag aus den Mitteln des Wirtschaftsförderungs-Fonds in der Höhe von 900'000 Franken (bisher 950'000 Franken).

• Der Basler "Mittelstand" hat seit Anfang dieses Jahres mit Remo Ley, der Paul Rüst ablöst, einen neuen Präsidenten.

• Mit 7,3 Millionen Passagieren verzeichnete der EuroAirport im Jahr 2016 mit einer Zunahme von knapp vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr einen neuen Rekord.

• Nach dem Rücktritt von Elisabeth Ackermann als Co-Präsidentin der Basler Grünen als Folge ihrer Wahl in die Kantonsregierung führen interimistisch Harald Friedl und Barbara Wegmann die Partei.

Tobias Brenk ist als Nachfolger der abtretenden "Kaserne"-Chefin Carena Schlewitt neuer künstlerischer Leiter des Theaterfestival Basel.

Gerhard Schafroth, Gründungsmitglied und Gründungspräsident der Baselbieter Grünliberalen, tritt nach fast zehn Jahren aus dem Parteivorstand zurück und überlässt seinen Posten dem 26-jährigen Frenkendörfer Wirtschaftsstudenten Patrick Wolfgang.

• Die Augenkliniken des Kantonsspitals Baselland und des Universitätsspitals Basel arbeiten künftig so eng zusammen, dass sie ihre Angebote miteinander abstimmen und medizinisches Personal austauschen.

• In Liestal werden die Gasstrasse (Abschnitt Rheinstrasse bis Weierweg), der Weierweg und die Rosenstrasse vom Gemeinde- ins Kantonsstrassennetz integriert und umgebaut werden.

Beat Lüthy (54), dreifacher Vater aus Sissach, wird neuer Leiter des Baselbieter Amts für Volksschulen.

• Der ACS beider Basel will gegen die Einführung von "Tempo 30" auf Basler Hauptverkehrsachsen weiter zu kämpfen und den Fall am Beispiel der Sevogelstrasse vor Bundesgericht bringen.

• Mit dem Ziel, dass Basler Jugendzentren alkoholfrei bleiben, hat ein Komitee aus gesundheits- und jugendschutzorientierten Kreisen das Referendum gegen das revidierte Gastgewerbegesetz ergriffen.

• Im Rahmen ihrer Aktion "Noël" hat die Basler Kantonspolizei 36 Langfinger verhaftet.

• Zur Unternehmenssteuer-Reform III haben die Basler SP-Delegierten mit 84 zu 47 Stimmen bei 3 Enthaltungen die Nein-Parole beschlossen.

• In zwei von 27 Enkelbetrugs-Fällen konnten Gangster im Baselbiet gesamthaft 16'000 Franken ergaunern.

• Entgegen der ursprünglichen Absicht bleibt der Polizeiposten Waldenburg aus "regionalpolitischen Gründen" bis auf Weiteres bestehen, wie die Baselbieter Regierung schreibt.

• Die beiden Basler Parteien CVP und EVP führen ihre seit vier Jahren bestehende Fraktionsgemeinschaft im Grossen Rat weiter.

Leila Straumann, die Leiterin der baselstädtischen Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern, übernimmt ab 1. Dezember 2017 das Präsidium der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG).

• Die Stimmberechtigten von Sissach haben sich mit 1‘583 Ja- gegen 985 Nein-Stimmen für den Ausbau der Kunsteisbahn zur geschlossenen Eishalle ausgesprochen.