Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

<< [ 1 | (...) | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30 | (...) | 158 ] >>

Theater Basel, Schauspielhaus

"Mary Page Marlowe"

Schauspiel von Tracy Letts

Regie: Joe Hill-Gibins
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Astrid Klein
Licht: Cornelius Hunziker
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer

Mit Inga Eickemeier, Franziska Hackl, Mareike Hein, Steffen Höld, Martin Hug, Katja Jung, Irene Kugler, Nicola Mastroberardino, Connor Noeken, Lisa Stiegler, Moyra Studach, Leonie Merlin Young


Die Fülle eines Frauenlebens

Nein, wer den Namen Mary Page Marlowe googelt, wird keine historische Persönlichkeit finden. Höchstens die vielen Bühnen, auf denen das Stück von 2016 mittlerweile gegeben wird. Dabei erzählt uns der Dramatiker Tracy Letts die Geschichte irgendeiner Frau aus dem amerikanischen "middle of nowhere": Drei Ehemänner, zwei Kinder, diverse Liebhaber, Jobverluste, Gefängnisaufenthalt, viel Alkohol, dauerverkrachtes Elternhaus. Who cares? Dem Therapeuten sagt sie: "Für nichts davon habe ich mich entschieden. Das ist mir alles passiert, und ich hab's mitgemacht." Darin liegt das Drama.

Schmerzhaft wäre die Aussage, wenn sie Erkenntnis würde. Das ermöglichte vielleicht einen Aufbruch. Hier ist es unheimlicher: Mary will gar nicht fühlen, was sie über sich selbst sagt; sie will bloss den Therapeuten zynisch wegstrampeln, der nicht lockerlässt. Wie im Tennisfinale fliegen die Dialogbälle dack-dack-dack zwischen Franziska Hackl und Steffen Höld hin und her, bis er sie fragt, was sie denn tun würde, wenn sie in ihrem Leben das Sagen hätte. Gefühlte Minuten lang herrscht angespannte Stille im Basler Schauspielhaus.

Ein versiert gesetzter Ruhepunkt der Selbstoffenbarung. Mary ist mit 36 Jahren in der Lebensmitte, wir in der Hälfte der eineinhalbstündigen Vorstellung. Wir haben zu dem Zeitpunkt schon vergangene, aber auch vorausgeworfene Krisen und Zusammenbrüche erlebt. Denn Letts stellt Marys Frauenschicksal in elf schroff voneinander getrennten Szenen, in wild durcheinander gebrachter Zeitabfolge hin.

Vor neun Jahren lachte das Publikum am selben Ort im Minutentakt über die giftigen Pointen in Letts’ Soap-Komödie "Eine Familie", mit der er den Pulitzerpreis gewann. Geblieben davon ist seine hochklassige Dialogführung, der schmerzhafte Pointenwitz, der präzis entwickelte Szenenaufbau, der einen vom ersten Satz an fesselt.

Aber wenn er auch hier an naturalistischen Settings, an "natürlichen" Personen, festhält, so stellt er die Eindeutigkeiten seiner dramatischen Behauptungen selber tiefgreifend in Frage. Was passiert genau mit Mary in den Zwischenräumen der vorgestellten Szenen? Oft das Entscheidende. Wir erfahren davon nur in Dialogsätzen. Wer ist denn diese Mary Page Marlowe? Wer am ehesten von den fünf Darstellerinnen in den verschiedenen Lebensaltern mit den unterschiedlichen Temperamenten? So ist Mary Page Marlowe wohl beides, Figur und Vertreterin der in den vierziger Jahren geborenen Mittelstandsfrauen.

Für wie tragisch kann eine Titelfigur gelten, respektive auf der Bühne bestehen, die weder als Heldin überzeugt, noch pointiert als Anti-Heldin reizt? Mary spricht selber davon, dass sie nur in Rollen existiert hätte, als Mutter, als Tochter; ja selbst bei ihrem Liebhaber, dem sie nichts hätte vormachen müssen, hätte sie geschauspielert. Darin ist sie tragisch, weil sie die patriachalen Strukturen weder zu erkennen noch zu durchbrechen vermag. Und weil sie sich als "Durchschnitt" bezeichnet.

Letts hat ein hochaktuelles Stück geschrieben. Das Bedeutende im eigenen Leben muss – spätestens heute – anders erkannt und hergestellt werden als durch öffentliche Geltung und Bewertung. Bei Letts heisst das hier für die Bühne: Lebensmomente wiedergeben, egal ob es sich um eine bedeutende Person oder ein besonders dramatisches Schicksal handelt.

Der Autor vermittelt von dem Bedeutenden eine Ahnung, wenn Mary gelegentlich bei sich selber anzukommen scheint. Etwa wenn sie wie innerlich wund (Katja Jung) ihren Kindern die Scheidung erklärt. Wenn sie als fast 60-Jährige (Irene Kugler) dem jungen Reinigungsangestellten Ben von ihrem aus verschiedenen Flicken zusammen genähten Quilt erzählt und dabei halbbewusst eine Neugierde auf das eigene Leben aufscheint. Oder wenn sie in gelassener Resignation mit der Krankenschwester über ihren baldigen Tod spricht (auch Kugler). Dabei ist nicht die Resignation das Entscheidende, sondern die Fülle des eigenen Lebens, das ihr (fast) zu Bewusstsein kommt.

Die verstreuten Szenen versetzt Regisseur Joe Hill-Gibins quasi wie in ein Bild: im Vordergrund die spielaktiven Figuren, im Hintergrund alle anderen, die zusehen, in Anspannung vor der nächsten Szene verharren oder still umhergehen. Alles ist permanent vorhanden: Gegenwart oder Erinnerung oder Ansätze des Zukünftigen. Mit der grossen, kargen Bühne (Johannes Schütz) kamen sprechtechnisch nicht alle Ensemblemitglieder gleich gut zu recht. Berührend und plastisch wirkten Katja Jung, Franziska Hackl, Nicola Mastroberardino, Martin Hug, Steffen Höld, Inga Eickemeier und die Wienerin Irene Kugler, die man hoffentlich in weiteren Produktionen in Basel sehen wird.

18. März 2018
 Ihre Meinung zu dieser Kolumne
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade.

© Foto by OnlineReports.ch

Claude.Buehler@gmx.net

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei;
sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)
fileadmin/templates/pics/echo.gif

"Schliesse mich an"

Ich schliesse mich Walter von Wartburgs "Würdigung" dieser Kritik vorbehaltlos und mit Gusto an.


Niggi Ullrich, Arlesheim



"Ein Genuss"

Mit grösstem Vergnügen habe ich die gekonnte und einfühlsame Schauspielkritik von Herrn Bühler gelesen. Ein Genuss.


Walter P. von Wartburg, Basel


www.onlinereports.ch
© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigenen Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

 

fileadmin/templates/pics/gelesen.gif
"2020 wird ein ruhigeres Baustellenjahr"

Bau- und Verkehrsdepartement Basel-Stadt
Titel einer Medienmitteilung
vom 10. Januar 2020
fileadmin/templates/pics/gelesen.gif

Ist ja schliesslich Wahljahr.

Frisch pubertiert

Jahresrückblick? Nein, danke.
RückSpiegel


In ihrem Bericht über die Bereitschaft zur Regierungskandidatur von Beatriz Greuter zitierte die Basler Zeitung aus OnlineReports.

Die BZ online bezog sich in ihrem Bericht über den Tod des Baselbieter Lehrerverbands-Geschäftsführers Michael Weiss auf OnlineReports.

Die Volksstimme zitierte in ihrem Bericht über den Konkurs von "Die Medienmacher" aus OnlineReports.

Telebasel bezog sich im Bericht über den Widerstand gegen die Basler IBA-Rheinterrassen auf einen Bericht von OnlineReports.

Die Basler Zeitung nimmt in ihrem Bericht über den Neujahrs-Empfang der Handelskammer beider Basel auf OnlineReports Bezug.

Die BZ schrieb in derselben Ausgabe zwei OnlineReports-Meldungen ab, ohne die Quelle zu deklarieren. Wiederholungstat!

In ihrem Bericht über Verkehrsprobleme am Aeschenplatz zitierte die Basler Zeitung aus OnlineReports.

Die OnlineReports-Nachricht vom Tod des ersten Baselbieter Kantonsgerichtspräsidenten Peter Meier wurde von der BZ, Telebasel, der Basler Zeitung und vom SRF-Regionaljournal nachgezogen.

Telebasel, die BZ und die Badische Zeitung nahmen die OnlineReports-News über die technisch bedingte Umkehr einer "Austrian Airlines"-Maschine nach Wien auf

Die Basler Zeitung und die BZ nahmen die OnlineReports-Nachricht zum Tod des Konjunkturforschers Christoph Koellreuter auf.

20 minuten online, Blick, nau.ch, das SRF-Regionaljournal und Telebasel nahmen den OnlineReports-Primeur über den Unfalltod des Basler Umweltschützers Martin Vosseler auf.

nau.ch schrieb die OnlineReports-Recherche über den FDP-Wahlversand an Basler Neu- und Jungwähler zu einem eigenen Artikel um und verwertete auch die OnlineReports-Illustration dazu.

In der Besprechung des Films "Bruno Manser – Stimme des Regenwalds" nahm die BZ auf eine OnlineReports-Recherche Bezug.

Die BZ nahm den OnlineReports-Primeur über eine Rückzahlung der wegen Veruntreuung angeklagten ex-Kassierin der katholischen Kirchgemeinde Grellingen auf.

Die Basler Zeitung greift in ihrem Bericht über die E-Trottinett-Anarchie auf ein OnlineReports-Interview zurück.

In ihrem Bericht über die Hühnerhaltung auf einem Basler Mehrfamiienhaus nimmt die BZ Bezug auf eine frühere Recherche von OnlineReports.

Die BZ bezog sich in ihrer Recherche über die Abgänge von Kaderärzten am Kantonsspital Baselland auf einen Bericht in OnlineReports.

Die BZ berief sich in einem Bericht über die Massenkündigungen am Schorenweg auf eine OnlineReports-News.

Die Schweiz am Wochenende und die Basler Zeitung haben die OnlineReports-News über den Bombenalarm am EuroAirport aufgenommen.

Das SRF-Regionaljournal, Telebasel, die Schweiz am Wochenende und Prime News haben den OnlineReports-Primeur über die Schliessung des Basler Kinos "Rex" nachgezogen.

In ihrem Bericht über den Gelterkinder Antennenposter-Streit bezog sich die Basler Zeitung auf OnlineReports.

Die BZ nahm die OnlineReports-News über den Rücktritt der Basler Unispital-Verwaltungsrätin Irmtraut Gürkan aus dem Vorstand des Universitäts-Klinikums Heidelberg auf.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


Die Gemeinde Riehen spendet 10'000 Franken zugunsten eines Nothilfe-Projekts des Roten Kreuzes für Geflüchtete in Bosnien-Herzegowina.

Ein überparteiliches Komitee hat am 15. Januar bei der Basler Staatskanzlei die Unterschriften für die Initiative "für erschwingliche Parkgebühren" eingereicht.

Urs Bucher wird am 1. August 2020 die Leitung der Volksschulen Basel-Stadt übernehmen und damit die Nachfolge von Dieter Baur antreten, der zum Ende des Schuljahres in Pension geht.

Die 53-jährige Juristin Blanche Gilli ist seit Anfang 2020 neue Präsidentin des Vereins gemeinsame Opferhilfe beider Basel.

Der FC Basel leiht seinen 21-jährigen Innenverteidiger Yves Kaiser bis zum Ende der Saison 2019/2020 an den FC Schaffhausen aus der Challenge League aus.

Knut Schmidtke, Marc Schärer und Lucius Tamm werden per 1. April 2020 die Leitung des in Frick domizilierten Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL von Urs Niggli übernehmen.

Die Baselbieter Grünen reichten am 12. Dezember ihre mit rund 1700 Unterschriften versehene Klimaschutz-Initiative ein, die das Ziel des Pariser Abkommens gesetzlich verankern will.

Die Basler SP-Bürgergemeinderätin Canan Özden tritt auf Anfang 2020 die Nachfolge der zurücktretenden Gabriella Matefi (SP) als Basler Bürgerrätin (Exekutive der Bürgergemeinde) an.

Das Theater Basel konnte im Jahr 2018/2019 die Anzahl der Besuchenden zum vierten Mal in Folge auf 183'705 Personen (+1,6 Prozent) erhöhen, während jedoch die Besucher-Einnahmen um 1,7 Prozent sanken.

Die neue grüne Baselbieter Landrätin Laura Grazioli übernimmt von der frisch gewählten Nationalrätin Florence Brenzikofer das freiwerdende Präsidium der Finanzkommission.

Paola Gallo, die ehemalige Geschäftsleiterin von "Surprise", übernimmt per 1. Oktober 2019 die Geschäftsführung der Job Factory Basel AG und der Stiftung Job Training.

Der 19-jährige Geografie- und Geschichtsstudent Nino Russano wird als Nachfolger von Nicolas Eichenberger neuer Präsident der Juso Basel-Stadt.

Der Basler Bürgerrat hat eine spürbare Senkung der Einbürgerungsgebühren beschlossen, von der sowohl ausländische als auch Schweizer Bewerbende profitieren.

Die Verlängerung der BVB-Tramlinie 3 nach Saint-Louis kostete rund 84 statt 93,7 Millionen Franken und ist somit um fast zehn Millionen Franken günstiger als geplant.

Die Baselbieter Regierung beantragt dem Landrat, dem Staatspersonal per 1. Januar 2020 einen Teuerungsausgleich von 0,5 Prozent auszurichten.

Die Forscherin Michaela Kneissel nimmt anstelle des Ende Jahr ausscheidenden Ulrich Vischer Einsitz im Universitätsrat der Universität Basel.

Nach dem Rücktritt der neuen Basler Regierungsrätin Tanja Soland aus dem Grossen Rat rückt die ehemalige Juso-Präsidentin Jessica Brandenburger ab 1. Dezember ins Parlament nach.

Die ausserordentliche Mitgliederversammlung des Jungen Grünen Bündnisses Nordwest vom 3. November 2019 wählte als Nachfolger von Dominik Beeler Simon Fankhauser in das Co-Präsidium.

Zu sieben Fällen von Sachbeschädigungen an Autos kam es in der Nacht von Freitag auf Samstag, 2. November, in der Umgebung der Tramhaltestelle "Vogesenstrasse" in Reinach.

Der Gemeinderat von Riehen erwartet für die Planperiode 2020 bis 2023 jährliche Defizite von 1,3 bis 2,5 Millionen Franken.

Susanne Wäfler-Müller (42) wird ab dem 1. Mai 2020 die Führung der Kantonsbibliothek Baselland übernehmen und auf Gerhard Matter folgen, der im Frühjahr in den Ruhestand gehen wird.

Zu Beginn des Schuljahrs 2021/22 wird Informatik als obligatorisches Fach in allen Baselbieter Gymnasien eingeführt.