Claude Bühler – Premiere am Theater Basel

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Theater Basel, Schauspielhaus
Premiere

"Caligula"

Autor: Albert Camus
Inszenierung: Antonio Latella
Bühne: Simone Mannino

Kostüme: Simona D’Amico
Musik: Franco Visioli
Licht: Cornelia Hunziker
Choreographie: Francesco Manetti
Video: Matteo Sbaragli
Dramaturgie: Federico Bellini, Ewald Palmetshofer

Mit Vincent Glander, Steffen Höld, Martin Hug, Katja Jung, Thomas Reisinger, Thiemo Strutzenberger, Ingo Tomi

Dauer: 2 Stunden 50 Minuten mit Pause


Terror aus verdrängtem Schmerz

Mit dem Tod seiner Schwester und Geliebten Drusilla scheint Caligula den Verstand verloren zu haben. Das Beinkleid an den Füssen kriecht Gaius Caesar Augustus Germanicus, nachdem er drei Tage lang gesucht wurde, in seinen Palast zurück. Fortan überzieht er das römische Reich drei Jahre lang kindisch-sadistisch mit Terror. Seine Senatoren lässt er neben seiner Sänfte herrennen, nennt sie herabwürdigend "Fräulein", tötet sie oder ihre Familienangehörigen. Eine Laune genügt, wie er voller Verachtung bekräftigt. Er fordert sie zu wahrhaftiger Aussage heraus, auch wenn diese das sichere Todesurteil nach sich zieht.
 
Nicht die Liebe zu Drusilla und ihr Tod habe ihn dahin gebracht, sondern die "Erkenntnis" (Camus), dass die Welt schlecht eingerichtet sei: "Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich." Albert Camus entdeckte 1938 in den Kaiserviten des römischen Geschichtsschreibers Sueton, dass Caligula (12 n. Chr. bis 41) etwa dem Mond beischlafen wollte oder dort Stege ins Meer bauen liess, wo es besonders tief und unruhig war. Der 25-jährige Jungphilosoph erkannte darin ein "leidenschaftliches Verlangen nach dem Unmöglichen". Durch "Umkehrung aller Werte" versuche er "Freiheit zu üben" – Freiheit freilich nur für sich allein. Seine Ermordung am Ende durch die Untertanen sei ein "Selbstmord auf höherer Ebene".
 
Aus Camus' sperrig-papiernem Diskurs über die Grösse und den Fall des römischen Schreckensherrschers wird im Basler Schauspielhaus eine Vergegenwärtigung von Caligulas Erlebniswelt. Ohne in Geisterbahn-Mache abzugleiten hat der italienische Regisseur Antonio Latella daraus schauerliche Theaterstunden gestaltet, die einem Angst einjagen können. Dunkle Urbilder stellt Latella hin, ruft in uns entlegene seelische Zonen wach.
 
Wenn Caligula sich in einer grotesken Show im Rokoko-Kostüm als Göttin Venus anbeten lässt, sehen wir projiziert auf der Hinterwand einen Schimmel herangaloppieren. Die Kamera gleitet heran, fokussiert auf die angsterfüllten Augen, verfolgt das Tier bis es – man ahnt es im Voraus – im Schlachthof hängt. Wenn er im Nebenzimmer die Frau des Senator Mucius beschläft, während der auf der Bühne die Fassung verliert, sieht man im Hintergrund verhuschte Videobilder einer Penetration. Es geht weder um die Porno-Provokation des Publikums noch allein um Caligulas Affront gegen Mucius: Fühlbar wird eine düstere Sexualmagie, die auf Unterwerfung und Zerstörung gründet.
 
Im Schlussbild verdichtet Latella alles in eins: Schwarz die Wände, eng der Raum, die tief hinein hängende Glühbirne wird langsam hochgezogen und lässt den auf einem Drehtischchen rotierenden Prätorianertribun Cherea in Dunkelheit zurück. Er onaniert. Eben hat er in einem Komplott Caligula erschossen. Aus Chereas hastigem Atem spricht nicht allein die sexuelle Erregung eines Perversen, der sich am Tötungsakt aufgeilt. Man erlebt auch die Angst im lichtlosen Raum, die aufgebrachte Kreatur vor dem gähnenden Nichts, die sich infantil am Sexualorgan festhält.
 
Bevölkert man als Zuschauer dieses Nichts mit den Erinnerungen an Caligulas Ermordete und Gequälte, wovon der Gewaltherrscher im Schlussmonolog spricht, so drängen sich in Caligulas (und Camus’) Nihilismus die Höllenvisionen dessen, der sich entmenschlicht hat. Dass Caligula nicht wie von Camus vorgesehen vor einem Spiegel verzweifelt, sondern Chereas Rotieren aus der Mitte des Zuschauerraums zusieht, betont seine gefühlsmässige Abgehängtheit, seine Isoliertheit.
 
Auf sie fokussiert Latella. Immer wieder knacken laut aus dem Off Nüsse, die aufgebrochen werden: Ein Doppelbild für innere Abkapselung und die Zerstörung von Menschen. Latella dehnt die Szene, in der die Geliebte Caesonia Caligula zum Weinen oder zum Schlafen auffordert.

Immer wieder spürt man in Strutzenbergers Spiel, wie es in Caligulas Innerem wühlt – aber verhärtet leugnet er jede echte Anteilnahme ab. Latella zeigt also weniger eine "Tragödie der Erkenntnis" (Camus) als viel mehr die einer Person, die jede Bereitschaft verweigert, Schmerz – etwa über den Verlust Drusillas - zu empfinden. So wird der Satz gefühlsmässig verständlich, wenn er nach einem Mord sagt, was er am meisten an sich bewundere, sei seine Empfindungslosigkeit.
 
Strutzenberger vermag auch bei leisem Sprach-Singsang einen Sog herzustellen, der nie abreisst. Dass er einen infantilen Despoten spielen kann, hat er auch schon in anderen Rollen gezeigt; hier vermag er selten zu überraschen. Mit Frische und mit wunderbarer Führung überzeugt Vincent Glander als Dichter Scipio. Martin Hug und Thomas Reisinger als angsterfüllte Senatoren sind ein Erlebnis. Insgesamt spielt das Ensemble konzentriert auf und vermag den nicht überall leicht zugänglichen Stoff so zu tragen und aufzufächern, dass das Publikum über die ganze Aufführungsdauer dran bleibt.
 
Um es deutlich zu sagen: Latella und das Ensemble haben Camus’ schwieriges Stück ohne interpretatorische Ausweichmanöver dicht erzählt. Eine der besten – wenn nicht die beste - Schauspiel-Leistung in Becks Basler Intendanz.

12. November 2016
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Claude Bühler, ist Journalist und Schauspieler in Basel. Er arbeitete erst als Freier Journalist bei Printmedien sowie als Medienverantwortlicher von act entertainment. Derzeit Redaktor und Produzent bei Telebasel. Als Schauspieler war er in verschiedenen Regie-Arbeiten der Basler Schauspielerin und Regisseurin Ingeborg Brun sehen, beispielsweise als Jean in "Fräulein Julie" (A. Strindberg), aber auch als Professor Siebegscheit im Märli "Froschkönig" des Theater Fauteuil oder als Lucky in "Warten auf Godot" (S. Beckett) des Theater Marat Sade.

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"Nun will auch dieses den Exitus schaffen."

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über den Wegzug des
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Hoffen wir, dass beim Exodus die letale Dosis ausbleibt.

RückSpiegel


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20 minuten online
bezog sich im Bericht über die Email-Affäre um Joël Thüring auf OnlineReports.

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und die Gundeldinger Zeitung zogen die OnlineReports-Meldung über den Velofriedhof am Basler Bahnhof SBB weiter.

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Die BZ Basel nahm die OnlineReports-Meldung über die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft zum Urteil gegen den Basler Datenschnüffler-Polizisten auf.

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In ihrem Artikel über Markus Ritters Abgang aus dem Basler Präsidialdepartement bezog sich die Basler Zeitung auf OnlineReports.

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In ihrem Bericht über die "FDP Baselland auf seltsamen Wegen" (Schlagzeile) nimmt die Basler Zeitung zentral auf einen OnlineReports-Primeur über den neu auftauchenden Namen Daniel Recher Bezug.

Die Kommentar-Plattform Infosperber geht auf die Berichterstattung von OnlineReports zum Mord an Martin Wagner ein.

In ihrem Kommentar zu "Lukas Engelberger, der Pressezensor" nimmt die Basler Zeitung eine Metapher ("medienrechtliche Namesburka") von OnlineReports auf.

InsideParadeplatz.ch empfahl den Lesern die Lektüre des OnlineReports Porträts des getöteten Medienanwalts Martin Wagner.

Die OnlineReports-Erstnachricht über den gewaltsamen Tod des Basler Wirtschaftsanwalts Martin Wagner in Rünenberg haben unter anderen der Tages-Anzeiger, BZ Basel, Le Temps, Tageswoche, 20 Minuten, Watson, Telebasel, die Volksstimme, der Blick und nau.ch aufgenommen.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


• Die Grünen Baselland folgten dem Vorstand und nominierten Isaac Reber für die Regierungsratswahlen 2019 (dritte Amtsperiode).

• Die Basler Grünliberalen lancieren in Riehen eine Petition zum Thema Kunststoff-Recycling, die sowohl in Riehen wie in Basel eingereicht wird.

• Seit 1. Juni ist Bettina Bühler als Nachfolgerin von Birgit Sachweh Geschäftsführerin des Frauenhauses beider Basel.

• Laut einer Studie des Versicherungskonzerns "Baloise" ist Fussball die "gefährlichste Sportart der Welt", da sich jeder vierte Sportunfall in dieser Gattung ereignet.

Anja Bandi übernimmt Anfang Juni von Marc Lüthi die Gesamtleitung der Abteilung Bestattungswesen der Stadtgärtnerei Basel.

• Noch eine neue Aufgabe für die Baselbieter FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger: Sie wird anstelle der zurücktretenden Christine Gorrengourt Verwaltungsrätin der BLT.

Erfolgreich verlief der ausserordentliche Sirenentest am 23. Mai in beiden Basel.

• Der Baselbieter FDP-Landrat Andreas Dürr wurde als Nachfolger von Urs Schweizer zum neuen Präsidenten des ACS beider Basel gewählt.

• Die Basler Energieversorgerin IWB steigerte 2017 den Umsatz auf 739 Millionen Franken, doch fiel der Jahresgewinn mit 74 Millionen Franken wegen Wertberichtigungen und Rückstellungen um 33 Millionen Franken niedriger aus als im Vorjahr.

• Die Baselbieter FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger wurde zur Vizepräsidentin des Schweizerischen Gewerbeverbands gewählt.

• Nach Konditionstrainer Marco Walker verlässt nun auch Fitness-Chef Werner Leuthard (56) per Ende Saison den FC Basel.

Barbara Gafner soll zur neuen Vorsteherin der unabhängigen staatlichen Finanzkontrolle des Kantons Baselland gewählt werden.

• Die Baselbieter FDP-Sektionen Binningen und Bottmingen haben in getrennten Abstimmungen die Fusion zur FDP Binningen-Bottmingen beschlossen.

• Die BKB-Filiale am Basler Neuweilerplatz 1, während der letzten Monate umfassend modernisiert, wurde am 5. Mai mit einem Eröffnungsfest für das Quartier neu eröffnet.

• Die Baselbieter Grünen werden in der Oberwiler Dorfpolitik aktiv, indem sie die Themen und das personelle
Engagement der sich auflösenden Neuen Liste Oberwil (NLO) übernehmen.

• Der Basler Erziehungsdirektor Conradin Cramer übernimmt per 1. Mai das Präsidium der Stiftung "éducation21", einer Fachagentur der Schweizerischen Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK), die sich der Bildung für nachhaltige Entwicklung widmet.

10'454 Patienten weist die Psychiatrie Baselland für das Geschäftsjahr 2017 aus.

Peter Brodmann wird neuer Baselbieter Kantonschemiker und Leiter des Amts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen als Nachfolger von Peter Wenk, der Ende August in Pension geht.

• Die Grünen Baselland nominieren im Hinblick auf die Delegiertenversammlung vom 5. Mai in Olten Landrätin Florence Brenzikofer als Vizepräsidentin der Grünen Schweiz.

• Der Gemeinderat von Birsfelden hat auf einen Vorstoss von Désirée Jaun (SP)beschlossen, als erste Gemeinde in der Nordwestschweiz die Auszeichnung als "Fair Trade Town" anzustreben.

• In der Amtsperiode 2018-2022 bilden die Grünliberalen (GLP) im Einwohnerrat Riehen gemeinsam mit dem parteilosen David Moor eine Fraktion.

• Die Basler Badesaison beginnt im beheizten Sportbad St. Jakob (28. April), in den unbeheizten Becken des Gartenbads St. Jakob (12. Mai), im Gartenbad Eglisee (19. Mai) und im Gartenbad Bachgraben infolge Sanierungsarbeiten (2. Juni 2018).

• Die SP Muttenz hat an ihrer Generalversammlung Kathrin Schweizer einstimmig als Regierungsrats-Kandidatin der SP Baselland nominiert.

• Nach fast zwanzig Jahren Tätigkeit verlässt Moderatorin Tamara Wernli Telebasel, weil sie sich künftig aufs Schreiben konzentrieren will.

• Die Gemeinde Riehen ist laut der Einschätzung des Gemeinderates "weiterhin kein Hotspot für kriminelle Aktivitäten".

Heidi Mück und Tonja Zürcher bleiben laut Wahl durch die Mitglieder für weitere zwei Jahre Co-Präsidentinnen von "Basta".