Aurel Schmidt: "Seitenwechsel"

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Interessante neue Töne in der Politik

Es ist uns noch nie so gut gegangen wie heute. Das ist die neueste Lautsprecherdurchsage zur Verbreitung eines allgemeinen Zufriedenheits-Klimas. 93 Prozent der Menschen sind mit geringen örtlichen Unterschieden mit ihrer Lebenssituation "sehr" oder "ziemlich" zufrieden. Auf allen Kanälen hat die Stimmung umgeschlagen – in unterschiedlicher Weise. Ach ja? Die Begriffslage ist unübersichtlicher geworden.

Es kommt nur darauf an, wie die Umfragen durchgeführt werden. Werden die Menschen gefragt: "Sind Sie zufrieden?", antworten sie sofort zustimmend mit ja. Fragt man sie andersherum, fangen sie an, von ihren Abstiegsängsten zu sprechen. Viele und immer mehr Menschen können von ihrem Arbeitseinkommen nicht leben. In Frankreich streiken Bahnarbeiter, Studenten und andere Berufsgruppen. "Wer nicht spurt, fliegt", titelte kürzlich der "Blick", der je nach aktueller Seelenlage als zuverlässiger Gradmesser der helvetischen Befindlichkeit angesehen werden kann.

Sieht das nach Zufriedenheit aus? Vieles stimmt ideologisch, was realiter dem medial verbreiteten Eindruck völlig widerspricht.

Wenn Frauen wegen #Metoo anderen Frauen widersprechen, bricht ein Schwall von Hässigkeiten über ihnen los. Divergierende Meinungen stören fast immer. Wer Israel wegen  seiner Besatzungspolitik in Palästina anklagt, wie es auch die UNO macht, gilt als Antisemit, genau wie als Islamophob beschuldigt wird, wer kritisch zum Islam Stellung nimmt.


"Wir reden wie vor dreissig Jahren, aber
die Begriffe verändern ihre alte Bedeutung."



Niemand weiss genau, was in den deutschen Moscheevereinen geschieht, aber dass sie dem Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei und damit dem Einfluss von Staatspräsident Erdogan unterstehen, ist bekannt. Ebenso offenkundig ist, dass Erdogan die türkischen Gemeinden in Deutschland als exterritoriales Gebiet betrachtet.

Ob der Islam zu Europa gehört, ist nicht so wichtig, aber dass der Islam Europa verändert, darüber muss man reden. Es ist höchste Zeit. Die Zeitschrift "Cicero" hat kürzlich einen bemerkenswerten Artikel zum Thema recherchiert, ebenso der deutsche "Tagesspiegel" über die Veränderungen in Altenessen (Stadtteil von Essen). In jüngster Zeit hat der Islamwissenschafter Bassam Tibi mehrmals die Migrationspolitik in Deutschland kritisiert. Vielleicht ist es ein Grund, genauer hinzuhören, wenn er als Deutscher und Muslim seine Meinung vertritt.

Kritik ist eine Methode und eine Kultur der Meinungsbereinigung und hat nichts mit Hass zu tun, falls das jemand annehmen sollte. Wir hätten "gehorsame Demokraten" zu sein, spottete einst Friedrich Dürrenmatt mit seinem unvergleichlichen Sarkasmus. Manchmal sieht es aus, als sei eine politisch korrekte, also eigentlich gehorsame Einheitsmeinung, die von bodenloser Rechtschaffenheit geprägt ist, erstrebenswerter als eine, wenngleich heftig geführte Kontroverse.

Die belgische Politikwissenschafterin Chantal Mouffe hat ausgeführt, dass der Dissens ein legitimer Standpunkt sei. Und Moral beginnt, notabene, mit dem Zweifel. Von "Scepticism" sprach der Basler Kulturhistoriker Jacob Burckhardt, dem man wegen seines 200. Geburtstags am kommenden 25. Mai zur Zeit mit verschiedenen klugen Sätzen in einer Plakat-Aktion in Basel begegnen kann.

Die sozialen und Mainstream-Medien haben viel zur furchtbaren Vereinseitigung der Auseinandersetzung beitragen. Aber seit einiger Zeit kann eine Gegenentwicklung beobachten. Als kürzlich der deutsche Schriftsteller Uwe Tellkamp meinte, 95 Prozent der Migranten kämen nicht aus politischen Gründen nach Europa (Deutschland), sondern wegen der Sozialleistungen, erhob sich umgehend der übliche Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit, aber es gab auch andere Stimmen, die für ihn Partei ergriffen.

Kürzlich hat der renommierte deutsche Schriftsteller Rüdiger Safranski die AfD Partei verteidigt und politische Korrektheit als "politisches Frömmlertum" bezeichnet, und in "Le Figaro" meinte der bekannte französische Autor Emmanuel Todd, Freihandel und Globalisierung könnten nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Das sind interessante, völlig neue Töne in der Diskussion. Angela Merkel hat mit ihrem "Wir schaffen das" wahrscheinlich zu einem Meinungsumschwung beigetragen.

Die Welt verändert sich rasend schnell, nur die Diskurse tun es nicht. Wir reden im Stil wie vor zehn, zwanzig, dreissig Jahren, aber die Begriffe verändern und verlieren ihre alte Bedeutung. Freihandel verursacht die zunehmende soziale Ungleichheit in Europa, so hatte Todd es gemeint. Mit dem Liberalismus könnten wir bald am Ende unseres Lateins sein. Es gibt also bedenkenswerte Gründe, ein bisschen differenzierter über die Welt nachzudenken, nicht aus Hass, aber als Zeichen von Differenzierungsvermögen und vielleicht von Intelligenz.

7. Mai 2018
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Aurel Schmidt, Jahrgang 1935, war bis Mai 2002 Redaktor der "Basler Zeitung" (vorher "National-Zeitung"). Er war mitverantwortlich für das jeden Samstag erscheinende "Basler Magazin" und verfasste zahlreiche philosophische Essays, Reise-Reportagen, Kommentare und Kolumnen. Schmidt, der heute als Schriftsteller und freier Publizist in Basel lebt, machte sich auch als Autor mehrerer Bücher einen Namen: "Der Fremde bin ich selber" (1982), "Wildnis mit Notausgang. Eine Expedition" (1994), "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen" (1998). Ausserdem liegen vor: "Lederstrumpf in der Schweiz. James Fenimore Cooper und die Idee der Demokratie in Europa und Amerika" (2002), "Gehen. Der glücklichste Mensch auf Erden" (2006), "Auch richtig ist falsch. Ein Wörterbuch des Zeitgeists" (2009). Zuletzt erschienen: "Die Alpen. Eine Schweizer Mentalitätsgeschichte" (2011).

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"Nach Sumpftour in Keller gelockt und ausgeraut"

OnlineReports.ch
Schlagzeile
vom 23. August 2019
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Sogar der Redaktor raubte ihm einen Buchstaben.

RückSpiegel


Die BZ nahm den OnlineReports-Primeur über eine Rückzahlung der wegen Veruntreuung angeklagten ex-Kassierin der katholischen Krichgemeinde Grellingen auf.

Die Basler Zeitung greift in ihrem Bericht über die E-Trottinett-Anarchie auf ein OnlineReports-Interview zurück.

In ihrem Bericht über die Hühnerhaltung auf einem Basler Mehrfamiienhaus nimmt die BZ Bezug auf eine frühere Recherche von OnlineReports.

Die BZ bezog sich in ihrer Recherche über die Abgänge von Kaderärzten am Kantonsspital Baselland auf einen Bericht in OnlineReports.

Die BZ berief sich in einem Bericht über die Massenkündigungen am Schorenweg auf eine OnlineReports-News.

Die Schweiz am Wochenende und die Basler Zeitung haben die OnlineReports-News über den Bombenalarm am EuroAirport aufgenommen.

Das SRF-Regionaljournal, Telebasel, die Schweiz am Wochenende und Prime News haben den OnlineReports-Primeur über die Schliessung des Basler Kinos "Rex" nachgezogen.

In ihrem Bericht über den Gelterkinder Antennenposter-Streit bezog sich die Basler Zeitung auf OnlineReports.

Die BZ nahm die OnlineReports-News über den Rücktritt der Basler Unispital-Verwaltungsrätin Irmtraut Gürkan aus dem Vorstand des Universitäts-Klinikums Heidelberg auf.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


Designierte Verwaltungsratspräsidentin der Schweizerischen Rheinhäfen ist Martina Gmür, Petra Mösching wird Mitglied des Verwaltungsrats.

Der Verein Region Oberbaselbiet wählte den aus dem Fricktal stammenden Gerry Thönen, der die Oberbaselbieter Gemeinden bis zur Gründung des Regionalvereins betreute, zum Geschäftsführer.

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 70-Jahr Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel organisiert die Schweizer Botschaft in Israel im September diverse Anlässe mit Bezug zu Basel.

Die Parteileitung des CVP-Wahlkreises Liestal hat einstimmig beschlossen, Elisabeth Augstburger für die Ständeratswahlen vom 20. Oktober zu unterstützen.

Schweizerische Rheinhäfen: Benedikt Weibel hat seinen Rücktritt als Verwaltungsrats-Präsident per 31. Dezember 2019 bekannt gegeben; Martin Dätwyler, Direktor der Handelskammer beider Basel, trat per 30. Juni zurück.

Beat Tschudin (48), seit rund zwölf Jahren den Fachbereich Fahrzeugbewirtschaftung der Baselbieter Polizei, übernimmt ab Dezember die Leitung des Fahrzeugwesens der Bau- und Umweltschutzdirektion als Nachfolger von Christian Oberhausser, der Ende August in vorzeitige Pension geht.

• Das Basler Gesundheits-Departement hat den Umzug von der St. Alban-Vorstadt an seinen neuen Hauptstandort an der Malzgasse 30 in Basel abgeschlossen.

Tom Ryhiner und Balz Stückelberger wurden an einer ausserordentlichen Generalversammlung in den Verwaltungsrat der St. Clara AG und damit gleichzeitig in den Verwaltungsrat des Claraspitals gewählt.

• Am 21. Juni fand der Spatenstich für den Neubau des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts) im BaseLink-Areal in Allschwil statt.

• Die Generalversammlung der "SVP Frauen Basel-Stadt" wählte Gianna Hablützel-Bürki einstimmig zur neuen Präsidentin.

• Nach elfjähriger Tätigkeit als Bürgerrätin der Basler Bürgergemeinde tritt die Juristin Gabriella Matefi auf Ende Jahr zurück.

• Die Nationalratsliste der Jungen LDP: Benjamin Grob, Emélie Dunn, Benjamin von Falkenstein, Adrienne Strahm und Michael Hug.

• Der frühere BVB-Kommunikations-Chef Stephan Appenzeller tritt die Nachfolge von Stephan Maurer als Präsident der IGöV Nordwestschweiz an.

• Die Nationalrats-Kandidierenden der EVP Baselland: Elisabeth Augstburger, Liestal; Sara Fritz, Birsfelden; Martin Geiser, Gelterkinden; Andrea Heger, Hölstein; Werner Hotz, Allschwil; Lukas Keller, Bottmingen

• Die Stadt Weil am Rhein und der Kanton Basel-Stadt veranstalten gemeinsam einen städtebaulichen Studienauftrag für das Areal Otterbach Süd in Weil am Rhein, das sich im Eigentum der Einwohnergemeinde der Stadt Basel befindet.

• Der SP-Vizepräsident Mustafa Atici tritt Ende Mai aus dem Grossen Rat zurück und nach damit seiner Nachfolgerin Michela Seggiani Platz.

• Die Wintersingerin Nicole Roth wird neue Präsidentin der Jungen SVP Baselland (JSVP BL).