Aurel Schmidt: "Seitenwechsel"

<< [ 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | (...) | 206 ] >>

Wo sich der Disput ins Dogmatische verkehrt

Wenn in der Vergangenheit die Menschen miteinander nicht einverstanden waren, sagten sie, was sie dachten und stritten miteinander, manchmal heftig. War die Polizeistunde gekommen, trennten sie sich lachend und hatten den Eindruck, einen angeregten Abend verbracht zu haben. Ja, es gab Meinungsverschiedenheiten, aber sie dauerten nicht ewig, und morgen war auch ein Tag.
 
Heute ist es ein Risiko geworden, eine eigene Meinung zu vertreten. Mit einer solchen eigenen Meinung ist per definitionem eine vom Mainstream abweichende gemeint, die der Kritik ausgesetzt ist. Sie muss sich rechtfertigen. Das macht nichts, sie soll ja zur Findung von Erkenntnis führen. Das kann Darwins Evolutionstheorie, der Einsatz von Torlinienkameras, ein Dieselverbot, der Islam sein, was auch immer.

Die Sache dabei ist die, dass der Mainstream sich im Unterschied zur individuellen und Minderheitsmeinung kaum erklären oder rechtfertigen muss. Er ist unangefochten im Besitz der Wahrheit.

Was jetzt neu ist: Wahrheit, wenn damit eine Form von Übereinstimmung gemeint sein soll, ist in diesem Fall nicht das Ergebnis einer Auseinandersetzung, sondern eine Verordnung. Nicht auf den Ausgang des diskursiven Prozesses kommt es an, sondern auf eine (zufällige) Mehrheit, die entscheidet, was Wahrheit ist beziehungsweise was als richtig und normativ zu gelten hat.
 
Das Risiko der eigenen, unabhängigen Meinung hat kürzlich der Google-Angestellte James Damore erfahren, der in einem internen Papier die Ansicht vertrat, dass Frauen sich mehr für Menschen und Männer mehr für Dinge, Geräte, Technik interessieren. Das war politisch höchst unkorrekt. Google sah seinen Ruf beschädigt. Damore wurde entlassen. Google locuta, causa finita.


"Es ist Krieg: Meinungskrieg, Glaubenskrieg,
Behauptungs- und Verteidigungskrieg."



I
n Anbetracht, dass Silicon Valley sich zum Weltzentrum der digitalen Herrschafts-Technologie entwickelt hat, finde ich Damores Einstellung nicht unbedingt unsympathisch. Ich bin aber nicht sicher, ob die Verteilung von Technik-Affinität in dieser Form stimmt. Nach meinen Beobachtungen eher nicht. Alles spricht dafür, dass es ebenso viele Männer und Frauen gibt, die mit Technik umzugehen wissen, wie es Männer und Frauen gibt, bei denen das nicht zutrifft. Jeder und jede nach seiner und ihrer Façon. Und das Recht auf Ignoranz sollte niemandem verwehrt werden.

Aber musste Google Damore wegen seiner Ansicht gleich die Liebe entziehen? Schliesslich gibt es in den USA ein verfassungsmässiges Recht auf freie Meinungsäusserung, jedoch offenbar mit variablen Restriktionen, je nachdem, wer gerade das Mikrofon in der Hand hält.

Dass Menschen selten gleicher Meinung sind, ist das Natürlichste auf der Welt. Wieso nicht? Ich bin ja auch nicht mit allem einverstanden, also müssen die anderen es auch nicht sein. Einhelligkeit ist keine Tugend, und das mit dem Segen der Meinungsführer und Tonangeber ausgestattete Einvernehmen kommt einer Preisgabe von Differenzierungsvermögen und kritischem Urteil gleich.


A
us einem Narrativ geht eine Überzeugung hervor, aus Meinungsvielfalt eine Hegemonialmeinung. Es geschieht im Nu. Man ginge ein Risiko ein, etwas dagegenhalten zu wollen. Die Angst, etwas Falsches zu sagen, lässt viele schweigen. Aber Appeasement, um den Frieden zu retten, schadet ihm erst recht. Auch der Witz, der als Funktion des Unterbewusstseins selten politisch korrekt ist, hat nichts mehr zu suchen, er ist nicht mehrheitsfähig.

Früher waren "alle Menschen gleich", heute ist an Stelle von Pluralismus Diversität und von sozialen Forderungen die Verteidigung von ethnischen und sexuellen Minoritäten getreten. Je enger diese Gruppen zusammengesetzt sind, desto radikaler und rabiater werden ihre Ansprüche vertreten.

Im kleinen Kreis kann der Disput eine lebendige, sportliche Veranstaltung sein. Steigt jedoch die Zahl der Diskutanten in unüberblickbare und im Zeitalter der Social Media vor allem in anonyme Dimensionen, tritt ein kritischer Punkt ein, an dem das soziophysische System ins Schlingern gerät. Da jeder Mensch für sich eine Minorität bildet, ist eine verbindliche gemeinsame Sozialpolitik zu finden schwierig geworden.

Genau genommen stellt jeder einzelne Mensch eine Minorität dar. Der Neoliberalismus hat das Terrain vorbereitet, als er die Polis durch den Markt ersetzte. Seitdem sind die Menschen füreinander zu Konkurrenten geworden (eigentlich zu Mitläufern), die auf der Rennbahn des Marktes einen Wettlauf beziehungsweise einen Konkurrenzkampf unter sich austragen, bei dem jeder der erste sein will. Für alle gilt die Devise: "The winner takes it all". Einer gewinnt, die übrigen: ab in die Ecke!
 
Kein Wunder, dass unter solchen Voraussetzungen ausser dem Sieger alle Teilnehmer das Gefühl haben, zu kurz zu kommen. Der Vorwurf der Benachteiligung und Diskriminierung lauert überall. Auf jeden und jede kann er in irgendeiner Weise fallen, jeder und jede ist ein mögliches Ziel. Es ist Krieg: Meinungskrieg, Glaubenskrieg, Behauptungs- und Verteidigungskrieg – das neueste Szenario der Zeit.

18. September 2017
 Ihre Meinung zu dieser Kolumne
(Mails ohne kompletten Absender werden nicht bearbeitet)
Aurel Schmidt, Jahrgang 1935, war bis Mai 2002 Redaktor der "Basler Zeitung" (vorher "National-Zeitung"). Er war mitverantwortlich für das jeden Samstag erscheinende "Basler Magazin" und verfasste zahlreiche philosophische Essays, Reise-Reportagen, Kommentare und Kolumnen. Schmidt, der heute als Schriftsteller und freier Publizist in Basel lebt, machte sich auch als Autor mehrerer Bücher einen Namen: "Der Fremde bin ich selber" (1982), "Wildnis mit Notausgang. Eine Expedition" (1994), "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen" (1998). Ausserdem liegen vor: "Lederstrumpf in der Schweiz. James Fenimore Cooper und die Idee der Demokratie in Europa und Amerika" (2002), "Gehen. Der glücklichste Mensch auf Erden" (2006), "Auch richtig ist falsch. Ein Wörterbuch des Zeitgeists" (2009). Zuletzt erschienen: "Die Alpen. Eine Schweizer Mentalitätsgeschichte" (2011).

© Foto by OnlineReports.ch

aurel.schmidt@bluewin.ch

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei;
sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)

www.onlinereports.ch
© Das Copyright sämtlicher auf dem Portal www.onlinereports.ch enthaltenen multimedialer Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) liegt bei der OnlineReports GmbH sowie bei den Autorinnen und Autoren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Veröffentlichungen jeder Art nur gegen Honorar und mit schriftlichem Einverständnis der Redaktion von OnlineReports.ch.

Die Redaktion bedingt hiermit jegliche Verantwortung und Haftung für Werbe-Banner oder andere Beiträge von Dritten oder einzelnen Autoren ab, die eigenen Beiträge, wenn auch mit Zustimmung der Redaktion, auf der Plattform von OnlineReports publizieren. OnlineReports bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen darum, Urheber- und andere Rechte von Dritten durch ihre Publikationen nicht zu verletzen. Wer dennoch eine Verletzung derartiger Rechte auf OnlineReports feststellt, wird gebeten, die Redaktion umgehend zu informieren, damit die beanstandeten Inhalte unverzüglich entfernt werden können.

 

fileadmin/templates/pics/gesehen.gif
BZ Basel
Kolumne
vom 23. Mai 2018
fileadmin/templates/pics/gesehen.gif

Oh, das tut weh. Augenarzt und Mediator daher! Schreibgerangel.

Veranstaltungs-Hinweis

 

OFFENE TORE
zu historischen Wohnbauten
am Sa/So 26./27. Mai
Zahlreiche Gratis-Führungen in sehenswerten Altstadt-Häusern in Basel und in der ganzen Schweiz. Eine Aktion des Vereins DOMUS ANTIQUA HELVETICA aus Anlass des Europäischen Kulturerbejahres 2018.

Genauere Informationen und Online-Anmeldung für Gratis-Tickets über www.domusantiqua.ch/offenetore

RückSpiegel


Die BZ Basel nahm in ihrer Meldung über Christian Kellers Abgang bei der "Basler Zeitung" Bezug auf eine vorangegangene Nachricht in OnlineReports.

Barfi.ch
und die Gundeldinger Zeitung zogen die OnlineReports-Meldung über den Velofriedhof am Basler Bahnhof SBB weiter.

Die OnlineReports-Erstnachricht vom Tod des ehemaligen Basler Regierungsrates Lukas "Cheese" Burckhardt wurde von Barfi.ch, der BZ Basel, die Basler Zeitung, vom SRF-Regionaljournal und von der Nachrichtenagentur SDA aufgenommen.

Die BZ Basel nahm die OnlineReports-Meldung über die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft zum Urteil gegen den Basler Datenschnüffler-Polizisten auf.

Die BZ Basel zog die OnlineReports-News über den Einbürgerungs-Streit der drei baselstädtischen Bürgergemeinden mit dem Kanton Basel-Stadt und den Gang ans Bundesgericht nach.

Die Schweiz am Sonntag schrieb eine OnlineReports-Nachricht über die rechtlichen Schritte der Wirtschaftskammer Baselland gegen die "Basler Zeitung" ab.

In ihrem Artikel über Markus Ritters Abgang aus dem Basler Präsidialdepartement bezog sich die Basler Zeitung auf OnlineReports.

20 Minuten, die BZ Basel, theworldnews.net, die Basler Zeitung, die Tageswoche, die Bauernzeitung und Telebasel nahmen die OnlineReports-Story über das gescheiterte Projekt von "Urban Farmers" in Basel auf.

Die BZ Basel, die Basler Zeitung und das Regionaljournal zogen die OnlineReports-Meldung über die Schliessung der Basler Buchhandlung "Narrenschiff" nach.

Die Basler Zeitung nahm die OnlineReports-Nachricht vom Tode des früheren BLKB-Bankrats-Präsidenten Werner Degen auf.

In ihrem Bericht über die "FDP Baselland auf seltsamen Wegen" (Schlagzeile) nimmt die Basler Zeitung zentral auf einen OnlineReports-Primeur über den neu auftauchenden Namen Daniel Recher Bezug.

Die Kommentar-Plattform Infosperber geht auf die Berichterstattung von OnlineReports zum Mord an Martin Wagner ein.

In ihrem Kommentar zu "Lukas Engelberger, der Pressezensor" nimmt die Basler Zeitung eine Metapher ("medienrechtliche Namesburka") von OnlineReports auf.

InsideParadeplatz.ch empfahl den Lesern die Lektüre des OnlineReports Porträts des getöteten Medienanwalts Martin Wagner.

Die OnlineReports-Erstnachricht über den gewaltsamen Tod des Basler Wirtschaftsanwalts Martin Wagner in Rünenberg haben unter anderen der Tages-Anzeiger, BZ Basel, Le Temps, Tageswoche, 20 Minuten, Watson, Telebasel, die Volksstimme, der Blick und nau.ch aufgenommen.

Weitere RückSpiegel

In einem Satz


Erfolgreich verlief der ausserordentliche Sirenentest am 23. Mai in beiden Basel.

• Der Baselbieter FDP-Landrat Andreas Dürr wurde als Nachfolger von Urs Schweizer zum neuen Präsidenten des ACS beider Basel gewählt.

• Die Basler Energieversorgerin IWB steigerte 2017 den Umsatz auf 739 Millionen Franken, doch fiel der Jahresgewinn mit 74 Millionen Franken wegen Wertberichtigungen und Rückstellungen um 33 Millionen Franken niedriger aus als im Vorjahr.

• Die Baselbieter FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger wurde zur Vizepräsidentin des Schweizerischen Gewerbeverbands gewählt.

• Nach Konditionstrainer Marco Walker verlässt nun auch Fitness-Chef Werner Leuthard (56) per Ende Saison den FC Basel.

Barbara Gafner soll zur neuen Vorsteherin der unabhängigen staatlichen Finanzkontrolle des Kantons Baselland gewählt werden.

• Die Baselbieter FDP-Sektionen Binningen und Bottmingen haben in getrennten Abstimmungen die Fusion zur FDP Binningen-Bottmingen beschlossen.

• Die BKB-Filiale am Basler Neuweilerplatz 1, während der letzten Monate umfassend modernisiert, wurde am Samstag, 5. Mai mit einem Eröffnungsfest für das Quartier (10 bis 16 Uhr) neu eröffnet.

• Die Baselbieter Grünen werden in der Oberwiler Dorfpolitik aktiv, indem sie die Themen und das personelle
Engagement der sich auflösenden Neuen Liste Oberwil (NLO) übernehmen.

• Der Basler Erziehungsdirektor Conradin Cramer übernimmt per 1. Mai das Präsidium der Stiftung "éducation21", einer Fachagentur der Schweizerischen Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK), die sich der Bildung für nachhaltige Entwicklung widmet.

10'454 Patienten weist die Psychiatrie Baselland für das Geschäftsjahr 2017 aus.

Peter Brodmann wird neuer Baselbieter Kantonschemiker und Leiter des Amts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen als Nachfolger von Peter Wenk, der Ende August in Pension geht.

• Die Grünen Baselland nominieren im Hinblick auf die Delegiertenversammlung vom 5. Mai in Olten Landrätin Florence Brenzikofer als Vizepräsidentin der Grünen Schweiz.

• Der Gemeinderat von Birsfelden hat auf einen Vorstoss von Désirée Jaun (SP)beschlossen, als erste Gemeinde in der Nordwestschweiz die Auszeichnung als "Fair Trade Town" anzustreben.

• In der Amtsperiode 2018-2022 bilden die Grünliberalen (GLP) im Einwohnerrat Riehen gemeinsam mit dem parteilosen David Moor eine Fraktion.

• Die Basler Badesaison beginnt im beheizten Sportbad St. Jakob (28. April), in den unbeheizten Becken des Gartenbads St. Jakob (12. Mai), im Gartenbad Eglisee (19. Mai) und im Gartenbad Bachgraben infolge Sanierungsarbeiten (2. Juni 2018).

• Die SP Muttenz hat an ihrer Generalversammlung Kathrin Schweizer einstimmig als Regierungsrats-Kandidatin der SP Baselland nominiert.

• Nach fast zwanzig Jahren Tätigkeit verlässt Moderatorin Tamara Wernli Telebasel, weil sie sich künftig aufs Schreiben konzentrieren will.

• Die Gemeinde Riehen ist laut der Einschätzung des Gemeinderates "weiterhin kein Hotspot für kriminelle Aktivitäten".

Heidi Mück und Tonja Zürcher bleiben laut Wahl durch die Mitglieder für weitere zwei Jahre Co-Präsidentinnen von "Basta".

• Der frühere Basler Grossrat und FDP-Nationalrat Urs Schweizer tritt per 15. Mai 2018 nach 15 Jahren als Präsident des ACS beider Basel zurück.

• Nach den Kontrollen an der vergangenen Basler Fasnacht bleiben Pferde von Chaisen und Vorreitern weiterhin erlaubt.

• Die 43-jährige Elisabeth Heer Dietrich wurde mit 82 von 84 Stimmen glanzvoll zur neuen Baselbieter Landschreiberin gewählt.

• Die Revitalisierung der unteren Wiese hat sich aufgrund der vielen Hochwasser um den Jahreswechsel so stark verzögert, dass das Basler Tiefbaumt sie nicht rechtzeitig vor der Fischschonzeit abschliessen konnte und bis Ende Mai pausieren muss.

• Die Rechnung 2017 des Kantons Basel-Stadt schliesst mit einem Überschuss von 251 Millionen Franken ab und liegt damit 108 Millionen Franken über dem Budget.